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Auktion im Dorotheum : Rinaldo und Armida wirken sehr bewegt

  • -Aktualisiert am

Artemisia Gentileschi, „Judith mit der Dienerin und dem Haupt des Holofernes“, Öl auf Leinwand, 115 mal 116,4 Zentimeter, Schätzwert 300.000/400.000 Euro. Bild: Dorotheum

Mit Guercino an der Spitze und Artemisia Gentileschis berühmtester Frauenfigur: Die Auktion mit Kunst alter und neuerer Meister im Dorotheum in Wien.

          3 Min.

          Im vorigen Jahr wurde die Barockmalerin Artemisia Gentileschi mit einer fulminanten Schau in der Londoner National Gallery gefeiert. Auf dem Kunstmarkt erlebt sie schon länger Höhenflüge: so auch im Dorotheum, wo bereits 2018 ihre „Lucretia“ auf 1,6 Millionen Euro gejubelt wurde. In seiner aktuellen Altmeister-Offerte kann das Wiener Traditionsunternehmen wieder mit dem klingenden Namen und noch dazu mit Gentileschis berühmtester Frauenfigur punkten. In der vorliegenden Fassung von „Judith mit der Dienerin und dem Haupt des Holofernes“ hielt sie sich an eine Komposition ihres Vaters Orazio Gentileschi. Sie zeigt die schöne jüdische Witwe nach vollbrachter Tat, so wie es väterliche Versionen des Bilds im Vatikan und dem Wadsworth Atheneum Museum of Art tun. Der pastosere Malstil und das stärkere Chiaroscuro entspricht jedoch der energischen Handschrift Artemisias, die nun eine Schätzung von 300.000 bis 400.000 Euro rechtfertigt.

          Die kontrastreichen Züge des Caravaggismus sind in der Auktion mehrfach vertreten. Gentileschis aus Paris stammender Kollege Simon Vouet, der auch ein raffiniertes Doppelporträt von sich und der Künstlerin schuf, setzte eine „Büßende Maria Magdalena“ pathosreich in Szene. Das von Jusepe Ribera beeinflusste Werk dürfte um 1616 in Rom entstanden sein (Taxe 100.000/150.000 Euro). Von Ribera selbst fährt die Auktion einen „Ecce Homo“ mit leuchtendem Inkarnat auf (100.000/150.000). Viel Autorität verströmt sein Brustbild „Der heilige Franz von Paola“(100.000/150.000), während sich Mattia Pretis „Apostel“ fort vom Betrachter und seinen Schriften zuwendet (200.000/300.000).

          Guercino, „Rinaldo und Armida“, Öl auf Leinwand, 113,5 mal 153,5 cm, Um 1657, Schätzwert 400.000/600.000 Euro.
          Guercino, „Rinaldo und Armida“, Öl auf Leinwand, 113,5 mal 153,5 cm, Um 1657, Schätzwert 400.000/600.000 Euro. : Bild: Dorotheum

          Vouets Landsmann Nicolas Régnier wird zu den Tenebristen gezählt, die stärker farbliche Mittel einsetzten. Sein siebzig mal 56 Zentimeter großes „Brustbild eines Edelmanns als Aeneas“ hüllt den Dargestellten in ein rotes Tuch (120.000/180.000). Das Drachensymbol auf einem Metallkrug als Emblem der Familie Borghese markiert die Auftraggeber von Giovanni Francesco Guerrieris nächtlicher Darstellung von „Lot und seine Töchter“ (150.000/200.000). Ein weiteres vielfiguriges, caravaggeskes Werk stellt Domenico Fiasellas „Die Verspottung Christi“ dar (60.000/80.000). Preislich wird die Auktion von Guercinos Darstellung „Rinaldo und Armida“ angeführt, die Torquato Tassos Heldenpaar in ebenso expressiver wie farblich exquisiter Manier auf die Leinwand bringt (400.000/600.000). Stattlich ist die Taxe von 300.000 bis 400.000 Euro für das Ovalbild „Entführung der Helena“ von Luca Penni. Der Fontainbleau-Maler hat nur ein schmales OEuvre hinterlassen.

          Bei der flämischen Kunst sind die Highlights spärlicher gesät. Von Roelant Savery leuchtet ein rarer Blumenstrauß auf Kupfertafel (200.000/300.000). „Der dicke Bauer und der Händler“ titelt ein Tondo mit siebzehn Zentimeter Durchmesser von Pieter Brueghel d. J., der bei 100.000 bis 150.000 Euro ins Rennen geht. Duftige Rosen hingegen im Stillleben von Jan Brueghel d. J., um 1620, unter anderem in einer vergoldeten Tazza (100.000/150.000). Mit „Peter Paul Rubens’ Werkstatt“ ist das fauststarke Gemälde „Zankende Bauern beim Kartenspiel“ ausgewiesen (200.000/300.000).

          Ferdinand Georg Waldmüller, „Das gutmütige Kind (Der Bettler)“,Öl auf Holz, 66 mal 52 Zentimeter, Schätzwert 150.000/200.000 Euro.
          Ferdinand Georg Waldmüller, „Das gutmütige Kind (Der Bettler)“,Öl auf Holz, 66 mal 52 Zentimeter, Schätzwert 150.000/200.000 Euro. : Bild: Dorotheum

          Ein restituierter Waldmüller führt die Sparte des 19. Jahrhunderts an: Das Genrebild „Die milde Gabe“ zählte vor dem Zweiten Weltkrieg zur Sammlung des Wiener Verlegers Oscar Löwenstein. Da seine Frau Irma es 1938 vor ihrer Flucht nach London unter Zwang verkaufen musste, wurde es 2019 von Deutschland rückerstattet. Das Dorotheum konnte für die Erben bereits Waldmüllers „Weinlesefest“ und „Besuch der Großeltern“ vermitteln. Nun tritt die anrührende Darstellung eines bäuerlichen Almosens mit 150.000 bis 200.000 Euro an; den Erlös erhält die britische Hilfsorganisation „Vision Foundation“.

          Viel Sentiment beweisen auch Waldmüllers kleinformatiges Porträt des Hutmachers Franz Benoit (15.000/18.000) und sein unvollendetes „Mädchen mit aufgestützten Armen“ (12.000/16.000). Aus dem Wiener Biedermeier sticht ferner Friedrich von Amerlings ovales Porträt einer Harfnerin hervor (20.000/ 25.000). Der Landschaftsmaler Markus Pernhart war in den höchstgelegenen Gebieten seiner Heimat unterwegs. Sein vierteiliges „Großes Panorama der Koralpe“ von 1867 bietet einen topographisch naturgetreuen Rundumblick vom Gipfel auf die Kärntner Alpenlandschaft (80.000/120.000). In die Alpen führt auch Carl Spitzwegs kleine „Gebirgsmühle“ mit Staffage; das rückseitige Klebeetikett weist auf die Sammlung Lichtenstein hin (40.000/50.000). Ein Schwung Veduten geleitet an venezianische Kanäle, wobei Ippolito Caffis kleine Ansicht des „Molo di San Marco mit der Riva degli Schiavoni“ bei Mondlicht besonderen Reiz entfaltet (6000/8000).

          Einen kecken Seitenblick riskiert Eugen von Blaas’ italienische „Junge Dame mit rotem Fächer“. Das 1897 entstandene Bild gelangt aus den Vereinigten Staaten ins Dorotheum (120.000/180.000). Bei Félix Vallottons Porträt eines jungen Manns „In Gedanken versunken“ handelt es sich um ein wiederentdecktes Werk, das er in seiner Frühzeit gemalt hat (8000/12.000). Von Hans Makart, Wiens Malerfürsten der Ringstraßen-Zeit, stammt das dreiteilige denkmalgeschützte Werk „Moderne Amoretten“: Das mittlere, fast drei Meter hohe Gemälde wird von zwei Querformaten flankiert. Der junge Historist lud sein turtelndes Getümmel 1868 mit viel Erotik auf (10. 000/180.000). Ebenfalls von Makart stammt die quadratische Studie „Nacht und Morgen“ für ein Deckengemälde, das sein eigenes Atelier schmücken sollte. Der vierteilige Entwurf entstand in Öl auf Papier und wurde auf Leinwand appliziert (80.000/160.000).

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