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Art Karlsruhe : Solide Kost auf einem üppig gedeckten Tisch

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Zum zehnten Mal findet an diesem Wochenende die Karlsruher Messe für Kunst von der Moderne bis zu Gegenwarts statt. Der Reiz der Messe liegt im frühen 20. Jahrhundert. Denn Zeitgenossen produzieren allzu eifrig Déjà-vu-Kunst.

          In schon gewohnter Vielfalt präsentiert sich die zehnte Art Karlsruhe, die als „Internationale Messe für Klassische Moderne und Gegenwartskunst“ firmiert und jetzt mit 33 neuen Teilnehmern unter den 220 Galerien aus dreizehn Ländern aufwartet. Ein Schwerpunkt bleibt der Expressionismus, während Gegenwartskunst schwächer vertreten ist, zum Teil auch in der Qualität. Halten wir uns also an Erich Heckels „Brücke im Park“ von 1916, die im Parcours zu den bezauberndsten Gemälden jener Epoche gehört, zu sehen bei der Dresdner Galerie Döbele (140000 Euro). Auch der Sylter Galerist Rudolf hat Lohnendes von Heckel mitgebracht, etwa einen aquarellierten „Blick aufs Meer“, entstanden 1919 in Osterholz an der Flensburger Förde, beim ersten Aufenthalt des Künstlers dort nach dem Ersten Weltkrieg (68000 Euro). Eine reizvolle Waldlandschaft von Karl Schmidt-Rottluff, ein Aquarell mit Gouache von 1925, wird von Henze und Ketterer aus Wichtrach angeboten (125.000 Euro).

          Bei Ludorff aus Düsseldorf sind die zwanziger Jahre mit Liebermanns hinreißendem Gemälde „Die Enkelin mit der Kinderfrau im Nutzgarten“ vertreten (980.000 Euro), die Gegenwart mit einem 1984 entstandenen Aquarell von Gerhard Richter (180.000 Euro). Der Berliner Galerist Georg Nothelfer hat ein großartiges Ensemble von Ölgemälden Emil Schumachers in seiner Koje versammelt (von 255.000 bis 700.000 Euro), und an der Außenwand hängt eine zwei mal drei Meter große Collage in den heitersten Farbe von Jan Voss, die er 2012 mit dem rätselhaften Titel „Einsperren oder laufen lassen“ versah. Zu den Höhepunkten der Messe zählt „Das Mädchen aus Australien“, eine berückend schöne, 1970/71 entstandene farbige Zeichnung von Antonius Höckelmann, die bei Zellermayer aus Berlin zu sehen ist. (180 mal 280 Zentimeter; 60.000 Euro). Aus Frankfurt hat „Die Galerie“ zahlreiche Arbeiten von André Masson mitgebracht, darunter die legendäre Collage „Têtes d’animaux“ des Jahres 1927 mit den zarten, an chinesische Kalligraphie erinnernden Linien, mit den Vogelfedern und den Spuren von Sand (560.000 Euro).

          Eine starke Präsenz auf dieser Art Karlsruhe haben prominente Künstler der Gruppe Zero oder verwandter Richtungen. So ist Heinz Macks „Großes weißes Oval“, die 2008 entstandene „chromatische Konstellation“, ein Blickfang beim Münchner Galeristen Florian Trampler (140.000 Euro). Raimund Girkes abstraktes Gemälde von 2000 hat den geheimnisvollen Titel „Heile WeltIII“, die jedenfalls auch in Öl auf Leinwand erstrebenswert ist. (30.500 Euro). Ein prachtvolles, sehr farbenfrohes Gemälde von Vasarely, „TerriesII“ benannt und entstanden 1973/75, weist bei der Pariser Galerie Lahumière auf die seit einigen Jahren wieder gewachsene Wertschätzung dieses Künstlers hin (250.000 Euro). Klare Linien und Streifen und leuchtende Farben zeichnen das Werk von Daniel Buren aus: Die Mainzer Galeristin Dorothea van der Koelen bietet sein „Encore des carrées“ von 2011 an, sechzehn quadratische Holzobjekte, jedes 26,1Zentimeter groß, bemalt mit je zwei roten und einem weißen Streifen (68.000 Euro); das Ensemble ist auch in Blau und Weiß zu haben.

          Mit seinen neueren „Faux tableaux pièges“ hat sich Daniel Spoerri offenbar der Darstellung von Damentees zugewandt, so adrett wirken die zwei kleinen Tische mit den Blümchen und hübschen Gedecken, die er nach seinem alten Verfahren fixiert und aus der Horizontale in die Vertikale gekippt hat. Wie groß ist jedoch der Unterschied dieser beiden jüngsten, „Falschen Fallenbilder“, die von der Galerie Geiger aus Konstanz in Karlsruhe präsentiert werden, zu jenen 1960 erstmals entstandenen Fallenbildern, mit Essensresten, halb geleerten Weingläsern und überquellenden Aschenbechern! Will Spoerri die - damals schockierten - Reaktionen der Kunstfreunde ironisieren, oder ist er gar altersmilde geworden? Das muss offen bleiben, anziehend sind die aktuellen Fallenbilder jedenfalls durchaus, zu haben für 23.000 oder 40.000 Euro. Eine Hommage an Otto Greis, einen der Maler der Quadriga-Gruppe, die 1952 das Informel propagierten, zeigt der Frankfurter Galerist Horst Appel mit schönen Bildern des verstorbenen Künstlers. Sanfte Frühlingsfarben sind auf einem Bild von A.R.Penck zu sehen, das bei der Galerie Michael Werner 120.000 Euro kosten soll.

          Zunächst meint man, bei Wichtendahl aus Berlin eine „Seascape“ von Sugimoto zu sehen. Doch die Fotoarbeit von Nicole Ahland zeige einen Innenraum, ist zu hören, und auf die Ähnlichkeit zu Sugimotos Werk angesprochen, meint die Galeristin, beiden gemeinsam sei das Meditative. Überhaupt hat man mitunter den Eindruck, dass noch unbekannte Künstler gerne die Werke prominenter Kollegen kopieren, am liebsten Balkenholsche Figuren. Da gibt es Handlungsbedarf für die Organisatoren in Karlsruhe. Echt ist aber ein Auto, ein grüner Mini, aus dem knallrote Blumen wachsen, von Stefan Rohrer bei der Galerie Scheffel aus Bad Homburg (48.000 Euro). Und noch spektakulärer sind die 49 lebensgroßen „Trash People“ (je 8000 Euro) vor dem Stand der Galerie Schloss Mochental. HA Schult hat sie aus gepressten Getränkedosen gefertigt.

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