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Auktion bei Christie’s : Die Zeugen seines Œuvres

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Die Sammlung des Künstlers Antoni Tàpies war eine typische Künstlersammlung. Bei Christie’s in London werden nun und im kommenden Frühjahr einige hochkarätige Werke daraus versteigert.

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          Die Lücken an den Wänden fallen schon beim Betreten des Hauses auf, in der hohen Eingangshalle. Wo sind das große Gemälde von A.R.Penck mit den ethnographischen Chiffren und das rote aktionistische Hochformat von Kazuo Shiraga, ein Werk der japanischen „Gutai“-Gruppe? In Gutai sah Antoni Tàpies den ersten künstlerischen Aufbruch nach dem Zweiten Weltkrieg, als einen Aufschrei, einen Protest, der entscheidend auch für seine Materialmalerei wurde.

          Sieben weitere Werke aus dem einstigen Besitz von Antoni Tàpies werden nun bei den Zeitgenossen-Auktionen und im kommenden Frühjahr von Christie’s in London versteigert. Es geht um einen späten Rothko „Orange and Yellow“, der auf vier bis sechs Millionen Pfund geschätzt ist, und Giacomettis kleine bronzene Stabskulptur „Homme“ von 1929 (Auflage 6; Taxe 800 000/1,2 Millionen Pfund). Im Frühjahr folgen Picassos Gemälde „Le coq saigné“ von 1947 (2,2/2,8 Millionen), Mirós „Tête d’homme“ von 1932 (800 000/ 1,2 Millionen) und seine von aller Gegenständlichkeit losgelöste „Peinture“ von 1926 (600 000/900 000), außerdem je eine Gouache von Kandinsky und Klee – allesamt von Museumsqualität.

          Sammlung als Teil seines kreativen Prozesses

          Die zum Verkauf stehenden Werke werfen ein einseitiges Licht auf die Sammlung als Ganzes. Denn sie war eine typische Künstlersammlung, ohne Schwerpunkt und klare Ausrichtung. Sie lebte aus ihrer Heterogenität und ihrer offenen Zusammenstellung, Tàpies erschuf sich damit seinen eigenen Kosmos. Sein Blick war, neben ausgesuchten Beispielen der Moderne und der häufig im Tausch erworbenen zeitgenössischen Kunst, auf die Kulturen der Welt gerichtet, auf ethnologische Objekte, Asiatika und archäologische Funde. Die ältesten seiner Sammlung sind eine Granitskulptur und ein Mumienporträt aus dem alten Ägypten. Tàpies konfrontierte sie zum Beispiel mit einer großen kongolesischen Fetischskulptur, mit präkolumbischen Werken, einem schönen Torso der Khmer, einer alten japanischen Nô-Maske oder ostasiatischen Rollbildern.

          Eingang in die Sammlung fanden dadaistisch anmutende Fundstücke: wie ein überdimensionierter Stoffschuh oder ein Zwicker mit großen farbigen Gläsern, beides Schaufensterdekorationen aus der Zeit des katalanischen Modernismus um 1900. Sie fügten sich selbstverständlich in das Ensemble. Tàpies schätzte die kompositorische Vielfalt im Fragmentarischen. Das entsprach seiner eigenen Kunst, mit der er Spuren seiner gelebten Zeit hinterließ, und es entsprach seinen dadaistischen und surrealen Anfängen. Die Sammlung als Ganzes verstand sich als Teil seines kreativen Prozesses. Ihren festen Ort erhielt sie in dem von José Antonio Coderch 1960 entworfenen Atelierhaus in Barcelona, einem nach außen unauffälligem Gebäude, das seinen Zauber erst im Innern entfaltete. Mit dem zunehmenden Erfolg des Künstlers verwandelte es sich zu einem magischen Ort – einem Künstlermuseum, das seinesgleichen sucht.

          Auffallend war, wo Tàpies den Kunstwerken und Objekten ihren Platz gab: mal ganz unten an der Wand, wie ein kleiner Hans Arp und an anderer Stelle ein Max Ernst; mal am Fensterrahmen, dort war es eine mexikanische Maske; mal direkt unter der Decke, wie der übergroße Schuh. Nie wirkte das überladen, und nie hatte man das Gefühl, dass der Zufall im Spiel war oder gar ein Sammelsurium herrsche. Der Künstler saß stets dem offenen Raum wie einer Bühne gegenüber, auf der die Werke die Akteure waren. Zu dieser Choreographie gehörte im Wohnraum auf der ersten Etage auch Picassos zur Auktion stehendes, politisch motiviertes Gemälde „Le coq saigné“, Sinnbild für das Frankreich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg. Es hing an der dunklen Ziegelsteinwand neben der Fensterfront, vor der Tàpies in seinem schwarzen Eames-Lounge-Chair zu sitzen pflegte.

          Bei jedem meiner Besuche bis zu seinem Tod 2012 erlebte ich ihn über rund vierzig Jahre an diesem angestammten Platz neben dem Bild, mit freiem Blick auf die anderen Werke: den großen afrikanischen Nagelfetisch, die den Raum beherrschende ägyptische Büste einer löwenköpfigen Sekhmet aus der 18.Dynastie, dahinter auf einer Konsole der „Homme“ von Giacometti und über ihm an der Wand die heitere „Peinture“ von Miró. Dass die Sammlung von Antoni Tàpies jetzt, zumindest in Teilen, aufgelöst wird, muss man zutiefst bedauern. Sie war der beste Interpret seines Œuvres.

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