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Auktion im Dorotheum : Heiliger König mit strammen Waden

  • -Aktualisiert am

Eugen von Blaas, „Begrüßung am Morgen“, 1893, Öl auf Leinwand, 175 mal 100 Zentimeter: Taxe 120.000/180.000 Euro. Bild: Dorotheum

Eine ungewöhnliche Kindesanbetung ziert die Altmeisterauktion und das 19. Jahrhundert lockt mit einer jungen Frau im Nachtkleid. Vorschau: Alte Meister und 19. Jahrhundert im Dorotheum.

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          Es waren der Heiligen Könige drei, und die alte Kunst zeigt das Trio meist als Gruppe um das Jesuskind. Nicht so in der exquisiten „Anbetung“ von Pieter Coecke van Aelst, die im Wiener Dorotheum die Altmeisterauktion am 9. Juni krönt. Dort sticht der schwarze Balthasar ins Auge, wie er im Vordergrund den weißen Umhang lupft und seine ranken Waden zeigt. Am meisten fesselt jedoch der entrückte Blick des Mannes mit dem Myrrhe-Gefäß, der tiefsinnig nach innen anstatt auf die Sensation des Messias geht. Das um 1523 entstandene Tafelbild bildet Könige nicht bloß ab, es wurde auch von einem Regenten erworben. Der niederländische Monarch Willem II. erwarb diese Adoration vor Ruinenarchitektur im Jahr 1840. Wie ein Aquarell im Katalog belegt, schmückte Coecke van Aelsts prächtiges Werk die Gemäldegalerie des Oraniers im Den Haager Schloss. Später gelangte die 112 mal 75 Zentimeter große Tafel in den Besitz der Fürsten zu Wied und der Prinzessin von Württemberg und kommt nun aus privater deutscher Hand für 400.000 bis 600.000 Euro zur Wiener Auktion.

          In eine noch frühere Epoche führt das zweite Spitzenlos der Altmeisterauktion, bei der schriftlich, telefonisch oder via „Live Bidding“ mitgesteigert werden kann. Die vier Altarbilder zur Passionsgeschichte wurden im Verlauf von fünfhundert Jahren schon mehreren Meistern zugeschrieben. Im Dorotheum laufen die gut erhaltenen Tafelwerke unter „Süddeutscher Schule“, aber mögliche Schöpfer wie der Meister des Crailsheimer Altars, Michael Wolgemut und Hans Schüchlin bleiben im Rennen. Obwohl an der Spätgotik orientiert, spricht aus den Sakralwerken eine eigenständige Komposition und Malweise. Die Tafeln „Christus am Ölberg“ und „Beweinung Christi“ sind mit zwei Metern ein wenig größer als die „Kreuztragung Christi“ und die „Kreuzigung“, was der Bauweise des nicht mehr vorhandenen Retabels geschuldet ist. Zu den Vorbesitzern der marktfrischen Lose dürfte auch Fürst Alexander von Dietrichstein zu Nikolsburg zählen. Die Taxe liegt nun bei 500.000 bis 600.000 Euro.

          Zu den weiteren Höhepunkten der nordischen Kunst zählt das Gemälde „Den Kopf aufstützende junge Frau“ von Anthonis van Dyck. Das Bildnis dieses Rotschopfs, das mit Öl auf Papier gemalt und auf Holz aufgezogen wurde, stellt höchstwahrscheinlich eine Studie für eine büßende Maria Magdalena dar. Als Vergleichswerk dient eine Figur aus van Dycks Bild „Trunkener Silen“, das der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden gehört. Dieses Frühwerk des Künstlers geht für 300.000 bis 500.000 Euro an den Start. Als Affentheater hat Jan Brueghel der Jüngere seine „Allegorie der Tulipomanie“ angelegt. Das mit 250.000 bis 350.000 bewertete Kleinformat stellt die Spekulation mit Blumenzwiebeln mit Primaten als Stellvertretern dar.

          Aus der italienischen Kunstgeschichte lockt das unpublizierte Ölbild „Lot und seine Töchter“ von Massimo Stanzione. Der Neapolitaner hat die Bibelfiguren mehrfach gemalt, aber es ist kein anderes im Hochformat bekannt. Das auf einem Stein signierte, farbschöne Werk soll 200.000 bis 300.000 Euro einspielen. Von Stanziones stärkstem Konkurrenten, Jusepe Ribera, kann das Dorotheum gleich mit zwei Heiligenbildern aufwarten. Das emporgewandte Gesicht von Riberas „Heiligem Josef“ leuchtet aus dem Dunkel hervor. Für dieses Apostelbild könnte der adelige Sammler Giuseppe Carafa Modell gestanden haben (250.000/350.000). Die „Buße des Heiligen Dominikus“ wird als reifes Werk um 1640 betrachtet und zeigt den Ordensgründer mit Tonsur und Stigmata, was selten ist (300.000/400.000). Der Genueser Valerio Castello ist mit einer „Anbetung der Hirten“ vertreten, die vor Vitalität nur so strotzt (150.000/200.000).

          Zu den interessantesten Einbringungen zählt eine „Hochzeit zu Kana“, das die Initialen von El Greco trägt. Die Bildanalyse spricht für einen Künstler, der mit Tintorettos berühmter Darstellung ebenso wie mit der Ikonenmalerei vertraut war (30.000/50.000). Die gefragte Porträtistin Lavinia Fontana nahm den Auftrag eines 1598 zum Ritter geschlagenen Grafen an. Während eine Inschrift an die päpstliche Ehrung erinnert, zeigt der Neo-Ritter auf ein Bildchen mit Venus und Amor. Das Dreiviertelporträt könnte so als Geschenk für die Verlobte entstanden sein (80.000/120.000).

          In der Offerte zum neunzehnten Jahrhundert am 8. Juni erlebt der Orientalismus starke Momente. Der italienische Maler Alberto Pasini lernte diesen Stil 1854 in Paris kennen und begab sich bald danach selbst auf Reisen in den Nahen Osten. Sein 46 mal 55 Zentimeter großes Bild „Vor dem Eingang des Basars“ fasziniert durch die Art und Weise, wie Detailreichtum mit einer fließenden Stimmung verknüpft wird. Die am Boden verstreuten Wassermelonen leuchten grün, während der Dampf aus dem Kessel eines Teeverkäufers strömt (150.000/200.000). Sein Landsmann Pietro Luchini ließ sich in jenen Jahren in Konstantinopel nieder, wo das aparte „Bildnis einer jungen Dame“ entstand. Die Unverschleierte trägt eine Jacke mit Goldstickereien sowie Diamantschmuck (100.000/150.000).

          Das Covergirl des Katalogs wird von ihrem schwarzen Kater umgarnt. In „Begrüßung am Morgen“ von 1893 lockt Eugen von Blaas ins Schlafzimmer einer jungen Frau mit dekolletiertem Nachtkleid (120.000/180.000). Blaas lebte in Venedig, wohin es auch viele seiner Kollegen zog. So etwa Émile Bernard, der die „Blaue Stunde“ in der Serenissma 1903 mit zwei schwermütigen Brückengängern einfing (40.000/60.000). Carlo Grubas nahm auf dem Canale Grande ein Fest im Mondschein (150.000/200.000) und eine Regatta zum Motiv (100.000/150.000). Das Seebild „Im Golf von Triest“ von Pietro Fragiacomo beweist in seiner Flächigkeit hingegen Modernität (100.000/150.000). Die Wiener Landschaftsmalerin Olga Wisinger-Florian war 1906 in Monte Carlo, wo sie den Gartenweg des Riviera Palace Hotel in ihrem gewohnt kräftigen Kolorit verewigte (75.000/85.000).

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