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Artcurial : Eine Strategie für Paris

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Live statt Digital: Auktionen wie hier 2015 finden nun unter strengen Auflagen statt. Bild: EPA

Nach dem Stillstand der letzten Wochen liegt die Priorität im Neustart des Auktionskalenders. Das französische Auktionshaus Artcurial setzt dabei weiter auf Live-Auktionen.

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          Artcurial muss in diesem Jahr mit einem doppelten Krisenschock umgehen. Kurz vor dem Corona-Lockdown verlor das französische Auktionshaus Ende Februar seinen einflussreichen Vizepräsidenten François Tajan. Sein plötzlicher Tod im Alter von 57 Jahren erschütterte die Firma an den Champs-Élysées zutiefst. Tajan galt als herausragende Persönlichkeit des Pariser Kunstmarkts. Seit seinem Wechsel im Jahr 2005 vom einst väterlichen Versteigerungshaus Tajan zu dem drei Jahre zuvor gegründeten Neuling Artcurial trug er maßgeblich zu dessen raschem Aufstieg bei. Artcurial, im Besitz der Industriellenfamilie Dassault, konnte sich im französischen Markt auf dem dritten Platz gleich hinter Sotheby’s und Christie’s etablieren. In Brüssel, Mailand, Wien und München wurden Niederlassungen eröffnet, in Monaco oder Marrakesch werden Auktionen abgehalten. „François zu ersetzen ist für uns derzeit erst einmal unvorstellbar“, sagt Martin Guesnet, Direktor für Europa, im Gespräch mit dieser Zeitung: „Es wird sich in den nächsten Monaten entscheiden, wie wir uns neu organisieren.“

          Nach dem Stillstand der letzten Wochen liegt die Priorität im Neustart des Auktionskalenders. Mit einer live abgehaltenen Art-déco-Auktion fiel am 19. Mai erstmals wieder der Hammer, wobei Publikum wegen der strengen Auflagen nur sehr begrenzt zugelassen werden konnte. Die während des Shutdowns ausgefallenen Versteigerungen werden bis in den Juni hinein nachgeholt. Artcurial konnte den Umsatz des Jahresanfangs vor dem Ausbruch der Krise durch mehrere Live-Auktionen und vor allem eine Oldtimer-Auktion im Februar retten, die fast 22 Millionen Euro einspielte; dennoch lag der Rückstand gegenüber dem Frühjahr 2019 Anfang Mai bei siebzig bis achtzig Prozent. „Alles wird jetzt davon abhängen, ob wir vor der Sommerpause unseren neuen Kalender nach Plan abhalten können. Dann könnten wir die Verluste bis zur Jahresmitte vielleicht auf dreißig bis vierzig Prozent herunterfahren“, so Guesnet.

          Die Krise verstärkt die Anzahl der Online-only-Auktionen

          Allgemein zeigt sich die Tendenz, dass die Covid-19-Krise die Anzahl der Online-only-Auktionen verstärkt. Stark reaktiv wichen die global agierenden Häuser Sotheby’s und Christie’s nach dem Shutdown auf den Online-Handel aus, wobei die Inhalte sowie die Umsätze in keinem Verhältnis zu den üblichen Frühjahrsauktionen in London oder New York stehen. Aber auch ihre Niederlassungen in Paris verstärken in Zukunft den Anteil der Auktionen im Online-Format. Sotheby’s kündigte in der Kunstzeitschrift „Quotidien de l’art“ an, weltweit schon in diesem Jahr gleich viele Live-Auktionen wie Online-Auktionen abhalten zu wollen; 2021 sollen sogar drei Viertel der Auktionen online durchgeführt werden. Artcurial, die größte in Frankreich beheimatete Auktionsfirma, wählt eine entgegengesetzte Strategie: Vorerst soll der Schwerpunkt weiterhin ganz konservativ auf Live-Auktionen bleiben: „Wir haben schon in der Vergangenheit nur begrenzt Online-Auktionen abgehalten, etwa für Mode, Schmuck oder Wein. Unser Business-Modell bleibt weiterhin die Live-Auktion“, erklärt Guesnet. Dennoch stand es zur Diskussion, ob die Versteigerung von 1500 Losen mit Tafelgeschirr aus dem berühmten Hotel Ritz live oder doch online abgehalten werden sollte. Die legendären Utensilien französischer Gastronomie werden nun in sechs Tranchen vom 21. bis zum 23. Juni im Saal unter den Hammer kommen – es ist auch eine Frage des Prestiges.

          Christie’s entschied sich hingegen, die zunächst für den März in Paris als Saal-Auktion geplante Versteigerung der Sammlung Greta Stroeh mit Werken von Hans Arp (vom 20. Mai an) als Online-only-Auktion anzubieten. Es muss sich erst noch zeigen, ob das sich über Tage hinziehende digitale Bieten ohne das gesellschaftliche Spannungsmoment im Auktionssaal auch bei bedeutenden Werken oder namhaften Sammlungen Vorteile verschafft durch die zeitliche Flexibilität und leichtere Zugänglichkeit. Die sonst meist vertraulichen Private Sales, die von den Konkurrenten Sotheby’s und Christie’s mangels Auktionen in den letzten Monaten mit starker Werbung vorangetrieben wurden, bleiben bei Artcurial weiterhin eine diskrete Quantité Négligeable: „Wir bieten den Service an, haben aber kein eigenes Department“, sagt Martin Guesnet.

          Dem Problem der Mobilität kann, solange die Corona-Krise andauert, niemand ausweichen. Noch konnte Artcurial auf die zu Anfang des Jahres akquirierten Werke zurückgreifen, aber seit Mitte März herrschte Leerlauf bei der Beschaffung, Begutachtungen konnten nicht stattfinden. Ohnehin wurde ein Teil der Belegschaft erst einmal – wie überall im französischen Kunstsektor – in Kurzarbeit geschickt. Auch die Verhandlungen mit Kunden, hebt Guesnet hervor, seien eine Vertrauenssache, zu der man sich gerne persönlich treffe. Es herrscht Mangel an frischer Ware, was sich noch nicht in den jetzt nachzuholenden, eigentlich für den März geplanten Auktionen zeigen wird. Aber in den Offerten, etwa von Impressionisten, Moderne und Zeitgenossen, für die die Akquise vor dem Shutdown noch nicht abgeschlossen war.

          Die Strategie von Artcurial, um sich im wachsenden und durch die Krise intensivierten Konkurrenzkampf zu behaupten, bleibt eine klassische, von der man sich in Zeiten, wo es verstärkt um Vertrauen gehen wird, einen Vorteil verspricht. Ob das nun Gelassenheit ist oder die Starre nach dem doppelten Schock: Mit einer geradezu eleganten Abgrenzung gegenüber den medial engagierten, global experimentierenden Mitbewerbern hält das Haus seinen Kurs.

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