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Auktion : Das Vermächtnis des Tériade

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Die Künstler sind seine Passion, jetzt wird der Nachlass des Minotaure-Gründers in Paris versteigert. Claude Monet ist mit strahlende Schwerlilien vertreten, während Giacometti eigenwillige skulpturale Lampen für den Verleger und Sammler schuf.

          „Dies ist das Goldene Zeitalter der Malerei“, schrieb der Kunstkritiker und spätere Kunstzeitschriften- und Künstlerbuchverleger Tériade in den zwanziger Jahren. Elistratios Eleftheriades, 1897 auf der Insel Lesbos als einziger Sohn wohlhabender Großgrundbesitzer geboren, kam mit achtzehn Jahren zum Jurastudium nach Paris, entdeckte die Museen, vor allem den Louvre, und nach Kriegsende das künstlerische Treiben in Cafés und Galerien. Als das väterliche Vermögen schwand, stand für ihn fest, dass er sich schreibend durchs Leben schlagen würde: Aus Eleftheriades wurde Tériade, der zwischen 1926 und 1931 zahlreiche Kunstkritiken für die von seinem Landsmann Christian Zervos gegründete erste Zeitschrift für Gegenwartskunst „Cahiers d'art“ schrieb. Gleichzeitig verfasste er Kritiken für die Abendzeitung „L'Intransigeant“ sowie, zusammen mit seinem Kollegen Maurice Raynal, launige Chroniken des künstlerischen Lebens, die sie mit „Die beiden Blinden“ signierten. Die zwanziger und dreißiger Jahre, als Paris für Künstler und Dichter der Mittelpunkt der Welt war, bescherten dem Griechen Freundschaften mit vielen Künstlern der Zeit - Picasso, Miró, Chagall, Léger, Braque und vor allem Giacometti und später Matisse.

          Tériades Talent erschöpfte sich nicht im Gebrauch seiner Feder: Zusammen mit dem Verleger Albert Skira gründete er 1933 die Zeitschrift „Minotaure“, die nach der ersten Nummer mit Fotos von Brassaï sowie Beiträgen von André Breton, Paul Eluard oder Salvador Dalí das Hausblatt der Surrealisten wurde. Die zunehmende Dominanz von André Breton war nicht nach Tériades Geschmack, und 1936 verließ er die Zeitschrift. Mit dem Anspruch, die „schönste Revue der Welt“ zu machen, gründete Tériade ein Jahr später die Kunstzeitschrift „Verve“, von der bis 1960 insgesamt 26 Nummern erschienen sind. Das Spektrum dieser Kunst und Literatur gewidmeten Zeitschrift reichte von den Papierschnitten Matisses bis zu den Bibelillustrationen Chagalls; hier begegneten Werke von Fernand Léger oder Man Ray den Texten von André Gide, Georges Bataille oder Jean-Paul Sartre.

          Erfolge als Verleger

          Im August 1940 flüchtete Tériade in die Dordogne, in die Nähe seines Freundes Matisse. Der Krieg hielt ihn nicht davon ab, Pläne zu schmieden und den Maler zu überreden, ein Künstlerbuch zu publizieren, das er ganz frei und in Farbe in Bild und Text gestalten sollte. „Jazz“, ein Wunderwerk aus Gouachezeichnungen, Papierschnitten und handgeschriebenen Texten des Malers, ist bis heute eines der berühmtesten Künstlerbücher und das erste einer Serie von 27 Büchern, die Tériade bis 1975 verlegt hat. Er wolle den Künstlern einen „eigenen Platz“ einräumen, begründete der Verleger seine Pläne, die auch vom Vorbild mittelalterlicher Handschriften inspiriert sind. Le Corbusiers „Poème de l'angle droit“, Giacomettis „Paris sans fin“, Chagalls „Cirque“ sind ebenso aus diesem Bestreben hervorgegangen wie die Illustrationen von Picasso zu Pierre Reverdys „Chants des Morts“.

          Knapp zwanzig Jahre nach seinem Tod hat seine Witwe Alice Tériade dem Matisse-Museum im nordfranzösischen Cateau-Cambrésis im Jahr 2000 die vollständige Sammlung der Revue „Verve“, die 27 Künstlerbücher sowie die dafür bestimmten 500 Lithographien vermacht und das von Matisse in Tériades Sommersitz an der Côte d'Azur ausgestattete Speisezimmer dort wieder aufbauen lassen. Die „Villa Natacha“ in Saint-Jean-Cap-Ferrat, die Tériade 1945 erwarb, wurde zum Aufenthaltsort für die Freunde des Ehepaars. Giacometti, Matisse, Miró oder der Bildhauer Henri Laurens bedankten sich für die Gastfreundschaft mit Skulpturen für Garten und Haus. Matisse beispielsweise schuf die Keramikkacheln und das Buntglasfenster des Speisezimmers, Alberto Giacometti den Lüster. Alice Tériade, die Anfang des Jahres verstorben ist, hat das Lebenswerk ihres Mannes in Museumsobhut gebracht. Ihr Nachlass, der am 20. Oktober vom Pariser Auktionshaus Artcurial-Briest-Le Fur-Poulain-F.Tajan versteigert wird, umfasst noch fünfzehn Werke: Alberto Giacometti ist mit sechs Losen vertreten, einer „Femme nue sur socle“ von zirka 1953, von der Tériade selbst die Gipsplastik besaß. Annette Giacometti ließ 1989 auf Bitten von Alice Tériade eine Bronzeedition herstellen, von der nun ein Exemplar zum Schätzwert in Höhe von 200.000 bis 300.000 Euro offeriert wird.

          Leuchten von Giacometti

          Für den Dekorateur Jean-Michel Frank hat Giacometti zahlreiche Lampen gefertigt, und auch für Tériades Haus und Wohnung schuf er „Lichtskulpturen“ wie um 1950 den „Petit lustre aux figurines“ aus Eisen und Gips, der den kleinen Salon der Villa Natacha erhellte (Taxe 200.000/300.000 Euro) oder eine Hängelampe mit kegelförmigen Lichtern aus dem gleichen Material (70.000/100.000). Der Bildhauer Pablo Gargallo schenkte Tériade die braun patinierte Kupferskulptur eines lächelnden Harlekins, „Masque au sourire“ von 1927 (150.000/200.000), ein Einzelstück, das die Bibliothek der Pariser Wohnung zierte. Picasso ist präsent mit der Tuschzeichnung einer Stierkampfszene, „La Pique“ von 1951 (100.000/150.000), und einer bauchigen Keramikvase „Grand vase aux femmes nues“ (40.000/ 80.000), deren Form der weiblichen Silhouette huldigt. Das Glanzstück der Auktion ist ein spätes, mit einer bis 1,5 Millionen Euro veranschlagtes Gemälde von Monet, „Les iris jaunes“ von 1924/25, das Tériade vom Sohn des Malers erwarb. Die Werke aus der Sammlung Tériade besitzen den Zauber eines der Kunst und der Freundschaft gewidmeten Lebens, das alles daransetzte, das Goldene Zeitalter mitzugestalten.

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