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Munchs „Tanz am Strand“ : Dichtung über Leben, Liebe und Tod

Bei Sotheby’s auf 12 bis 20 Millionen Pfund taxiert: Edvard Munchs mehr als vier Meter breites Leinwandbild „Tanz am Strand“ von 1907 Bild: Sotheby's

Für Max Reinhardts Theater gemalt, in der NS-Zeit verkauft, in Norwegen versteckt und später im Zentrum einer Familienfehde: Die bewegte Geschichte von Munchs „Tanz am Strand“, der bald bis zu 20 Millionen Pfund einbringen soll.

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          Paare drehen sich an einem Strand beim Tanz im Sonnenlicht, als könnten ihnen alle Kräfte der Zerstörung nichts anhaben: Für Edvard Munch gehörte dieses Motiv zu den wichtigsten Elementen seiner gemalten „Dichtung vom Leben, von der Liebe und vom Tod“. So nannte der norwegische Künstler den über Jahrzehnte in mehreren Versionen, Zusammenstellungen und Ausgliederungen geschaffenen Bilderzyklus, dem er schließlich den Titel „Lebensfries“ gab. Auch Munchs berühmter „Schrei“ gehörte dem Werkkomplex an, dessen Ursprung wohl eine 1893 erstmals in Berlin ausgestellte Bilderserie ist.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die deutsche Hauptstadt war nach Paris das zweite Zentrum der Avantgarde, in das Munch aus der skandinavischen Randlage zog: seelisch zermürbt von „Krankheit, Wahnsinn und Tod“, die er „wie schwarze Engel“ schon an seiner Wiege gesehen haben wollte, im Bannkreis destruktiver Liebschaften und des Suffs, doch endlich als ein Künstler, der Aufmerksamkeit erregte. Seit eine Ausstellung von Munchs als „unfertig“ geschmähten Bildern 1892 im Verein Berliner Künstler einen solchen Skandal provoziert hatte, dass sie schon wenige Tage nach Eröffnung geschlossen werden musste – was mit zur Gründung der Sezession beitrug –, hatte der Norweger einen Namen in Berlin.

          Durchbruch in Berlin

          Größen des Kulturlebens wie Max Reinhardt wurden auf ihn aufmerksam. 1906 gab der Regisseur als Direktor des Deutschen Theaters bei dem Maler für das Foyer der neuen Kammerspiele einen „Lebensfries“ in Auftrag. Zwölf Leinwandbilder, die rundum direkt unter der Decke hingen, schuf Munch bis Ende 1907. Um die Anmutung von Fresken zu erzeugen, malte er mit Tempera auf nicht grundierte Leinwände. Das Ergebnis sind besonders luftig, pudrig und zart wirkende Gemälde.

          Edvard Munch (rechts im Bild) in den Zwanzigerjahren in Berlin mit dem Kunsthistoriker Curt Glaser, der den „Tanz am Strand“ kaufte.
          Edvard Munch (rechts im Bild) in den Zwanzigerjahren in Berlin mit dem Kunsthistoriker Curt Glaser, der den „Tanz am Strand“ kaufte. : Bild: Kunstmuseum Basel

          Eines von ihnen wird am 1. März in London als Spitzenlos die „Modern & Contemporary Evening Auction“ bei Sotheby’s in London krönen. Auf dem mehr als vier Meter breiten, nur neunzig Zentimeter hohen „Tanz am Strand“ (Dans pa Stranden) aus dem Reinhardt-Fries evozieren Pastelltöne eine heiter-melancholische Atmosphäre. An einem baumbestandenen Küstenabschnitt – immer ist es bei Munch Åsgårdstrand am Oslofjord –, sehen die Tanzenden in der Bildmitte sich einer dunklen Frauengestalt rechts gegenüber. Ihr helles Pendant links ist eine Frauen­figur mit Blumen. Beide können auf unglückliche Amouren Munchs verweisen, stehen symbolisch darüber hinaus aber für Anfang und Ende, Freude und Leid, Leben und Tod. Glück von Dauer gibt es in Munchs Bilderwelt nicht – und auch der weitere Weg dieses Gemäldes führt durch Wechselfälle des Daseins.

          Schon 1912 fiel Munchs Kammertheater-Fries als geschlossenes Ganzes einer Umgestaltung zum Opfer, wurde abgehängt und über die Galerie Fritz Gurlitt verkauft. Schon damals schossen beim Wechsel in den Sekundärmarkt die Preise in die Höhe: Reinhardt hatte Munch 4000 Mark gezahlt, der Galerist musste wohl 30.000 Mark auslegen, und 1914 war bereits davon die Rede, dass jedes Bild des Zyklus um 25.000 Mark wert sei. Neun der Gemälde gelangten über viele Stationen zurück nach Berlin und gehören heute zur Sammlung der Nationalgalerie; andere konnten das Essener Museum Folkwang und die Hamburger Kunsthalle sichern. Einzig der „Tanz am Strand“ ist noch in Privatbesitz. Wollte ihn eine öffentliche Institution erwerben, müsste sie massiv investieren: Bei 12 bis 20 Millionen Pfund liegt der Schätzpreis.

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