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Art Berlin : Ein Präsident im Kunst-Hangar

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Die junge Sammlergeneration sollte aufmerksam sein! Die Messen „Art Berlin“ und „Positions“ geben sich international, politisch und ein kleines bisschen feministisch.

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          Metallskulpturen, die wie überlebensgroße Patronenhülsen in den Raum hineinragen. Daneben Marmorkugeln, glänzend, geformt wie kleine kosmische Trabanten. Die Galerie Dietrich und Schlechtriem zeigt mit dem Italiener Nicola Martini einen Künstler, der die Materialität seiner Werke mit dem Thema der Transformation verbindet. Seine Skulpturen sind der Witterung ausgesetzt, verändern dadurch Farbe und Form. Die mit Schellack gestrichenen Metalle wirken zu jeder Tageszeit anders, Ein lebendiges Gesamtbild entsteht, welches die Bewegung und die prozessuale Dynamik in der Kunst darstellen soll. Die Installation ist so groß, dass sie raumfüllend daherkommt (50.000 Euro).

          Zu sehen ist die überall sichtbare Installation in den großen Hallen des traditionsreichen Flughafens Berlin-Tempelhof, auch in diesem Jahr der Austragungsort für die wohl wichtigsten Kunstmessen der Hauptstadt, die „Art Berlin“ und „Positions“. Mit mehr als 110 nationalen und internationalen Galerien gibt sich die „Art Berlin“ in ihrer dritten Ausgabe sehr international und selbstbewusst. Besonders viele Galerien aus Osteuropa sind in den Hangars vertreten. Neben dem üblichen Ausstellungsprogramm hat Chefkuratorin Maike Cruse zwei neue Reihen aufgelegt. In „Special Projects“ werden Einzelpositionen gezeigt oder besonders kuratierte Ausstellungen kleinerer Galerien, während im „Salon“ Newcomer ihre Werke ausstellen. Dieses Konzept stehe ganz im Geiste der Vorgängermesse „abc“, die den Kunststandort Berlin nachhaltig geprägt habe, sagt Cruse.

          Auf diese Weise entstehen Gegenüberstellungen, die den Widerstreit von Ästhetik und Politik in die altehrwürdigen Hallen des Berliner Flughafens tragen. So zeigt die Salzburger Galerie Ebensberger Rhomberg die bunten und organischen Zeichnungen von Maria Thurn und Taxis und setzt diese ins Verhältnis zu Originalrequisiten und den bildnerischen Werken des Regisseurs Jörg Buttgereit, der durch seinen „Nekromantik“ Kultstatus im Splattergenre erlangt hat (Preise auf Anfrage).

          Bei Carlier Gebauer wird der wohl einzige Künstler der Messe ausgestellt, der auch zugleich Regierungschef eines souveränen Staates ist. Die Berliner Galerie präsentiert die farbenfrohen und comicartigen Zeichnungen des albanischen Ministerpräsidenten Edi Rama, der unter dem Titel „Works“ eine Tapete mit Comic-Skizzen, Ausschnitte von bemalten Sitzungsprotokollen der Regierungsarbeit und seine ebenso bunten Keramiken ausstellt (Preis jeweils 3500 Euro).

          Ebenso farbig geht es bei Galerie König zu. Dort werden drei neue Arbeiten des Hauskünstlers Norbert Bisky – „Renitent K.“, „PM 12“ und „Renitent J.“ – gezeigt. Jünglingshafte Männergesichter im Stil eines phantastischen sozialistischen Realismus. hocherotisch und heroisch zugleich (jeweils 14.000 Euro). Daneben haben Johann König und sein Team den Künstler Matthias Weischer platziert, der mit „Seestück“ ein düsteres Gemälde geschaffen hat, das die raue See als Sehnsuchtsort des menschlichen Daseins inszeniert (35.000 Euro).

          In einem sehr ähnlichen Stil wie Bisky malt auch der in Russland gefeierte Jungkünstler Kirill Makorov, den die kleine Moskauer Galerie Triangle nach Berlin geholt hat. Triangle vertritt insbesondere russische, ukrainische und weißrussische Aufsteiger mit betont politischer Haltung, so wie auch Makarov. Seine in erdigen Braun-, Gelb- und Schwarztönen gehaltenen Bilder sind ein Spiegelbild der zerrissenen russischen Gesellschaft. Mysteriöse Großstadtszenen, verzerrte Menschenporträts und alltägliche Begebenheiten des russischen Alltags sind seine Themen, die er radikal in einem realistischen Stil umsetzt (Preise jeweils 5200 Euro).

          Bei Sprüth Magers wird mit dem Beuys-Schüler Walther Dahn ebenfalls ein Künstler in den Blickpunkt gestellt, der sich kritisch mit der Gegenwartskultur der Bundesrepublik auseinandersetzt. Er selbst gab auf dem Höhepunkt seines Erfolgs die Malerei auf, weswegen die auf der Messe gezeigten Werke, die teilweise wie Skizzen des Berliner Milieuzeichners Heinrich Zille oder wie Pop-Art-Klassiker wirken, echte Raritäten sind (von 5000 bis 16.000 Euro). Als Gegenpol dazu hat die aus Berlin stammende Galerie das großformatige Gemälde „Kapital acht“ von Thomas Scheibitz ausgestellt. Inspiriert durch die Architekturskizzen des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer malte er einen postmodernen Brunnen, in den üblichen orange-blauen Tönen seiner Farbpalette. Ein partikuläres Motiv, dass aber durch seine Kontraste eine explosive Ausdruckskraft entfaltet (Preis 80.000 Euro).

          In seiner Großinstallation mit dem Titel „Les artistes et l’écriture“ hält der aus Benin stammende Künstler Georges Adéagbo die Zeit an. Ein chaotischer Raum voller Devotionalien der Vergangenheit: alte Zeitungsschnipsel, Bildbände, Schallplatten, Überreste von Straßenplakaten. Der vielleicht radikalste unter den westafrikanischen Künstlern hat sein Leben in Berlin minutiös in dieser Installation festgehalten, als humorigen Ausflug in eine erst kürzlich abgelaufene Vergangenheit (68.000 Euro).

          Auch die deutsch-chinesische Galerie XC-Hua stoppt in ihrer Ausstellungspräsentation die Zeit. Im Rahmen der Schau „Green go home“ werden die auf Zeitung gedruckten Botschaften der New Yorker Künstler Tomas Vu und Rirkrit Tiravanija gezeigt. „Police the Police“ beispielsweise, im Hintergrund das legendäre Zeitungsporträt von David Bowie, oder „Up against the wall mother-fucker“, gedruckt auf dem Porträt der New York Times von Frida Kahlo. Subversiv sind die in diesen Werken sichtbaren Verbindungen lateinamerikanischer Revolutionspraktiken und amerikanischer Plakatkunst (8000 bis 10.000 Euro).

          Viel politischer als die große Schwester ist die kleinere aber ebenso innovative „Positions“ in diesem Jahr. Die Warschauer Galerie Szydlowski ist mit der Künstlerin Maja Kitajewska vertreten, die mit bestickten und genähten Werken wie „Eden“ oder „Brüderschaft der Wölfe“ feministische Positionen mit politischer Kritik verbindet. Die „Goldene Serie“ ist einfarbig gehalten, ragt in den Raum hinein und bekommt dadurch eine skulpturale Wirkung (6000 bis 6500 Euro). Bei Ex Girlfriend Galerie aus Berlin zeigt Christopher Meerdo in der Videoinstallation „Channeling“ von 2019 Schnipsel der durch die US-Geheimdienste gesammelten Nachrichtenverläufe. Emojis wechseln sich mit intimen Privataufnahmen ab (60.000 Euro). Die aus Goslar stammende Lichtkünstlerin Regine Schumann präsentiert bei Galerie Judith Andrea aus Bonn ihre Licht- und Glasinstallationen, „Colour, rainbow, mirror, knokke“ zum Beispiel, die durch fluoreszierendes Licht einen rosafarbenen Ton bekommt (25.000 Euro). Ihre minimalistische Lichtgestaltung erinnert an die frühen Arbeiten von Dan Flavin.

          Schließlich offenbart sich beim Migrant Bird Space, einer Galerie mit Dependancen in Peking und Berlin, die ganze politische Schlagkraft junger chinesischer Gegenwartkunst. Mit den Fotografinnen Luo Yang und Yafei Qi wird feministischer Fotografie aus China eine Bühne in Deutschland gegeben. Radikal hinterfragen die Künstlerinnen Körperlichkeit und die gesellschaftlichen Konventionen der chinesischen Ehe. Ausbruch aus tradierten Familienverhältnissen, der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben und die Wünsche der kosmopolitischen jungen Mittelschicht in China werden in den Porträtfotografien reflektiert (4600 bis 9200 Euro).

          Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie sich die beiden Messen ergänzen und verbinden. Dem Anspruch, besonders die junge und internationale Sammlergeneration an sich zu binden und neue Formate der Kunstvermarktung auszuprobieren, werden in dieser Saison beide gerecht. Was auch am umfassenden Begleitprogramm aus Gesprächen, Preisverleihungen und auswärtigen Vernissagen liegt. Berlins Kunstszene leuchtet in den haushohen Hallen des stillgelegten Flughafens.

           

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