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Art Cologne : In Köln am Rhein ist es für die Kunst so schön

Die „Art Cologne“ geht in ihre 53. Runde. Dabei hat sich die dienstälteste Messe für moderne und zeitgenössische Kunst sogar eher verjüngt. Das gelingt, weil sie Ballast abgeworfen und ihre Konturen geschärft hat.

          Alles begann, es ist bekannt, 1967 mit dem „Kölner Kunstmarkt“, und den Titel „Internationaler Kunstmarkt“ hat sich die älteste Messe für damals zeitgenössische (nach mehr als einem halben Jahrhundert schon beinah klassisch gewordene) Kunst unterwegs wieder zugelegt. Es begann mit achtzehn Galerien, die der gerade von den Kölner Galeristen Hein Stünke und Rudolf Zwirner mit einigen Kollegen gegründete „Verein progressiver deutscher Kunsthändler“ eingeladen hatte. Auch diese aktuelle, 53. Ausgabe der Art Cologne profitiert von kluger Beschränkung.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Hatte der Direktor Daniel Hug schon in der vorigen Ausgabe den Auftrieb auf 210 Galerien abgeschmolzen, ist er jetzt noch weiter gegangen, hat noch einmal um mehr als dreißig Galerien und Kunsthändler reduziert. Nämlich auf 177 Galerien, von denen gut neunzig aus dem Ausland kommen. Wobei aufs Neue gilt: Die Internationalität einer Messe hängt weniger von der Herkunft ihrer Aussteller ab als vom Spektrum des Angebots. So gesehen ist die Art Cologne definitiv die Leistungsschau in Europa, die sich vom Hang zur Globalisierung großen Stils abgrenzt, wie sie für die Messen in Miami oder Hongkong, als Zweigstellen der mächtigen Art Basel, notwendig ist.

          Hermann Glöckner, „Ensemble aus acht farbigen Baukörpern“, 1978, Pappe, geklebt, Tempera, Insgesamt etwa 37 x 58 x 55 cm bei Florian Sundheimer Kunsthandel, München. Bilderstrecke

          Entscheidend ist dabei eben die noch einmal erhöhte Konzentration. Alle Aussteller sind jetzt auf den Ebenen 1 und 2 der Halle 11 vereint; die Ebene 3 (obwohl 2018 recht lebendig wirkend, aber wohl nicht verkaufsintensiv genug) ist aufgegeben. Entsprechend kompakt war jetzt zur Preview und Vernissage der Tross der Sammler unterwegs – und, wie vielfach zu hören, außerdem direkt kauflustig. Wie schon im vorigen Jahr sind Galerien aus Berlin stark vertreten, die vorübergehende unsinnige Konkurrenz ist beigelegt – das Rheinland als Showroom akzeptiert. Man nimmt sich da nichts mehr, mit Blick auf das nahe Berliner Gallery Weekend (26.bis 28.April). Die nickelige Teilüberschneidung 2017 ist von der Agenda, zum Vorteil aller Beteiligten. Und auch die Art Brussels findet diesmal erst vom 25. bis zum 28. April statt. Die vielbeschworenen Sammler im Rheinland-Raum können sich also ohne Hetze bewegen.

          Auf Ebene 1 reicht die Sektion „Galleries“ von der Moderne über die Nachkriegskunst bis in die Gegenwart. Die „Klassische Moderne“, weiter auf dem Rückzug, erscheint dafür in konzentrierten Präsentationen. Die Münchner Galerie Thomas steht mit ihrem Sortiment dafür; auf dem Feld der Zeichnung tut das Rotermund aus Hamburg, der neben seinem August-Macke-Konvolut einen umwerfenden Kirchner-Akt in schwarzer Kreide dabei hat (145.000 Euro). Dessen genauso rasantes Gegenstück (gleicher Preis) findet sich übrigens am ebenfalls bestens sortierten Stand von Fischer aus Berlin. Henze & Ketterer, Wichtrach, wollen es, einmal mehr, mit einem späten Kirchner-Gemälde wissen, „Sängerin am Piano“ von 1930, ist mit einem genannten Preis von 3,9 Millionen Euro das wohl teuerste Werk auf der Messe überhaupt. Dort findet sich auch Heinz Macks Plexiglaskasten von 1965, „Wings of Gabriel“, für 1,1 Millionen Euro. Wie generell die sechziger Jahre weiter breit aufgestellt bleiben, auffällig ist dabei die andauernde Renaissance der einstigen italienischen Avantgarde, an vielen Ecken vertreten durch die charakteristischen bunten Streifen-Arbeiten von Piero Dorazio.

          Die Galerie Lahumière aus Paris bleibt bei ihrem konsequenten Programm des Konstruktivismus, diesmal auch mit Bildern aus den abstrakten Anfängen von Victor Vasarely in den Fünfzigern. Im Jahr 1960 zeichnete Hans Arp mit Bleistift zwei Körper auf ein Blatt Papier (11.000 Euro): Die Zeichnung hängt bei Philippe David aus Zürich, über einer prächtigen, knapp einen Meter hohen SteingussPlastik Arps von 1949 mit dem treffenden Titel „Pagodenfrucht“ (750.000 Euro). Florian Sundheimer, München, hat ein bezauberndes Ensemble mit acht kleinen „farbigen Baukörpern“, die Hermann Glöckner 1978 aus Pappe geformt und mit Tempera bemalt hat, in seinem Stand zur Skulptur angeordnet (75.000 Euro).

          Wenn sich ein allgemeiner Trend diagnostizieren lässt, dann – wenig verwunderlich – der, dass bei wohnungskompatiblen Dimensionen die Wand bevorzugter Ort für die Kunst bleibt. Malerische Positionen, so weit das Auge reicht, wie auch bei Schlichtenmaier aus Stuttgart etwa ein fast greifbarer „Schneehase“ von Ralph Fleck aus diesem Jahr zeigt (7900 Euro). Bei Friese, Berlin, wo charakteristisch kraftvolle Gemälde von Karl Horst Hödicke oder Walter Stöhrer zu finden sind, steht auch eine unbetitelte, grade mal vierzig Zentimeter hohe, formschön schmeichelnde Skulptur aus Steineiche von der jungen argentinischen Bildhauerin Claire de Santa Coloma (5000 Euro) – mithin auch ein eher häusliches Format.

          Auf der Ebene 2 sind die so umworbenen „Global Players“ versammelt wie David Zwirner, Hauser&Wirth, Thaddaeus Ropac, mit ihren dem internationalen Markt vertrauten Künstlern, dann doch meist in sechsstelligen Dimensionen. (Nicht wieder erschienen ist Gagosian, freilich eine verkraftbare Abwesenheit.) Und dort haben die Schwergewichte ihren Standort wie White Cube aus London, Michael Werner natürlich und Hans Mayer, Nächst St.Stephan aus Wien und Karsten Greve. Greve inszeniert einen Stand mit klaren Konturen, mit Werken seiner Hauskünstlerin Leiko Ikemura, eigenwilligen Arbeiten der Irin Claire Morgan und Gemälden der brasilianischen Malerin Lucia Laguna. Oder Bärbel Gräßlin kommt mit Markus Oehlen und Alicia Viebrock – aber auch mit einer der „New Positions“-Kojen: Dort zeigt Laura Schawelka ihre Mixed-Media-Installation, die sich unter dem Motto „A clumsy if furtive hand“ geistreich mit der Erfindung der Kleptomanie als Krankheit Ende des 19. Jahrhunderts beschäftigt.

          Die Seele aus dem Leib malen

          Ganz anders sieht die „New Position“ bei Eigen+Art aus: Ulrike Theusner malt sich die Seele aus dem Leib in ihren knallbunten impulsiven Pastellen auf Papier (von 1200 Euro an); schon bei der Preview war die Koje zum ersten Mal ausverkauft. Daneben läuft das Hauptprogramm von Eigen+Art, unter anderem mit einem relativ frühen Gemälde von Neo Rauch (920.000 Euro). Tatsächlich gibt es, was selten genug ist, noch einen zweiten Rauch, den sehr großen „Kalten Mai“ von 2010, bei Zwirner (1,1 Millionen Dollar). Wer es gern viel handlicher hat und zart-abstrakt, der findet zum Beispiel bei Schönewald, Düsseldorf, ganz feine Arbeiten von Antonio Calderara (6500 Euro).

          Köln war immer ein publikumsfreundlicher Kunstmarkt; die Auswüchse in den Achtzigern mit mehr als 300 Ausstellern waren vorübergehend Irrweg Richtung Jahrmarkt. Jetzt macht die Art Cologne alles richtig, sie hat ihr Profil noch einmal geschärft. Keinerlei Ambition im Höchstpreismarkt des Auktionsgeschäfts, das im Mai mit den New Yorker Prestigeveranstaltungen in die Frühjahrsrunde geht. Die Art Cologne findet ihr Publikum in der direkten Berührung mit der Kunst und mit deren Vermittlern. Das erzeugt, nicht zuletzt, einfach Entdeckerfreude. Dauernd ist die Frage „Habt ihr schon was gefunden?“ zu hören. Dass Künstlerinnen im Vormarsch sind, (wieder)entdeckte oder ganz junge, hat vor allem damit zu tun, dass sich Sehweisen verändert und Produktionsbedingungen deutlich verbessert haben, natürlich auch unter segensreichem Druck. Dass die etablierten Galerien an der Durchsetzung mitarbeiten, ist eine gute Entwicklung.

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