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Auktionen bei Ketterer : Wo Zero ist, müssen mindestens vier Nullen sein

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Diese kleine Dame führt die Klassischen Moderne bei Ketterer in München an. Und wer dominiert die Auktion mit Nachkriegskunst? Richtig. Ein Italiener.

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          Die bislang größte Auktion des Hauses mit Zero-Kunst kündigt Ketterer an und Expressionismus in Fülle, wenn dort das umfangreichste Programm im Münchner Moderne-Reigen absolviert wird vom 11. bis zum 13. Juni, aufgeführt in sechs Katalogen.

          Von Max Pechstein steht diesmal das Bildnis der Charlotte Cuhrt bereit: Ein Jahr lebte der Maler im „Haus Cuhrt“ am Berliner Kurfürstendamm, gestaltete Empfangsräume und Treppenhäuser malerisch aus und porträtierte im Auftrag seines Förderers, Magistratssekretär Max Cuhrt, dessen Frau und Tochter; das kraftvolle Bildnis der fünfzehnjährigen Charlotte im knallroten Kleid vor gelb-grünem Fond präsentierte er 1911 in der Neuen Secession. Zwei Rahmen begleiten das Werk, das fast hundert Jahre im Familienbesitz blieb: einer von heute und das originale, schwarz gebeizte Zierstück, mit dem es in ein eigens angefertigtes Möbel eingelassen war. Mit 400.000 bis 500.000 Euro liegt die Erwartung dafür höher als für ein weiteres Pechstein-Gemälde, die sommerfarbene Szene mit drei Menschen „Im Freien“, entstanden 1920 beim Fischerdorf Nidden (Taxe 300.000/400.000 Euro).

          Mit Komplementärfarben entzündet Gabriele Münter 1912 Leuchtfeuer im Stillleben mit „Blauer Blume“ (180.000/240.000). Ihr Blauer-Reiter-Freund Jawlensky hingegen löschte mit einem grauen Anstrich seinen Entwurf einer Farbflächen-Komposition um einen grünen Reiter; 2005 entdeckten die Restauratoren am Frankfurter Städel das unbekannte Werk und legten es frei. Wenig später wurde eine Spaltung des Malpappenträgers vorgenommen: So strebt nun der grüne Reiter von 1908/09 nach 350.000 bis 450.000 Euro und seine unabhängig gewordene andere Seite, ein „Teller mit Äpfeln“ von 1932, nach 140.000 bis 180.000 Euro.

          Statt mit Blumen überzeugt Christian Rohlfs diesmal mit dem Temperabild „Sängerin I.“, das von einer subtilen gegenseitigen Durchdringung der Farbpartien lebt (70.000/90.000). Ins Porträt zweier junger Frauen wusste Karl Hofer soviel Zartheit und Innigkeit zu legen, dass dem Werk von 1943 geschätzte 100.000 bis 150.000 Euro zugetraut werden. Bei den Arbeiten auf Papier rangiert Kirchners Farbholzschnitt „Maler und Modell-Dichter und Weib“ weit oben (80.000/100.000). Blätter von Nolde, Heckel und Schiele bereichern die Sektion und nicht zuletzt Paul Klees „Zeichnung zum gelben Hafen“, die einst Jawlensky gehörte (60.000/80.000).

          120 Zero-Objekte stecken in der Offerte zur Kunst nach 1945. Man darf gespannt sein, ob der Markt so viel zu schlucken vermag. Die Maßstäbe setzende Versteigerung von Arbeiten aus der Sammlung Lenz-Schönberg bei Sotheby’s in London begnügte sich 2010 noch mit 49 Losen. Allein von Günther Uecker, für den Ketterer im vergangenen Jahr die Millionengrenze zum Weltrekord knackte, kommen zehn Nagelobjekte zum Aufruf; die höchsten Schätzungen, je 300.000 bis 400.000 Euro, tragen ein amorphes Nagelwesen „Hommage à Paul Scheerbart“ und eine zwei Meter lange „Reihung weiß“. Dann sind da Otto Piene und Heinz Mack: Pienes leuchtendes Feuer- und Rauchwerk in Gelb, Orange, Rot gipfelt in der „Green Fire Flower“, einem funkelnden Kraftfeld von 1963 (80.000/120.000), Macks lichtspielerische Metallreliefs aus Alu oder Chrom halten kühl dagegen (Taxen 50.000 bis 80.000 Euro).

          Puristische Klarheit pflegen auch die internationalen Zero-Satelliten: der Belgier Jan Schoonhoven mit seinem weißen „Relief 72-73-M-14“ (150.000/200.000) und Enrico Castellani mit einer weißen, über Nägel gespannten „Superficie bianca“ (200.000/300.000); schließlich Bernard Aubertin, der gleichfalls früh zum Nagel fand, aber dem vielen Weiß der anderen mit kräftig roten „Tableaux clous“ entgegnete (18.000/24.000). Doch über allen schwebt Lucio Fontana als geistiger Wegbereiter: Sein weißes „Concetto spaziale, Attesa“ von 1960 erfordert 800.000 bis 1,2 Millionen Euro. Von solch schwindelnden Höhen träumt die Zeitgenossen-Offerte mit Werken von Carsten Höller, Dirk Skreber, Anselm Reyle oder Jonathan Meese erst noch. Und sie präsentiert eine der begehrten Bodenspiegelungen von Karin Kneffel: „Teppich Schlafzimmer“, eine kluge Irritation der Wahrnehmung, soll 40.000 bis 60.000 Euro einspielen.

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