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„First Folio“-Auktion : Was macht diesen Shakespeare-Sammelband so besonders?

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Ende gut, alles gut: „First Folio“-Exemplar Shakespeares bei Sotheby’s, Taxe bis zu 2,5 Millionen Dollar Bild: dpa

Shakespeares Werke in einem Band, und zwar als Erstdruck: Das ist nicht nur für Schiffbrüchige verlockend. In New York könnte eine „First Folio“ einen Millionenbetrag erzielen.

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          In der seit 1942 laufenden britischen Hörfunksendung „Desert Island Discs“ darf der prominente Gast acht Musiktitel und einen Luxusgegenstand seiner Wahl auf eine einsame Insel mitnehmen. Die Bibel und die gesammelten Werke William Shakespeares sind Standardausrüstung, die beiden Säulen – sofern es sich um die King-James-Übersetzung der Heiligen Schrift handelt –, der englischsprachigen Welt. Bisher hat noch keiner der imaginär Schiffbrüchigen auf eine sogenannte Folio-Ausgabe Shakespeares bestanden. Die erste Gesamtausgabe seiner Werke, die 1623, sieben Jahre nach seinem Tod, wohl in einer Auflage von 750 Exemplaren gedruckt wurde, von denen heute rund 230 überliefert sind, ist eines der wertvollsten Bücher der Welt.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Das war nicht immer so. Als im 17. Jahrhundert nachfolgende Editionen erschienen, waren Sammler auf die aktuellste und vollständigste Fassung erpicht. Das Erste Folio fiel auf den Wert eines gebrauchten Buches, das für weniger zu haben war als den ursprünglichen Kaufpreis. Inzwischen erzielen Erste Folios Millionenbeträge. Jedes Exemplar ist durch Herkunft und Nutzung, durch ausgewechselte Seiten, Randbemerkungen, neue Einbände, Fettflecke und andere Besonderheiten ein Unikat geworden, in dem, wie Walter Benjamin es 1931 beim Auspacken seiner Bibliothek empfand, die einzelnen Merkmale eine „magische Enzyklopädie“ bilden, „deren Inbegriff das Schicksal seines Gegenstandes ist“. Deswegen besitzt die Folger Shakespeare Bibliothek in Washington, die größte Sammlung von Shakespeariana, sogar 82 Exemplare des Ersten Folios. Ihr Gründer Henry Clay Folger legte Wert auf mangelhafte Raritäten, die sich sozusagen durch ihre Schlachtenwunden auszeichnen.

          Jüngerer Klassiker: Auf bis 800.000 Dollar ist Bob Dylans Manuskript zu „Subterranean Homesick Blues“  von 1965 taxiert.
          Jüngerer Klassiker: Auf bis 800.000 Dollar ist Bob Dylans Manuskript zu „Subterranean Homesick Blues“ von 1965 taxiert. : Bild: Sotheby’s

          Ein solches Beispiel kommt am 21. Juli bei Sotheby’s zum Aufruf. Im Laufe der Jahrhunderte, in denen es lange in schottischem Bibliotheken war, bevor es in den Fünfzigerjahren aus dem Nachlass des für die slawischen Unabhängigkeitsbewegungen von der Habsburgmonarchie werbenden Historikers R.W. Seton-Watson stammend den Atlantik überquerte, hat es Kritzeleien, Tintenflecke, Zitate und Gebetsfragmente angesammelt. Angestrichene Passagen deuten darauf, das ein Vorbesitzer eine besondere Vorliebe für „Julius Cäser“ hatte. Mit bis zu 2,5 Millionen Dollar liegt die Schätzung für dieses wohl im 18. Jahrhundert neu gebundene Erste Folio weit unter dem Höchstpreis von 7,6 Millionen Pfund, der vor zwei Jahren bei Christie’s erreicht wurde und eignet sich laut Sotheby’s für Einsteiger auf dem Shakespeare-Folio-Markt. In New York wird es dem auf bis zu 800.000 Dollar taxierten handschriftlichen Text von Bob Dylons Lied „Subterraean Homesick Blues“ gegenübergestellt, kurz nachdem eine exklusive Dylan-Schallplatte beim Konkurrenten Sotheby’s in London knapp 1,5 Millionen Pfund eingespielt hat. Ob für Dylan auch gelten wird, was eine Vorrede zum Ersten Folios richtig prophezeite, dass wenn Messing und Marmor verblichen seien, dieses Buch den Autor noch für alle Zeiten frisch erhalte?

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