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Auktion bei Ketterer : Dämmer über Manhattan

  • -Aktualisiert am

Das Auktionshaus Ketterer feiert seine 500. Auktion: Ein Blick auf das Angebot vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

          3 Min.

          Das Jubiläum der 500. Auktion hatte man sich bei Ketterer in München anders vorgestellt. Immerhin gibt es die Möglichkeit, – nach vorheriger Anmeldung – im Saal dabei zu sein. Telefone, Auftragsbuch und Online-Gebote werden wohl einen guten Teil der Aktivitäten bestreiten. An Einlieferungen herrschte offenbar kein Mangel, denn am 17. und 18. Juli gehen Werke der Klassischen Moderne bis zu den Zeitgenossen und Kunst des 19. Jahrhunderts in vier gutgefüllten Katalogen an den Start. Den „Evening Sale“ am ersten Tag bestücken 86 Lose.

          Zur Begrüßung locken Blumen von Thomas Schütte: Auf fünf großformatige Blätter aquarellierte und zeichnete er 1996 Strelitzien und Ingwerblüten als „BlumenI–V“ seiner prächtigen „Fucking Flowers“-Serie; ihnen gilt die Taxe von 70.000 bis 90.000 Euro. Blumen zeigt auch das Hauptlos der Klassischen Moderne, doch lautet die Erwartung dort auf ein Vielfaches: 500.000 bis 700.000 Euro wären für Emil Noldes „Sonnenblumen mit Fuchsschwanz“ von 1937 anzulegen. Im selben Jahr zieht Lyonel Feininger aus Nazi-Deutschland nach Amerika, wo er die New Yorker Skyline zu malen beginnt, darunter, in zartem Dämmerlicht, „Manhattan, Dusk“ von 1945 (Taxe 200.000/300.000 Euro).

          Idyll mit Apfelbäumen

          Ebenfalls 1937 kauft ein Sammler aus Mühlheim bei Hildebrand Gurlitt das Idyll einer „Dorfstraße mit Apfelbäumen“, die Ernst Ludwig Kirchner 1907 mit schnellem Duktus prallfarbig darstellte: Bis jetzt blieb das mit 400.000 bis 600.000 Euro bewertete Bild im Nachlass des Sammlers. Erstmals auf den Auktionsmarkt kommt auch „Bergdorf mit rosa Kuh“, das Kirchner 1919/20 auf der sommerlichen Staffelalp malte (300.000/400.000). Mit dem Farbholzschnitt „Der Verkauf des Schattens“ steht zudem eine wertvolle Grafik des Künstlers zum Verkauf (80.000/100.000). Lovis Corinths „Tiroler Bauernstube“, sie zeigt 1913 seine Frau Charlotte im Dirndl mit Musikanten um den Tisch versammelt, gehörte dem jüdischen Berliner Textilfabrikanten Robert Graetz. An der Rekonstruktion seiner Sammlung arbeitet seit kurzem ein Forschungsprojekt, das auch nach dem Verbleib der Werke sucht und nun vermittelte, dass das Gemälde aufgrund einer Einigung mit den Erben versteigert werden kann (40.000/60.000). Wohlbekannt durch Ausstellungen, die imposant viele Aufkleber auf der Rahmenrückseite belegen, ist Paul Klees schwarzes Aquarell „Der Krieg schreitet über eine Ortschaft“ von 1914 (100.000/150.000).

          Das Spitzenlos der jüngeren Kunstjahrgänge stammt aus Gerhard Richters Werkphase der „Fotogemälde“. Mit typischer leichter Unschärfe zeigt es die Gesichter von „Christiane und Kerstin“, den kleinen Töchtern des Architekten und Sammlers Werner Schäfer, der im Entstehungsjahr 1968 auch dafür verantwortlich war, dass die Firma Siemens Elettra den Künstler mit dem Gemälde des Mailänder Domplatzes beauftragte. Die Erwartung für das Doppelporträt liegt bei 600.000 bis 800.000 Euro. Wer Richters Rakel-Abstraktionen den Vorzug gibt, hat die Wahl zwischen zwei kleineren Formaten aus den Neunzigern, zu Taxen von 200.000 Euro an. Günther Uecker blieb bei seinen Nägeln, auf dem Feld „Gegenströmung“ von 1965 (300.000/400.000) lässt er sie in konträre Richtungen streben; in einem blütenartigen Gebilde konzentriert er sie 1990 am oberen Bildrand, von wo sie sich locker ausbreiten (400.000/600.000).

          Weitere Spitzen stellen der umfänglich vertretene Sigmar Polke mit einem Stoffbild von 1985, dem er große weiße Flecken auf den teils mit bunten Würfeln, teils mit Punkten bedruckten Grund goss (500.000/700.000), und Daniel Richter mit seinem „Decorative Immigrant“ von 2015 (120.000/1500.00), das eine hohläugige, in Geäst verfangene Figur aus abstrakter Kulisse hebt. Vom rein Malerischen löst sich die Offerte mit Jean Dubuffets Assemblage „Promeneur au regard pâle“ (180.000/240.000), auch mit dem „Cut-up18“ von Imi Knoebel (140.000/180.000) und schließlich mit vollplastischen Werken von Isa Genzken, Tony Cragg oder Stephan Balkenhol.

          Kunst des 19.Jahrhunderts am zweiten Auktionstag kann mit einem neuentdeckten, dritten Entwurf Wilhelm Schadows für eines seiner Fresken in jener Casa Bartholdy in Rom aufwarten, die der Gruppe der Nazarener zum Durchbruch verhalf; die Federzeichnung „Die Klage Jakobs um Joseph“ von 1816 liegt bei 20.000 bis 30.000 Euro. August Riedel, auch er ein deutscher Künstler in Rom, schuf 1838 das Ölbild zweier bezaubernder Mädchen in Albaner Tracht (20.000/30.000), das im Einvernehmen mit den Erben des jüdischen Kunsthändlers Arthur Jordan auf Grundlage einer fairen und gerechten Lösung aufgerufen wird. Der gleiche Zusatz begleitet Max Liebermanns Kreidezeichnung „Brink (Dorfanger) in Laren“ (8000/10.000), die dem Berliner Sammler Max Cassirer gehörte, dem Onkel von Bruno und Paul Cassirer, und Karl Hagemeisters Ölbild „Birken im Herbst am Bachlauf“, um 1908 bis 1913 (10.000/15.000), einst – wie man erst vor wenigen Wochen entdeckte – Schmuck im Haus von Fritz und Käthe Pringsheim, nahen Verwandten der Schwiegereltern Thomas Manns. Hagemeisters „Waldweiher“ dann zielt auf 35.000 bis 45.000 Euro ab.

          Hauptlos ist mit seiner Taxe von 60.000 bis 80.000 Euro Ludwig von Hofmanns vom Jugendstil angewehter „Tanzfries“ mit jungen Menschen, nackt und von grünen Bändern umwogt. Es folgt, mit 50.000 bis 60.000 Euro, eine holländische „Kleinkinderschule“ von Liebermann, als deren erster Vermittler Paul Cassirer auf der Provenienzliste erscheint, die dann auch die Sammlung Georg Schäfer aufführt. „Zur Tombola der Jubiläums-Ausstellung des Vereins Berliner Künstler 1891“ steht auf Adolph von Menzels entzückender Zeichnung „Frühstücksstunde“ (40.000/60.000), die eine Familie im Kaffeehaus zeigt, den Vater in die Zeitung vertieft, das Töchterchen in seinen Becher, daneben die stolze Mutter.

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