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Zeitgenossen-Auktion : Das Spiel mit den unwiderruflichen Geboten

  • -Aktualisiert am

David Hockney, "Henry Geldzahler and Christopher Scott", 1969, Acryl auf Lw, 214 mal 305cm. Um die 30 Mio. Pfund Bild: Christie’s

Die Spitzenlose der Londoner Zeitgenossen-Auktionen bei Christie’s, Sotheby’s und Phillips.

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          Sotheby’s eröffnet die Zeitgenossen-Saison am 5.März mit 68 Losen in der Abendauktion, die 76,9 bis 106,5 Millionen Pfund einspielen sollen. Zusammen mit der Tagesauktion wird ein Umsatz von 91 bis 126,6 Millionen erwartet. Christie’s zieht am folgenden Abend mit 42 Losen und einer fast genauso hohen Umsatzerwartung von 65,7 und 100,6 Millionen Pfund nach. Zusammen mit der Tagesauktion sind dort 77,4 bis 117,2 Millionen angepeilt.

          Zum Vergleich: Vor einem Jahr spielte Christie’s bei seiner Abendveranstaltung 137,45 Millionen, Sotheby’s 109,29 Millionen Pfund ein. Für acht Lose ist diesmal bei Christie’s der Verkauf durch externe Garantien bereits sicher; bei Sotheby’s sind es unglaubliche 23 Lose, mit einem Gesamtwert von 36,7 Millionen Pfund. Zusätzlich versteigert Christie’s in der kommenden Woche die Kunstsammlung des englischen Popmusikers George Michael, der 2016 gestorben ist. Bei Phillips schließlich erhofft man für 29 Lose im Evening Sale 28,3 bis 40,1 Millionen Pfund; im vorigen Februar wurden 97,84 Millionen eingespielt. Inklusive der Tagesauktion soll der Umsatz auf 35,8 bis 51,2 Millionen steigen.

          Teuer und attraktiv

          Christie’s hat das teuerste und attraktivste Werk der Woche im Programm: das Doppelporträt „Henry Geldzahler and Christopher Scott“ mit zart pinkfarbenem Sofa vor salbeigrüner Wand von David Hockney, entstanden 1969, aus der Sammlung von Barney A.Ebsworth. Die Schätzung lautet auf Anfrage „in the region of“ dreißig Millionen Pfund. Mit einer Größe von 214 mal 305 Zentimetern ist das Bild wandfüllend. Das erste Los am Start ist ein anderes Doppelporträt, „Patrick and Omari“ (Taxe 40.000/ 60.000 Pfund) von der 1989 geborenen, angesagten afroamerikanischen Malerin Jordan Casteel. Großformate von Cecily Brown und Adrien Ghenie sind im weiteren Programm ebenso vertreten wie von Katharina Grosse, die in den vergangenen zwei Jahren weithin beachtete Ausstellungen in London und Sydney hatte. Ihr „Untitled“ – eine der vielfarbigen, abstrakten Spray-Arbeiten – soll 150.000 bis 200.000 Pfund bringen. Pierre Soulages und Nicolas de Staël sind ebenfalls gefragte Künstler und daher gleich mehrfach vertreten.

          Sotheby’s fährt mit 68 Positionen ein besonders umfangreiches Abendangebot auf. Eine unbetitelte, frühe Zeichnung von Jenny Saville, für die im Oktober der Auktionsrekord für das teuerste Werk einer lebenden Künstlerin aufgestellt wurde, macht den Anfang. Dass die ersten sieben Lose (von insgesamt dreizehn) der Auktion von Künstlerinnen kommen – unter ihnen Rebecca Warren, Louise Bourgeois und Agnes Martin –, ist als klare Ansage gedacht. Das teuerste unter ihnen ist Savilles Gemälde „Juncture“ mit einer schmerzhaft zwischen die Bildränder gequetschten, übergewichtigen nackten Frau, die in Savilles Bildern immer wiederkehrt. Nun geschätzt auf fünf bis sieben Millionen Pfund, wurde es zuletzt vor zehn Jahren bei Christie’s für 457.250 Pfund (inklusive Aufgeld) verkauft.

          Gerhard Richter, „Düsenjäger“, 1963, Öl auf Leinwand, 128,9 mal 197,8 Zentimeter, 10-15 Mio. Pfund.

          Die Spitzenposition teilt sich Saville mit Jean-Michel Basquiats „Apex“, das gleichfalls zur Taxe von fünf bis sieben Millionen zum Aufruf kommt – und ebenfalls mit einer externen Garantie versehen ist. Kurz dahinter rangiert Lucian Freuds wunderbarer, nur achtzehn mal achtzehn Zentimeter großer „Head of a Boy“ (4,5/6,5 Millionen) aus dem Nachlass des 2018 gestorbenen irischen Kunstsammlers und eines Erben des Guinness-Bier-Imperiums Garech Browne, den Freud auf dem Bild 1956 im Alter von 34 Jahren porträtierte.

          Bei Phillips ist Gerhard Richters „Düsenjäger“ aus dem Jahr 1963 das Spitzenlos. Das ist nicht nur ein wichtiges Kunstwerk, es wirft auch ein hartes Licht auf die Risiken des Geschäftsmodells, mit dritten Parteien vor den Auktionen unwiderrufliche Gebote abzuschließen: Die Auktionshäuser wollen gute Verkaufszahlen, und der externe Garantiegeber hofft darauf, die Differenz zwischen dem garantierten Preis und dem in der Auktion erzielten als Gewinn einzustreichen. Findet das Los aber keinen anderen Bieter, so nimmt der Garantiegeber es mit nach Hause. Auf diese Kosten sollte er vorbereitet sein – wie riskant diese Praxis sein kann, zeigt Richters Gemälde.

          Der „Düsenjäger“ wurde von Phillips 2016 in New York versteigert und ging damals für 24 Millionen Dollar an den Garantiegeber, den Chinesen Zhang Chang. Offenbar hatte der, trotz des hohen Preises, mit weiteren Geboten gerechnet; diese kamen aber nicht. Es stellte sich heraus, dass Zhang nicht zahlungsfähig war. Daher musste Phillips den Einlieferer, den im Oktober 2018 gestorbenen Microsoft-Mitbegründer Paul Allen, auszahlen. Im Gegenzug wurde dem Auktionshaus gerichtlich ein Bild von Francis Bacon zugesprochen, das Zhang 2015 bei Christie’s ersteigert hatte. In London kommt nun Richters Werk mit einer Erwartung von zehn bis fünfzehn Millionen Pfund zum Aufruf. Sie ist fast identisch mit der Schätzung 2007, als Paul Allen es bei Christie’s in New York für 11,2 Millionen Dollar (inklusive Aufgeld) ersteigert hatte. Der Verkauf sollte dem „Düsenjäger“ bei einem so niedrigen Mindestpreis sicher sein. Dass solche Fälle aber offenbar weder Auktionshäuser noch Garantiegeber abschrecken, zeigt die weiterhin hohe Anzahl der Garantie-Arrangements.

          Zu den erwähnenswerten Highlights bei Phillips zählen außerdem Martin Kippenbergers „Ohne Titel (Meine Lügen sind ehrliche)“ von 1992 für 3,5 bis 4,5 Millionen Pfund und Roy Lichtensteins „Girl in Mirror“ von 1964 für 4,5 bis 6,5Millionen. Auch bei Phillips macht eine junge afroamerikanische Künstlerin den Anfang: Tschabalala Self, Jahrgang 1990, mit „Lilith“ (40.000/60.000), einer 2015, dem Jahr, als sie ihren Abschluss in Yale machte, entstandenen Stoffarbeit.

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