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Auktion bei Koller : Frau mit Vergangenheit

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Ferdinand Hodler, „Genfersee von Chexbres aus“, 1911, Öl auf Leinwand, Taxe 500.000/2,5 Millionen Franken. Bild: Koller Auktionen

Ein einst verschollen geglaubtes Gemälde von Erich Heckel und eine kleine Offerte mit Ferdinand Hodler: Die Auktion mit Moderne, Zeitgenossen und Schweizer Kunst bei Koller.

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          Ferdinand Hodlers Gemälde „Genfersee von Chexbres aus“ besteht fast ganz aus blau-grauer Farbe, alle sekundären Elemente sind auf ein Minimum reduziert: Der See geht im Hintergrund beinahe unmerklich in den Himmel über, lediglich am rechten Bildrand und im Vordergrund wird die Wassermasse von etwas Grün begrenzt: Das um 1911 entstandene, 68 mal 90 Zentimeter messende Bild ist mit einer Erwartung von 1,5 bis 2,5 Millionen Franken das Spitzenlos bei Kollers Auktion mit Schweizer Kunst am 2. Juli in Zürich. Mehr als ein Dutzend unter den 115 Losen stammen von Hodler, darunter eine Ansicht des Thunersees von 1906 (Taxe 800.000/1,2 Millionen Franken), ein Porträt aus dem Jahr 1914 von Clara Pasche-Battié, die ihm unter anderen bei seiner großformatigen Komposition „Blick in die Unendlichkeit“ Modell stand (350.000/500.000); oder zwei etwa 120 Zentimeter hohe, ganzfigürliche Männerbildnisse von 1913 – ein Redner und ein Schwörender –, die im Zuge der Vorbereitungen für das monumentale Wandbild im Ratssaal von Hannover entstanden (150.000/200.000; 130.000/200.000).

          Albert Anker hält 1885 ein „Strickendes Mädchen am Fenster“ fest, das in seine Handarbeit versunken scheint; das Gemälde soll 800.000 bis 1,2 Millionen Franken einbringen. Ein paar Jahre zuvor porträtierte Anker, der viele Jahre die Sommer in Paris verbrachte, die Söhne und Töchter des Bürgertums: Das Bildnis eines Mädchens mit Spitzenbluse und Ohrringen entstand 1883 (150.000/200.000), das marktfrische ovale Porträt eines Knaben mit Schleife und Kragen 1880 (80.000/120.000). Viele Sommermonate verbrachte Félix Vallotton in dem kleinen Ort Vasouy an der Mündung der Seine, wo seine reduzierte Landschaft von 1910 entstand, die sich bis heute im Besitz der Familie des Künstlers befindet (280.000/380.000). Und von Cuno Amiet kommt neben einigen Frühlingslandschaften auch die 145 mal 102 Zentimeter messende Darstellung von Adam und Eva im „Paradies“ zum Aufruf (200.000/300.000).

          Ebenfalls am 2. Juli versteigert Koller 91 Lose der Moderne – mit Marc Chagalls „Bouquet d’été“ von 1973 als höchstdotiertem Werk mit 800.000 bis 1,4 Millionen Franken. Die spannendste Vergangenheit hat Erich Heckels „Frau am Tisch“, ein Porträt seiner späteren Ehefrau Siddi von 1914: Zuerst im Besitz des jüdischen deutschen Kunstsammlers Alfred Hess, der es wohl direkt beim Künstler erworben hatte, schickte seine Witwe das Bild, nach seinem Tod 1931, zunächst in die Schweiz, um es vor dem NS-Regime in Sicherheit zu bringen. Nach Deutschland zurückbeordert, wurde es zusammen mit anderen Werken der Hess-Sammlung in einer Holzkiste im Keller des Kölnischen Kunstvereins gelagert, wo es 1943 einen Bombenangriff und eine Überschwemmung überstand. Danach galt es fast dreißig Jahre als verschollen, bevor es in den Siebzigerjahren wiederauftauchte: Der damalige Hausmeister des Kunstvereins hatte einige Werke, darunter das Porträt, veräußert. Nach Einigung zwischen den heutigen Besitzern und den Erben von Alfred Hess wird das Gemälde nun mit einer Schätzung von 300.000 bis 500.000 Franken versteigert.

          Von Alfred Sisley kommt eine schöne Landschaft aus der Nähe von Fontainebleau zum Aufruf (600.000/900.000). Paul Klee liefert drei Arbeiten aus unterschiedlichen Schaffensperioden – „Kleine Landschaft“ von 1915 (250.000/350.000), „Côte de Provence 5“ von 1927 (220.000/300.000) und „Bergschlucht“ von 1934 (350.000/400.000). Zwei bemerkenswerte Plastiken runden das Moderne-Angebot ab: Auguste Rodins sechzig Zentimeter hoher Bronzeguss des „Kuss“ befand sich mehr als hundert Jahre in Pariser Familienbesitz. Er ist eines der seltenen Exemplare, für die das genaue Gussdatum, der 8. Juni 1905, nachweisbar ist; die Originalrechnung dazu befindet sich heute im Musée Rodin in Paris (Auflage etwa 65/69; 350.000/500.000). Die „Drei Grazien“ schuf Ossip Zadkines 1926 und behielt sie bis zu seinem Tod in seiner Privatsammlung; nun soll die 53 Zentimeter hohe Bronze (Auflage 5) 200.000 bis 300.000 Franken einspielen.

          Unter den 119 Losen der Zeitgenossen am 1. Juli sticht Frank Stellas monumentales Wandrelief „Giufa e la Berretta Rossa“ von 1985 hervor: Die mehr als vier Meter lange Arbeit aus Harz, Emaille und Acryl ist Teil der „Cones and Pillars“-Serie, in der Stella die Beziehung zwischen Malerei und Skulptur erkundet (300.000/500.000). Jan Fabre sammelte für sein 164 mal 220 Zentimeter messendes Werk „Adsum qui feci“ von 2016 Tausende schillernder Käferpanzer, die ein organisches Vanitassymbol ergeben (100.000/150.000). Alighiero Boetti erschafft sich seinen eigenen Kosmos aus durcheinanderfliegenden Flugzeugen (200.000/300.000). Zusammen sollen die Auktionen rund fünfzehn Millionen Franken einspielen.

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