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Art Karlsruhe : Den Blick lieber auf das Positive richten

  • -Aktualisiert am

Ausgerechnet beim Düsseldorfer Neuzugang findet man das teuerste Bild der Messe: Eine Abstraktion von Richter. Doch das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Art Karlsruhe sich nicht entscheiden kann. Ist sie klassisch-konservativ oder ein regionaler Spielplatz?

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          Mit anspruchsvollen Händlern Klassischer Moderne steht die Art Karlsruhe auch in diesem Jahr sehr gut da, und sie hat sich mit dem Düsseldorfer Neuzugang Ludorff sogar noch verbessert. Auch mancher wichtige Galerist zeitgenössischer Kunst ist gekommen: Neu dabei ist Michael Schultz aus Berlin; Hans Mayer aus Düsseldorf wollte allerdings nicht wieder teilnehmen. Abseits der attraktiven Stände wird jedoch das Dilemma ganz deutlich, in dem die Art Karlsruhe, einmal mehr, steckt - ihr eklatantes Niveaugefälle. Das wird deutlich auf den Skulpturenplätzen, die wieder über die Messe verteilt sind: Dort tanzen zum Beispiel lebensgroße Gipsfiguren Polonaise. Oder in nicht wenigen Ständen, wo grelle gefällige Malerei, die nicht einmal mehr den Begriff dekorativ verdient, an den Stellwänden prangt. Doch offenbar gibt es auch dafür eine Klientel, die sich jedenfalls zur Eröffnung in den Kojen und Gängen tummelte - in einer wirklich großzügigen Architektur, in der es sich entspannt flanieren lässt.

          Man blicke auf die positiven Seiten: Ruhe zur Betrachtung findet der Besucher in dem zentralen weitläufigen Geviert von Michael Schultz; er hat dem litauischen Künstler Saulius Vaitiekunas seinen Stand ganz überlassen. Hunderte von Fundstücken - traditionelle Brotschieber aus seinem Heimatland - erheben sich, aufgestellt wie Stelen, zu einem dichten Wald. In diesem abgeschlossenen Raum verlangsamt sich die Zeit merklich. Für Vaitiekunas' museale Installation „Bon Voyage“ erwartet Schultz 80.000 Euro.

          Sonderbare Ausdehnung

          Lohnenswert ist auch die Präsentation von Heinz Bossert aus Köln; er zeigt Jens Reichert. Holz ist Reicherts Material: Der Künstler lässt gegenständliche und abstrakte Objekte entstehen, die sich im Raum auf sonderbare Weise ausdehnen, sich von der Wand, vom Boden abstoßen. „Volumen (Vollmilch)“ von 2005 (für 1900 Euro) weitet sich wie ein Ballon, bläht sich auf, entwickelt Spannung und Kraft bis zum vermeintlichen Zerbersten. „Oval“ (1900 Euro) lehnt sich an Marcel Duchamps „Fountain“ an, bleibt aber in seiner Materialität der reinen Formerfahrung verbunden. Neben allerlei anderem ist in der Galerie Asperger aus Berlin eine Installation von Thomas Raschke zu entdecken. Er lötet aus Stahlstäben ganz pragmatisch-alltägliche Interieurs zusammen, die sich wie Zeichnungen im Raum erheben: Kühlschrank (12.000 Euro), Kochtopf (700 Euro), Deckenlampe (1200 Euro) und auch ein Putzeimer (600 Euro) versammeln sich dort. Mit präzisen Stahllinien setzt Reichert seine Linien in die Luft.

          Bei Dorothea van der Koelen aus Mainz schwebt ein Kleiderbügel von Günther Uecker - aus dem Jahr 1960 für 150.000 Euro. Lore Bert und auch van der Koelnens Stammkünstler Daniel Buren sind vertreten. Marie-José van de Loo zeigt die Gruppe Spur, und Nothelfer aus Berlin bietet Richard Serras große Papierarbeiten, neben einer kleinen zarten Chillida-Radierung. In der Galerie Epikur aus Wuppertal ziehen zwei Mädchen von Gregor Gaida mit der Kreide einen Strich auf dem Boden nach: Die lebensgroße realistische Skulptur aus Holz kostet 7800 Euro und war bereits am Eröffnungstag verkauft.

          Betörende Kleinteiligkeit

          Gäbe es einen Preis für die ausgefallenste Präsentation, bekäme ihn die Galerie Vayhinger aus Radolfzell. In betörender Kleinteiligkeit öffnet sich dort eine wahre Fundgrube, die der „Käuflichen Liebe“ gewidmet ist: Hans Peter Adamski hängt neben Otto Dix, eine Video-Foto-Arbeit von Marie-Jo Lafontaine (für 5000 Euro) neben Madeleine Dietz' „dein Schweigen - dein Ruhn“ (16.000 Euro). Tommi Toijas Skulptur „End of the game“ von 2005, bei Forsblom aus Helsinki, scheint hingegen einem gruseligen Kinderbuch entsprungen: Ein Junge aus Gips schaut mit verzerrtem Mund seinem davonfliegenden Ballon nach (8500 Euro).

          Bei Ludorff findet sich das teuerste Bild der Messe: 1,5 Millionen Euro soll Gerhard Richters Abstraktion „638-4“ von 1978 kosten. Neuzugang auf der Messe ist der Kunsthändler Thole Rotermund aus Hamburg, der von seinen Kollegen nach Karlsruhe gelockt wurde. Sie überzeugten ihn davon, dass die Art Karlsruhe auch für einen Händler aus dem Norden interessant sein könne; denn die Klientel im Südwesten sei kaufkräftig, interssiert - und im besten Sinne - von konservativem und kenntnisreichem Stil geprägt. Von Macke bietet Rotermund zwei Blätter an, „Häuser und Bäume in Hilterfinden“ von 1913 für 43.000 Euro und „Idyllische Szene (Antike Gruppen)“ von 1912 für 28.000 Euro. Von Werner Tübke zeigt er die charakteristische Ansicht „Ein Abend auf Hydra“ von 1982 (18.000 Euro). Die Galerie Henze & Ketterer aus Wichtrach rundet das Treffen exquisiter Händler der Klassischen Moderne ab, zu denen auch Schlichtenmaier und Vömel gehören: Kirchners „Nächtliche Straße mit beleuchteten Figuren“ von 1935 soll dort 900.000 Euro kosten, George Grosz' provokantes „Selbstporträt mit Akt“ von 1937 erfordert 390.000 Euro.

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