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Art Berlin : Ein Präsident im Kunst-Hangar

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Bei Sprüth Magers wird mit dem Beuys-Schüler Walther Dahn ebenfalls ein Künstler in den Blickpunkt gestellt, der sich kritisch mit der Gegenwartskultur der Bundesrepublik auseinandersetzt. Er selbst gab auf dem Höhepunkt seines Erfolgs die Malerei auf, weswegen die auf der Messe gezeigten Werke, die teilweise wie Skizzen des Berliner Milieuzeichners Heinrich Zille oder wie Pop-Art-Klassiker wirken, echte Raritäten sind (von 5000 bis 16.000 Euro). Als Gegenpol dazu hat die aus Berlin stammende Galerie das großformatige Gemälde „Kapital acht“ von Thomas Scheibitz ausgestellt. Inspiriert durch die Architekturskizzen des Bauhaus-Meisters Oskar Schlemmer malte er einen postmodernen Brunnen, in den üblichen orange-blauen Tönen seiner Farbpalette. Ein partikuläres Motiv, dass aber durch seine Kontraste eine explosive Ausdruckskraft entfaltet (Preis 80.000 Euro).

In seiner Großinstallation mit dem Titel „Les artistes et l’écriture“ hält der aus Benin stammende Künstler Georges Adéagbo die Zeit an. Ein chaotischer Raum voller Devotionalien der Vergangenheit: alte Zeitungsschnipsel, Bildbände, Schallplatten, Überreste von Straßenplakaten. Der vielleicht radikalste unter den westafrikanischen Künstlern hat sein Leben in Berlin minutiös in dieser Installation festgehalten, als humorigen Ausflug in eine erst kürzlich abgelaufene Vergangenheit (68.000 Euro).

Auch die deutsch-chinesische Galerie XC-Hua stoppt in ihrer Ausstellungspräsentation die Zeit. Im Rahmen der Schau „Green go home“ werden die auf Zeitung gedruckten Botschaften der New Yorker Künstler Tomas Vu und Rirkrit Tiravanija gezeigt. „Police the Police“ beispielsweise, im Hintergrund das legendäre Zeitungsporträt von David Bowie, oder „Up against the wall mother-fucker“, gedruckt auf dem Porträt der New York Times von Frida Kahlo. Subversiv sind die in diesen Werken sichtbaren Verbindungen lateinamerikanischer Revolutionspraktiken und amerikanischer Plakatkunst (8000 bis 10.000 Euro).

Viel politischer als die große Schwester ist die kleinere aber ebenso innovative „Positions“ in diesem Jahr. Die Warschauer Galerie Szydlowski ist mit der Künstlerin Maja Kitajewska vertreten, die mit bestickten und genähten Werken wie „Eden“ oder „Brüderschaft der Wölfe“ feministische Positionen mit politischer Kritik verbindet. Die „Goldene Serie“ ist einfarbig gehalten, ragt in den Raum hinein und bekommt dadurch eine skulpturale Wirkung (6000 bis 6500 Euro). Bei Ex Girlfriend Galerie aus Berlin zeigt Christopher Meerdo in der Videoinstallation „Channeling“ von 2019 Schnipsel der durch die US-Geheimdienste gesammelten Nachrichtenverläufe. Emojis wechseln sich mit intimen Privataufnahmen ab (60.000 Euro). Die aus Goslar stammende Lichtkünstlerin Regine Schumann präsentiert bei Galerie Judith Andrea aus Bonn ihre Licht- und Glasinstallationen, „Colour, rainbow, mirror, knokke“ zum Beispiel, die durch fluoreszierendes Licht einen rosafarbenen Ton bekommt (25.000 Euro). Ihre minimalistische Lichtgestaltung erinnert an die frühen Arbeiten von Dan Flavin.

Schließlich offenbart sich beim Migrant Bird Space, einer Galerie mit Dependancen in Peking und Berlin, die ganze politische Schlagkraft junger chinesischer Gegenwartkunst. Mit den Fotografinnen Luo Yang und Yafei Qi wird feministischer Fotografie aus China eine Bühne in Deutschland gegeben. Radikal hinterfragen die Künstlerinnen Körperlichkeit und die gesellschaftlichen Konventionen der chinesischen Ehe. Ausbruch aus tradierten Familienverhältnissen, der Kampf um ein selbstbestimmtes Leben und die Wünsche der kosmopolitischen jungen Mittelschicht in China werden in den Porträtfotografien reflektiert (4600 bis 9200 Euro).

Gerade an diesem Beispiel zeigt sich, wie sich die beiden Messen ergänzen und verbinden. Dem Anspruch, besonders die junge und internationale Sammlergeneration an sich zu binden und neue Formate der Kunstvermarktung auszuprobieren, werden in dieser Saison beide gerecht. Was auch am umfassenden Begleitprogramm aus Gesprächen, Preisverleihungen und auswärtigen Vernissagen liegt. Berlins Kunstszene leuchtet in den haushohen Hallen des stillgelegten Flughafens.

 

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