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Art Karlsruhe 2012 : Gefährliche Expansionslust

  • -Aktualisiert am

Behaglich im Badischen? Die Art Karlsruhe baut ihren Qualitätsanspruch in der Klassischen Moderne aus, schwächelt jedoch bei junger Kunst.

          3 Min.

          Die Aufgeregtheit, die man in Basel oder Köln alljährlich im Messetrubel spürt, fehlt in Karlsruhe auch in diesem Jahr. Man ist unter sich im Badischen, und die neunte Art Karlsruhe beweist, dass dies kein Nachteil sein muss. Die Qualität im Bereich der Klassischen Moderne konnte ausgebaut werden, die Auswahl an Galerien mit junger Kunst fordert jedoch den kritischen Blick heraus.

          Die Halle drei, das Kraftzentrum der Messe, teilen einmal mehr Henze & Ketterer, Ludorff, Maulberger, ein mit zwei Ständen präsenter Michael Werner, Rotermund, Schlichtenmaier und Valentien unter sich auf. Henze & Ketterer präsentieren - und das hat schon fast Tradition - mit einer „Nächtlichen Phantasielandschaft“ von Kirchner für drei Millionen Euro das teuerste Werk der Messe. Die Kunsthändler aus der Schweiz können aber auch mit einigen Entdeckungen aufwarten. Von Erich Heckel wurde ein als verschollen geglaubtes „Großes Tanzpaar“ aus dem Jahr 1923 auf der Rückseite eines seiner Gemälde entdeckt (485.000 Euro).

          Große Auswahl bei Werke von Karl Otto Götz

          Michael Werner zeigt erstmals Arbeiten von Ernst Wilhelm Nay, dessen Nachlass die Galerie seit dem vergangenen Jahr betreut (Die Preise liegen zwischen 27.000 und 400.000 Euro). „Für uns ist Karlsruhe wichtig, um auch ältere Sammlerkontakte lebendig zu halten. Dieser Standort hat Potential, deshalb sind wir auch in diesem Jahr wieder dabei“, erklärt Sebastian Neusser, neuer Direktor der Kölner Dependance. Auch Ludorff präsentiert neben Klassikern, wie drei Köpfe von Alexej Jawlensky für Preise von 890.000 bis 1,25 Millionen Euro, noch abstrakte Gemälde von Gerhard Richter für 130.000 bis 450.000 Euro und von Alex Katz für 49.000 bis 69.000 Euro. Auf die Auswahl angesprochen, entgegnet Rainer Ludorff knapp: „In Karlsruhe entscheiden die Sammler.“

          Doch neben großen Namen und hohen Preisen, die in Karlsruhe wohl vor allem als Schauwerte ins Rennen geschickt werden, lassen sich auch zahlreiche erschwingliche Entdeckungen machen. Marianne Hennemann aus Bonn, seit sechs Jahren in Karlsruhe dabei, zeigt Bilder vom Meister der Pinselgesten Karl Otto Götz zu moderaten bis anspruchsvollen Preisen: Bei 5000 Euro für eine Gouache geht es los und endet bei 330.000 für das großformatige Gemälde „Selli (Tokyo)“.

          „Neue Positionen“ mit Qualitätsproblemen

          Viele rote Punkte sorgten bereits bei der Vip-Eröffnung für zufriedene Gesichter: Auch in diesem Jahr zeigt sich Karlsruhe als Standort, der sichere Umsätze verspricht, denn die Schweiz und Frankreich sind nah, und die badischen Sammler mit ihrer immer noch offensichtlichen Kaufkraft goutieren die kurze Anreise.

          Eine Schwäche der Messe ist nach wie vor die schwankende Qualität der Skulpturenplätze: Eigentlich gedacht, um mehr Ruhe in die weitläufigen Hallen zu bringen, wirken sie an manchen Stellen eher wie echte Stolpersteine. Während Michael Werner die wunderbar skurrilen und selten gesehenen amorphen Skulpturen aus Filz präsentiert, die A. R. Penck in den achtziger und neunziger Jahren schuf, beherrschen vielerorts Werke das Erscheinungsbild, die zwischen Boulevard-Klamotte und Kunsthandwerk schwanken.

          Auch der Kontrast zwischen der gediegenen Halle 3 und den „Neuen Positionen“ könnte nicht größer sein. „Bunt, bunter, Halle 4“ - dieses Motto scheinen die „Neuen Positionen“ für sich zu beanspruchen: Fotorealistisch und grell ist hier die an zahlreichen Ständen präsentierte Malerei. Zwar hebt die mittendrin plazierte Sammlung von Marli Hoppe-Ritter mit ihren am Quadrat orientierten Werken das Niveau ein wenig, doch herrscht drumherum ein solch gefälliger Kommerz, dass sich der Wunsch nach Abschaffung der „Neuen Positionen“ nicht leugnen lässt. Zudem macht sich der Wegfall der in den vergangenen drei Jahren vom Berliner Senat geförderten Sektion „Art In Berlin“ bemerkbar. Fraglich ist, ob nicht eine Konzentration auf die Klassische Moderne das Profil der Art Karlsruhe deutlicher schärfen würde als das Schielen auf das sogenannte Junge und Jüngste in der Kunst.

          Eine Messe mit 222 Aussteller

          Aus Mangel an einer überzeugenden Besetzung der Halle mit Gegenwartskunst haben wohl Henze & Ketterer und Michael Werner jetzt einen Spagat gewagt: Beide sind neben ihrem Stand im Kraftzentrum erstmals zusätzlich in der „jüngeren“ Halle zwei vertreten. Neben den Platzhirschen gibt es außerdem einige One-Artist-Shows zu entdecken: Baumgarten aus Freiburg zeigt den in Düsseldorf und Berlin lebenden Maler Jan Schüler und seine hypnotischen Neuauslegungen eines phantastischen Realismus (Preise von 2500 bis 9000 Euro).

          Hat man das weite Gelände der Karlsruher Messe durchschritten, wird auch eine offene Klage vieler Galeristen verständlich: den schier ungebremsten Expansionsdrang der Messe. In diesem Jahr ist wieder eine Halle hinzugekommen, in der mittlerweile 222 Aussteller Platz finden müssen. Die Art Karlsruhe ist so groß wie noch nie. Das kann man sich nur so erklären: Mehr Aussteller bedeuten mehr Geld, das in die Kassen der Messegesellschaft gespült wird. Und jede Messe ist ein Investitionsrisiko: Im Fall der jüngst eingestellten Kunstmesse Düsseldorf gab es zu wenig Anmeldungen, um die Messe wirtschaftlich weiterführen zu können. Darüber kann Karlsruhe nur schmunzeln. Doch wie lange noch? Die Messe muss dringend ihre Schwächen in den Griff kriegen.

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