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Auktion bei Grisebach : Goldpatinierte Pranke

Großen Tieren aus Natur und Politik hat Grisebach in Berlin eine eigene Sektion gewidmet. An vier Auktionstagen kommen Kunstwerke des 19. Jahrhunderts, der Moderne und Zeitgenossen auf den Markt.

          3 Min.

          Die Grisebach-Abendauktion mit „Ausgewählten Werken“ am 28. November hat eine neue Ordnung, in „gezielter Gegenüberstellung“ sollen Höhepunkte moderner und zeitgenössischer Kunst in Austausch treten; das Cross-over ist auch in der Berliner Fasanenstraße angekommen. Außerdem sind jedem der fünfzig Lose fettgedruckt drei Kurzcharakteristiken dazugeschrieben. Im Fall von Marc Chagalls „Les fiancés aux anémones“ von 1979 heißt es „Souveränes Spätwerk, das ihn mit 91 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft zeigt“. Mit der Schätzung von einer bis 1,5 Millionen Euro ist das charmante Gemälde das höchsttaxierte Los überhaupt; zuletzt wurde es 2006 bei Kornfeld in Bern für umgerechnet 1,03 Millionen Euro zugeschlagen. Jetzt wird es zugunsten des schweizerischen christlich-jüdischen Hilfswerks „Kiriat Yearim“ versteigert.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Mit einigem Abstand folgt Fernando Boteros großes kurioses „The Bed“ von 1974, Schläfer und Schläferin, in Rötel auf Leinwand gemalt (Taxe 400.000/ 600.000 Euro); es befand sich seit 25 Jahren in einer deutschen Privatsammlung. Bei den Zeitgenossen traut Grisebach auch einem unbetitelten Bild von Günther Förg viel zu, in starkem Orange 1991 auf Blei gemalt (250.000/350.000). Max Pechsteins weibliches Halbfigurenporträt „Die hellgrüne Jacke“ von 1909 kennt als erste Provenienz die Hofkunsthandlung Fritz Gurlitt in Berlin (400.000/600.000). Mit sechs Nummern meistvertreten ist Max Liebermann, an der Spitze „Rote und weiße Blumen nach Südosten“ von 1925 (350.000/450.000). Den kleinen Star der Offerte ahnt man schon jetzt: August Macke malte seine „Katze auf grünem KissenI“ in Öl auf 16,3 mal 21,8 Zentimeter Pappe. Die Kätzin (nur weibliche Tiere können in der Natur drei Farben haben) gehörte einst dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (25.000/35.000).

          Der Naturgewalt auf dem Fuße

          Unter den rund 140 Losen des 19. Jahrhunderts am 27. November gibt es einige Beispiele des Orientalismus. An der Spitze der Offerte überhaupt steht Johann Hermann Kretzschmers großformatiger Sandsturm „Der Samun in der Wüste“: Das Gemälde erwarb König Ernst August von Hannover 1849, bis 2003 blieb es im Besitz des Hauses, das es damals laut Katalog an eine englische Privatsammlung verkaufte; jetzt ist es mit 120.000 bis 150.000 Euro bewertet. Dieser Naturgewalt auf dem Fuße folgt, was die Erwartung angeht, ein lebensgroßer „Bacchant“ samt Leoparden von Lovis Corinth aus dem Jahr 1913 (100.000/150.000); neben ihn tritt, für Freunde delikaten Geschmacks, Osmar Schindlers „Germanischer Krieger mit Helm“ von 1902 (6000/ 8000). Den Auftakt machen neunzehn Studien vor allem auf Papier der Brüder Ernst und Bernhard Fries (Taxen 700 bis 1500 Euro) aus der Sammlung des Architekten Eugen Dreisch, die schon 2017 einen gemeinsamen Katalog der Galerien Fach und Winterberg bestückt hat. Auch Goethe, man weiß es, hat gezeichnet, im Angebot mit Feder und Pinsel einen „Gebirgssee in südlicher Landschaft“, um 1810 (40.000/60.000). Aber darüber sollte man nicht die vielen hübschen Petitessen auf Papier vergessen.

          Die „Orangerie“ mit mehr als siebzig Losen steht am 28. November unter dem Motto „Große Tiere – Von animalisch bis politisch“. Tatsächlich versammelt der Katalog aus beinah jedem Weltdorf ein Mitglied dieser Fauna, von der Han-Dynastie über Afrika hin zu Meissen und Picasso. Passend zu dreißig Jahren Mauerfall firmiert die zwölfteilige Installation „Die Alliierten“ des Fotokünstlers Frank Thiel von 1994 mit Brustporträts junger Soldaten der einstigen Schutzmächte; die Arbeit ist mit der Vorprovenienz Wolfgang Joop bis 2017 versehen (Auflage 6; 90.000/110.000 Euro). Geschichte erzählt auch ein Armband mit dem Bildnis Friedrichs des Großen, das der einst seinem Chefunterhändler Ewald Friedrich von Hertzberg nach dem Hubertusburger Friedensschluss von 1763 schenkte. Dargestellt ist der Preußenkönig als Domino mit einer venezianischen Vogelmaske in der Hand, verblieben in der weiteren Familie bis heute. Schade, dass der Adel solche Schätzchen in den Markt gibt (40.000/60.000). Die großartige Louise Bourgeois fährt ihre bronzene goldpatinierte Pranke aus mit „Give or Take III“ (Auflage 25; 15.000/20.000).

          Es gibt am 29. November noch die Tagesauktionen mit Moderne und Zeitgenossen, Letztere dominiert von den Heroen der Achtziger bis um 2000. Die jeweiligen Glanzlichter sind freilich von der prestigeträchtigen Abendveranstaltung aufgesogen. Immerhin: Höhepunkt bei der Fotografie am 27.November ist ein Konvolut mit siebzig großformatigen Silbergelatineabzügen der Porträts aus August Sanders „Menschen des 20.Jahrhunderts“, die noch zu dessen Lebzeiten sein Sohn Gunther Sander besorgte. Die Schätzung liegt bei 300.000 bis 500.000 Euro. Das Ensemble aus einer „europäischen Unternehmenssammlung“ war übrigens vor zwei Jahren auf der Art Basel in Basel am Stand der Berliner Galerie Berinson zu sehen, genannt waren dort noch 2,8 Millionen Euro dafür.

          An vier Auktionstagen kommen 1438 Losnummern zum Aufruf, die in acht Katalogen verzeichnet sind. Die Gesamterwartung liegt bei 16,7 bis 23,5 Millionen Euro.

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