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Art Brussels : Entrückungserlebnis auf Belgisch

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Parallel zur Art Cologne feiert die Art Brussels ihr 30. Jubiläum mit Gelassenheit. Die aktuelle Ausgabe der Messe leistet sich sogar bronzene Stolpferfallen - ein Rundgang.

          Während zur Eröffnung der Art Cologne Vorfreude bei den Galeristen zu spüren war, herrschte am ersten Abend der dreißigsten Art Brussels Gelassenheit. Die belgische Messe für Gegenwartskunst präsentierte sich unaufgeregt - und wartete dafür mit überraschenden Premieren und einigen echten Entdeckungen auf. Die ganz großen internationalen Namen, wie in Köln vertreten durch David Zwirner oder Hauser und Wirth, waren nicht angetreten, dafür finden sich in Brüssel unter den 182 Ausstellern jene Galerien zusammen, die für die Region relevant sind und von hier aus international wirken. Die Präsenz von 48 Galeristen aus Belgien, 22 aus Deutschland und 21 Teilnehmern aus Frankreich belegt, wie wichtig Belgien als Handelsplatz ist.

          Ihre Premiere in Brüssel - und auch erstmals auf einer Messe für Gegenwartskunst - gibt Vervoordt, der mit einem „Black Painting“ von Ad Reinhardt aus dem Jahr 1959 für 900.000 Euro das teuerste Werk der Messe zeigt. Um das Gemälde gruppiert sich ein Querschnitt durchs Programm der Kunsthändler, der wie immer bei Vervoordt schnörkellos präsentiert wird: Malerei von Girke und Graubner, Michel Mouffe und Henk Peeters oder Fotografie von Hiroshi Sugimoto. Der Stand von Almine Rech aus Brüssel wirkte zur Vernissage arg vollgestellt mit Skulpturen, doch war er auch so gut besucht, dass man von den Arbeiten Viktor Uklanskis und Franz Wests, dem Aufsteiger Thomas Kiesewetter oder dem Belgier Johan Creten kaum etwas zusehen bekam.

          Erfolg schon in den ersten Stunden hatten die Gebrüder Lehmann bei ihrer zweiten Teilnahme: Die Collagen und bronzenen Videokassetten des „Autocenter“-Mitinitiators Joep van Liefland, die als Stolperfallen auf dem Galerieboden verteilt waren, wurden ebenso schnell vermittelt wie die Plexikunst von Olaf Holzapfel. „Brüssel lohnt sich für uns wegen der hohen Sammlerdichte“, erklärt Frank Lehmann, und fügt, nach Köln gefragt, hinzu: „Es wäre schön, wenn man sich nicht mehr zwischen Brüssel und Köln entscheiden müsste.“ Aber das sei anscheinend terminlich nicht zu machen.

          Messeveteran Rodolphe Janssen hat einen Berliner im Gepäck: Er zeigt Jürgen Drescher, geboren 1955, der gerade seine Wiederentdeckung feiert. Seine „Umzugskartons“; Aluminiumabgüsse verwitterter Pappen, wurden für je 10.000 Euro von Belgiern gekauft. Im Gegenzug zeigt der Berliner Michael Janssen - einer der zahlreichen Messeneulinge - Entdeckungen aus Belgien. Am museal bespielten Stand zeigt Janssen die erstaunlich aktuell wirkenden, minimalistischen Marmorskulpturen der 1941 geborenen, in Gent lebenden Bildhauerin Lili Dujourie (Preise von 32.000 bis 38.000 Euro).

          Willkür ist auch ein Konzept

          Viele rote Punkte sorgten schon kurz nach Öffnung der Hallen für glänzende Laune. Es sind, so ist an den Ständen zu hören, vorwiegend Sammler aus Belgien und Frankreich angereist. Die Düsseldorfer Galeristin und langjährige Brüssel-Teilnehmerin Helga Conrads ist als eine der wenigen in Köln und Brüssel vertreten: Sie zeigt auf beiden Messen Arbeiten von Mounir Fatmi, Ulrike Heidenreich oder Beat Zoderer. Sie spricht aus, was an vielen Ständen zu hören ist: „Dass Köln und Brüssel gleichzeitig stattfinden, zwingt uns schon zum Spagat“, sagt sie. „Wir würden es begrüßen, wenn eine Messe im Herbst und eine im Frühjahr stattfinden würde.“

          In guter Stimmung und angesichts der hohen Qualität der Kunst an den Ständen gerät etwas in den Hintergrund, wie willkürlich das Konzept der Messe ist: Die Trennung der Aussteller in „jung und etabliert“ in Halle eins und „jung und wild“ in Halle drei erscheint fragwürdig. In Halle drei gibt’s erstmals die Sektion „First Call“ mit dreizehn Messepremieren junger Galeristen, darunter Krome aus Berlin oder Alex Zachary aus New York. Doch seltsamerweise wurde auch die erfahrene Anita Beckers aus Frankfurt für ihre Brüssel-Premiere in Halle drei plaziert, wo sie die Bildserie „Entrückungserlebnis“ von Jürgen Klauke (Auflage3; 120.000 Euro) von 1990/92 und dessen erstaunlich unverbrauchte, frivole „Tageszeichnungen“ aus dem Jahr 1973 (9 Blätter, 25.000 Euro) und die erschwinglichen Gemälde von Stefan Pfeiffer (2000 bis 4500 Euro), einem Meisterschüler von Thomas Zipp, zeigt.

          Auch bei einer jungen Brüsseler Galerie wie Elaine Levy Project ist das „Junge Wilde“ in der Kunst eine Frage der Perspektive: Hier ist die Malerei des einunddreißigjährigen Genter Künstlers Steven Baelen zu sehen, der den eigenen Gestus von der Zeichnung über die Fotografie bis hin zum Digitaldruck variiert (4000 bis 7000 Euro). Platz hat aber auch die immer noch radikale Appropriation Art des seit mehr als dreißig Jahren bestehenden Künstlerkollektivs Irwin aus Slowenien, das seine Version moderner Ikonenmalerei zeigt (6000 bis 12.000 Euro). Brüssel beweist in diesem Jahr besonders deutlich, wie erfolgreich sich das Label „Contemporary Art“ in Belgien, Frankreich, Deutschland und der Schweiz entwickelt hat. Die Art Brussels braucht die Konkurrenz aus Köln nicht zu fürchten.

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