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Auktionen im Wiener Dorotheum : Von reizenden Frauen und musikfreudigen Männern

  • -Aktualisiert am

Alte Meister und Werke des 19. Jahrhunderts werden im Dorotheum versteigert: Frische Zuschreibungen und modische Schönheiten spicken die Vorschau auf die Wiener Auktionen.

          Wenn das Dorotheum am 21. April wieder seine frühjährliche Altmeister-Auktion abhält, lockt es nicht nur mit Topqualität, sondern auch mit interessanten Provenienzen und Zuschreibungen. So zählte das Los mit der höchsten Schätzung um das Jahr 1675 zur Sammlung des einflussreichen römischen Kardinals Decio Azzolino und wurde im Inventarverzeichnis des späteren Besitzers Graf Antonio Elmi als „Caravaggio“ geführt. Nun gelangt das 103 mal 131 Zentimeter große Gemälde „Christus unter den Schriftgelehrten“ marktfrisch als Werk des Barockmalers Orazio Borgianni zur Auktion; es wurde mit 500.000 bis 700.000 Euro taxiert.

          Der russische Prinz und Mäzen Anatole Demidoff soll einst die „Madonna mit Kind“ besessen haben, die – leider durch restauratorische Eingriffe erschwert – zuletzt als Schöpfung von Giovanni Battista Cima da Conegliano, um 1500, identifiziert wurde (Taxe 80.000/120.000). Aus einem kleinen mobilen Altar könnte die Goldgrundmalerei „Madonna dell’Umiltà“ mit Heiligenfiguren stammen, die Scolaio di Giovanni, der Meister von Borgo alla Collina, wohl in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts gemalt hat. An der 103 Zentimeter hohen Tafel besticht die vollendete Ausführung der Gewandfalten und des Körpers des Jesuskinds unter seinem Kleidchen (50.000/60.000). Der für seinen Umgang mit Farbe nicht nur im 17. Jahrhundert geschätzte Giovanni Battista Salvi, genannt Il Sassoferrato, fügte in seine „Madonna mit den Nelken“ ein exquisites kleines Stillleben ein (150.000/200.000).

          Wer ist das reizende Mädchen mit dem Silberblick? Des Malers Federico Baroccis Nähe zum Adelsgeschlecht der della Rovere deutet darauf hin, dass dieses wunderbar weiche Frauenbildnis die junge Lavinia della Rovere Mitte der siebziger Jahre des 16. Jahrhunderts darstellen könnte. Barocci hat nachträglich die rechte Pupille verändert und dem unvollendeten Bildnis so eine charmante, individuelle Note verliehen (300.000/400.000). Zu den herausragenden Porträts der Offerte zählen auch ein kleines Damenbildnis im Profil von Francesco Pesenti, um 1550 (20.000/30.000), und Prospero Fontanas Darstellung eines würdigen Herren im pelzbesetzten Mantel aus den Siebzigern des 16. Jahrhunderts (100.000/150.000).

          An dem Namen Brueghel herrscht kein Mangel in der insgesamt 282 Lose starken Offerte: Aus einer adligen belgischen Privatsammlung kommt der doppeldeutige Tondo „Das Paar beim Angeln“ von Pieter Brueghel d. J. auf den Markt. Die erotische Andeutung auf der Rundtafel mit neunzehn Zentimeter Durchmesser wird beim Künstler typischerweise noch durch den direkten Blickkontakt der beiden Personen unterstrichen (180.000/200.000). Von Jan Brueghel d. Ä. liegt die harmonische und bestens erhaltene Flachlandschaft „Die Rast an der Windmühle“ vor. Für das 36 mal 48 Zentimeter große Tableau werden 300.000 bis 500.000 Euro erwartet. Jagdbeute zuhauf schmückt den Vordergrund der „Allegorie des Geschmacks“ von Jan Brueghel d. J. und Pieter van Avont, die um 1640 detailreich Sinneslust veranschaulicht (150.000/200.000). Ein Highlight bei den Niederländern stellt die „Musizierende Gesellschaft“ vom Utrechter Caravaggisten Jan van Bijlert dar, die aus einer Wiener Privatsammlung eingebracht wurde. Das mit Laute aufspielende Männertrio stimmt ein Lied an und wirkt durch die gekonnten Lichteffekte noch lebhafter (300.000/400.000). Zu so viel Feierlaune passt das Stillleben „Ein Banketje“ mit saftigem Schinken und Römerglas, das Willem Claesz. Heda farblich fein abgestimmt hat (100.000/150.000). Das „Prunksstillleben mit Nautiluspokal“ von Jan Davidsz. de Heem führt indes an eine vornehmere Tafel (70.000/90.000).

          Frauen der Ringstraßenepoche

          Am 23. April dann bietet das Dorotheum der Kunst des 19. Jahrhunderts eine Bühne, deren Spitzenlose allerdings preislich im fünfstelligen Schätzbereich bleiben. Auf eine Platte aus Mahagoni malte Iwan Aiwasowski eines seiner international so gefragten Seestücke. „Sinkendes Schiff“ titelt die eigenhändig signierte und mit 1889 datierte Kenterszene mit Gewitterwolken; das 26 mal zwanzig Zentimeter kleine Gemälde des bereits zu Lebzeiten berühmten und hochdekorierten Künstlers ist auf 50.000 bis 60.000 Euro geschätzt. Unter klarem Himmel segelt das noch kleinere „Schiff vor der Küste“, das der zarentreue Künstler 1896 mit russischen Flaggen malte (20.000/40.000). Eine Entdeckung für das Œuvre des bayerischen Malers Johann Georg von Dillis stellt die „Römische Landschaft“ dar. Inspiriert von Poussin und Lorrain, hielt er 1821 den alten Turm bei Marino fest – sein größtes dokumentiertes Gemälde (25.000/35.000). Dramatischer geht es hingegen in Friedrich Gauermanns raffiniert auf die Action-Szene hin komprimiertem Ölbild „Der Überfall“ zu, wo vor einer Ruine Pistolen rauchen und die Pferde über den Kutscher trampeln (50.000/70.000).

          In die Ringstraßenepoche führt Hans Makarts „Porträt der Henriette von Mankiewicz“. Die Gattin eines Dresdner Bankiers inszenierte der Malerfürst mit üppigem Schmuck und Stoffen auf orientalische Weise. Makarts Handschrift spricht aus dem Gegensatz von fein ausgeführtem Inkarnat und dem fast grob gepinselten Kleid (35.000/45.000). Wie aus einem Guß wirkt hingegen das lebensgroß in Ovalformat festgehaltene „Porträt von Yole Biaggini Moschini“, die Vittorio Matteo Corcos 1904 mit weißer Federboa verewigte. Die schöne Signora aus Padua war eine Freundin von Gabriele D’Annunzio (40.000/60.000). John Singer Sargent, der gefragte Gesellschaftsmaler, zeigt sein Können in dem zügig gemalten „Porträt einer alten Dame“, das zu einer Gruppe düsterer Frauenbildnisse aus den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts gehört. Das Ölbild war lange im Besitz der Familie Naglee aus Philadelphia, deren Vorfahren schon mit den Pilgervätern nach Amerika kamen (30.000/ 40.000).

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