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Art Karlsruhe : Gut unterwegs: Klassische Moderne und Nachkriegskunst überzeugen - bei den Zeitgenossen hapert es

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Die Galeristen sprechen von einer Steigerung des Standards gegenüber dem Vorjahr, Karlsruhe profitiere vom Neuanfang in Frankfurt. Die Kunst auf der dritten Art Karlsruhe ist dabei weder sperrig noch provokant noch schräg: Sie läßt sich gut verkaufen.

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          Buntes Treiben bei der Eröffnung der Art Karlsruhe. Ein wenig wünscht sich die junge Schau, zur Art Cologne des deutschen Südwestens zu werden. Farbenfrohe Malerei und Skulptur beherrschen das Bild in den zwei hellen Hallen. Die Kunst hier ist weder sperrig noch provokant noch schräg: Sie läßt sich gut verkaufen.

          Von einer Steigerung des Standards gegenüber dem Vorjahr sprechen jedenfalls die Galeristen. Karlsruhe profitiere vom Neuanfang in Frankfurt. Rund zwanzig Galerien der ehemaligen Art Frankfurt sind denn auch hinzugekommen. Die Galerie Rothamel zum Beispiel, auch sie war bis zuletzt auf der Art Frankfurt, lobt die Atmosphäre in Karlsruhe. Für Rothamel malt Lage Opedal unscharfe Motive in durchdringenden Farben auf Aluminium. Das gehört zum Leichtvermittelbaren; gleich in den ersten Stunden wurde die Arbeit verkauft.

          Tanzende Plastikrosen

          Auch Moritz Götzes Rokkoko-Hommage „La chaussure de dame“ in Emaille hat für 2000 Euro da gute Chancen. Verkaufsschlager der Messe sind die Kleinformate von Jan-Peter Tripp. Die Galerie ABTart aus Stuttgart setzte schnell zwei Gemälde aus der Serie „Zur Sonne“ ab (2005; 1500 und 3000 Euro).

          Eine langbeinige Schöne, die sich auf einem Sofa räkelt, hat in zeitgeistiger Manier Tina Tahir aus gemischten Materialien gestaltet. Bei der Fischerplatzgalerie aus Ulm ging sie bereits an einen Sammler („Time out mind“ von 2004, Auflage 2; 4500 Euro). Und die Galerie Obrist läßt Hunderte Plastikrosen in einer Installation von Anke Grams regelrecht tanzen (Subskription je 99 Euro).

          Den Glauben nicht verlieren

          Aufbruchstimmung herrscht in Karlsruhe. Dafür spricht auch, daß Harald Falkenberg aus seiner Sammlung für eine Sonderschau Werke von Atelier van Lieshout, Gavin Turk, Sarah Lucas und anderen beigesteuert hat. Angesichts mancher Kojen dann senkt man den Blick lieber, um nicht den Glauben an eine positive Entwicklung zu verlieren. Die Galerie Gering aus Frankfurt zeigt Malerei von Philipp Weber: „Abendrot - Nadine II“ zeigt den nackten Oberkörper einer Frau, ihre Haare wehen im Wind vor einem Sonnenuntergang (600 Euro).

          Doch Verlaß ist auf die Klassische Moderne und die starke Nachkriegskunst in Karlsruhe. Hier stimmt das Niveau. In mehreren Ständen sind hochkarätige Werke zu bewundern: Für 1,4 Millionen Euro bieten Henze & Ketterer einen „Spätherbst“ Noldes von 1928 an, zwei Sonnenblumen schaukeln im Wind. Hier hängt auch ein großformatiger, bemerkenswerter Grosz; „Zwei Akte“ von 1929 kostet 840 000 Euro. Glöckner nebenan zeigt Erich Heckels „Schlafende“ des Jahres 1913 (38 000 Euro), und bei Maulberger ist Pechsteins „Stehende Frau mit Fächer“ von 1914 vertreten (58 000 Euro).

          Einprägsam

          Konzentrierte Qualität auch bei den führenden Galerien in der anderen Halle. Immerhin sind Hans Mayer aus Düsseldorf, Dorothea van der Koelen aus Mainz und Nothelfer aus Berlin gekommen. „Eigentlich gehöre ich nicht hierher“, meint Hans Mayer freimütig, aber er will die Region stärken: Seine treuen Sammler stammen aus dem süddeutschen Raum, und deshalb ist er schon zum zweiten Mal dabei. Dieses Jahr zeigt er Kenny Scharf, Bill Beckley und Hans Peter Reuter.

          Mayer und Dorothea van der Koelen loben das Konzept der One-Artist-Shows; Einzelpräsentationen prägten sich besser ein. Van der Koelen präsentiert ihre Klassiker Morellet, Daniel Buren und Joseph Kosuths schöne Arbeit „Geschichte“. Sie ist Teil einer sechsteiligen Reihe und kostet 150 000 Euro. Van der Koelen findet die Messe eine gute Ergänzung zu Köln; für ihre Sammler lohne sich ein Besuch jedenfalls.

          Es ist schade, daß aufstrebende, junge Galeristen noch nicht den Weg nach Karlsruhe gefunden haben, um die erstrebte Mischung abzurunden. Eine Ausnahme ist die Galerie Maurer (demnächst Frankfurt) mit Marc Lüders, der die Faszination eines schwebenden Pinselstrichs vor fotografierten Unorten vorführt (960 bis 3200 Euro). Max Diel verschmilzt in seinen Ölbildern auf Nessel (1400 bis 5100 Euro) persönliche Erinnerung und Foto-Vorlagen zu einem Spiel aus Fiktion und Wirklichkeit.

          Masse oder Klasse

          Gut gedacht, aber noch ein Sorgenkind sind die Plätze für Skulpturen: Hier hat man nicht das rechte Maß gefunden. Wie andere, verstellt auch die Galerie Tammen den Besuchern die Sicht. Jeder Freiraum zur Betrachtung der Stahlplastiken Gisela von Bruchhausens fehlt. Masse überzeugt eben oft weniger.

          Die Art Karlsruhe steht an einem entscheidenden Punkt: Bleibt sie beim Gemischtwarenladen mit exquisiten Ehrengästen stehen oder etabliert sie sich als ernstzunehmende Messe mit geschärftem Profil? Im nächsten Jahr wird sich das entscheiden; denn eine weitere Erhöhung der Teilnehmerzahl oder mehr Platz können nicht angestrebt werden. Es wird wohl gelten, was jeder Messe guttut: eine klare qualitätvolle Auswahl unter den Bewerbern zu treffen.

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