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Auctionata : Die Groupe Arnault ist auch eingestiegen

  • -Aktualisiert am

Im Jahr 2016 will die deutsche Online-Auktionsfirma Auctionata an die Börse gehen. Zahlreiche Investoren glauben an das Geschäftsmodell und pumpen Geld in das Unternehmen.

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          Mehr als achtzig Millionen Euro hat der Online-Versteigerer Auctionata 2015 umgesetzt, rund die Hälfte davon mit Kunst, Kunsthandwerk und Asiatika, die andere mit Luxusartikeln wie Taschen, Uhren, Schmuck, Wein, Spirituosen oder Autos. Im Juni 2015 feierte man den Zuschlag einer reichverzierten chinesischen „Kaiserlichen Automatenuhr“ für 2,8 Millionen Euro, den höchsten Preis jemals in einer Online-Auktion für Asiatika. Sie stammt aus der Qianlong-Zeit Ende des 18. Jahrhunderts. Käufer ist der chinesische Investor und Großsammler Liu Yiqian. Er kauft immer wieder alte chinesische Objekte auf für sein Museum in Schanghai, zuletzt machte Liu von sich reden, als er Modiglianis „Nu couché“ in New York für 170,4 Millionen Dollar (mit Aufgeld) ersteigerte.

          Auctionata bezeichnet sich selbst als das größte Auktionshaus Deutschlands, doch die Firma funktioniert deutlich anders als die traditionellen Häuser. Der Kunde gibt sein Gebot auf der Auctionata-Website ab; dort weißt ein Button den Weg „Auktionssaal betreten“. Dem registrierten Kunden wird das gerade aufgerufene Los angezeigt. Es läuft ein Livestream aus den Auctionata-Studios in Berlin oder New York. Zu sehen ist ein Auktionator am Pult, die Kamera zoomt an die Ware heran, die von einem Mitarbeiter beschrieben wird. Die Bieter werden vom Auktionator oft mit Vornamen und Wohnort angesprochen: „Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass viele Bieter sich gerne persönlich zeigen und angesprochen werden“, so Alexander Zacke, Vorstand von Auctionata, gegenüber dieser Zeitung. Zusammen mit Georg Untersalmberger hat er das Unternehmen 2012 in Berlin gegründet.

          Russische Ikonen und Golf-Memorabilia

          Den Unterschied zum Online-Angebot der klassischen Auktionshäuser macht Zacke vor allem am technischen Verfahren fest. Die Website, so das Versprechen, könne zeitgenau messen, welches Gebot zuerst eingegangen ist, egal, ob von einem Computer oder einem Handy, überall auf der Welt. Mehrere tausend Bieter könne die digitale Plattform gleichzeitig verarbeiten. Zusätzlich kann vor Ort mitgeboten werden, in Berlin können sich Personen in einem Nebenraum der Studios aufhalten und auch mitbieten, während der Livestream auf einem Bildschirm läuft. Dass überhaupt Bieter in einem Nebenraum zugelassen sind, ist ein Kompromiss: Durch ihre potentielle Anwesenheit stellt Auctionata jene Öffentlichkeit her, die einer Auktion rechtlich zugrunde liegen muss. Deshalb kann das Unternehmen zu den gleichen Vorgaben versteigern, wie es bei analogen Veranstaltungen der Fall ist. Die Gebote sind verbindlich, es gibt kein Widerrufsrecht, anders als etwa bei Ebay.

          Vor und während der fast täglich stattfindenden Übertragungen können sich Interessenten durch die Website der Firma klicken. Es gibt nur in Ausnahmefällen einen gedruckten Katalog, das spart Kosten. Online gibt es hochauflösende Fotos und manchmal kleine Videos. Anonym verfasste Texte kommentieren Vorgeschichte und Zustand der Lose. Auch eine klassische Vorbesichtigung gibt es nur in Ausnahmen. Der Bieter soll sich auf die Einschätzung der Experten verlassen, von denen auf der Website zahlreiche stehen. Es gibt zwei Gruppen, interne Mitarbeiter von Auctionata und überall auf der Welt verstreute, externe Fachkräfte. Die Externen akquirieren die Lose; es sind Händler oder freie Autoren, Kunsthistoriker oder organisierte Sachverständige, Privatsammler oder einfach Liebhaber. Spezialisten gibt es für alles mögliche, von russischen Ikonen über Asiatika bis zu Golf-Memorabilia. Die externen Experten müssen „mindestens zehn Jahre Branchenkenntnis, eine einschlägige Ausbildung sowie die Kenntnis der Preise auf dem Markt“ vorweisen, sagt Alexander Zacke auf Anfrage. Zuletzt kaufte die Firma den britischen Online-Dienstleister „ValueMyStuff“ dazu, der kostenpflichtige Schätzungen anbietet.

          Die eingelieferten Objekte werden an die rund fünfzig internen Mitarbeiter geschickt, die sie in Augenschein nehmen und medial aufbereiten. Die „Auctionata-Garantie“ gilt 25 Jahre lang nach Erhalt der Ware; sie erstreckt sich allein auf die Angaben zu Künstler und Schaffenszeitpunkt. Gleich im ersten Jahr der Firma kamen Zweifel an der Echtheit eines angeblichen Blumenstilllebens von Oskar Kokoschka auf. Die Einwände wurden auf der Website veröffentlicht, das Los trotzdem versteigert; mit 7500 Euro blieb es weit unterhalb des Marktwerts für einen echten Kokoschka. Auch ein Blick auf die tatsächlichen Auktionsverkäufe von Kunst im Jahr 2015 ernüchtert: Höchstes Ergebnis waren 190 000 Euro für eine düstere Darstellung des Augustinus von Hippo von Jusepe de Ribera, um 1636. Der Startpreis lag bei 100 000 Euro; erwartet hatte man das Dreifache. Das recht großformatige Gemälde sei von musealem Rang, hatte es in der Objektbeschreibung geheißen. Immerhin war es versehen mit einer Expertise von Nicola Spinosa, dem ehemaligen Direktor des Museo di Capodimonte in Neapel.

          Notwendige Umstrukturierung

          Jedes Auktionshaus verdient an seinen Provisionen. Das Aufgeld, das bei Auctionata zum Hammerpreis hinzukommt, beträgt 29,75 Prozent, unterhalb einer Million Euro; darüber reduziert es sich auf 23,8 Prozent, oberhalb von zwei Millionen auf 17,85 Prozent. Auch für den Einlieferer wird eine Provision fällig, mit 23,8 Prozent des Zuschlags liegt sie deutlich oberhalb des Marktstandards von zehn bis fünfzehn Prozent. Was aber passiert mit Objekten, die nicht versteigert werden? Allein bei der stark beworbenen Auktion „100 Meisterwerke“ im Dezember 2015 waren siebzig Lose nicht zu vermitteln. „Die Objekte, die in der Auktion nicht verkauft werden, sind im Anschluss im Online-Shop zum Festpreis oder zum Gegenangebot erhältlich“, erklärt Zacke. Mit diesem Shop macht Auctionata zwanzig Prozent seines Umsatzes. Bei abgeschlossenen Verkäufen beträgt die Provision 29,75 Prozent der Verkaufssumme. Die Verkäuferprovision wird nicht auf die Rechnungssumme, sondern auf den Schätzpreis erhoben, wieder 23,8 Prozent; bei einem überschätzten Objekt kann das ziemlich teuer werden. Pro Monat bezahlt der Einlieferer außerdem 2,38 Prozent des Schätzpreises für die Einlagerung. Aktuell umfasst der Shop 26 400 Objekte.

          Die Investoren glauben an das Unternehmensmodell und pumpen Geld hinein. Zuerst waren das die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck und die Otto Group. Dann stieg auch der deutsche Risikoinvestor Earlybird mit 20,2 Millionen Dollar ein. Zuletzt, im März 2015, stießen MCI Management aus Warschau, die New Yorker Hearst Ventures, Yuan Capital aus Hongkong sowie die Groupe Arnault hinzu, die Holding des französischen Milliardärs Bernard Arnault. Insgesamt erhöhte sich die Investitionsmasse auf 95,7 Millionen Euro. Dem Börsengang, so wird Christian Nagel vom Investor Earlybird in einer Pressemitteilung von Auctionata zitiert, stehe für 2016 nichts mehr im Wege. Fast gleichzeitig mit dem Abschluss der letzten Finanzierungsrunde wurden hundert der 250 Mitarbeiter in Berlin entlassen sowie die Hälfte des New Yorker Personals. Diese Umstrukturierung sei notwendig gewesen, „um nachhaltiger und effizienter wachsen zu können“, sagt Alexander Zacke. Derzeit arbeiten für das Unternehmen 220 Mitarbeiter in sechs Städten.

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