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Art Basel : In einer dynamischen Welt

  • -Aktualisiert am

Die Kunst auf der Art Basel kann und will die politischen Verhältnisse nicht aussparen. Das ist keine Frage ihrer Entstehungszeit. Die Traditionsmesse bleibt der entscheidende Schauplatz für die internationale Klientel.

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          Auch in ihrer 47. Ausgabe bleibt es dabei: Sie ist die erstklassige Messe für moderne und zeitgenössische Kunst. In den Hallen ging es gleich bei den Vorschauen hoch her. Wer teils weite Wege aus der ganzen Welt auf sich nimmt, hat mehr im Sinn als eine gemütliche Kojen-Schlenderei. Entsprechend ließen Erfolgsmeldungen zu preislichen Highlights nicht auf sich warten: Paul McCarthys lustigen „Tomato Head (green)“, eine Installation von 1994, hat Hauser & Wirth für mehr als 4,7 Millionen Dollar verkauft an eine amerikanische Sammlung, und das nur als Spitze eines Runs auf Arbeiten McCarthys. Sein verstorbener Bruder im Geiste, Mike Kelley, zeichnete „Reconstructed History“, eine freche Serie zu triebgesteuerter Weltgeschichte, die Skarstedt für 1,5 Millionen Dollar abgab. Bei Mnuchin fand Brice Mardens Gemälde „First Window Painting“ für circa vier Millionen Dollar seinen Käufer, bei Sprüth Magers bekam ein Privatsammler aus Asien Frank Stellas „OlykaI“ von 1973 für 1,1 Millionen Dollar – und so geht es weiter. Frank Stella markiert übrigens eine Tendenz dieser auf sichere Werte setzenden, aktuellen Art Basel, seine strengen Bildobjekte treten in ähnlich hoher Zahl auf wie Carl Andres Bodenarbeiten, etwa bei Konrad Fischer. Mit dem Minimalismus dieser beiden harmoniert das noch immer anhaltende Revival italienischer Kunst der fünfziger bis siebziger Jahre: Neben weißen Bildern von Piero Manzoni oder Enrico Castellanis Textil-Reliefs herrscht absolut kein Mangel an Fontanas Leinwand-Schlitzungen; für eine große schwarze Arbeit nennt man bei Helly Nahmad aus New York 4,5 Millionen Dollar. Auf ähnlicher Wellenlänge, dabei im Preis deutlich günstiger, bewegen sich Werke wie Ulrich Erbens weiße Monochromien; eine frühe von ihnen kostet bei Hans Mayer aus Düsseldorf 48 000 Euro.

          Elegant nennt der Art-Basel-Direktor Marc Spiegler die aktuelle, von Unruhen, Abstimmungen und Migration gerüttelte Weltsituation „dynamischer“ als noch vor einem Jahr. Auswirkungen auf den Kunstmarkt will er nicht beobachten, inhaltliche Reaktionen aber sind evident. Da lässt die Japanerin Chiharu Shiota in ihrer „Accumulation: Searching for Destination“ eine gewaltige Wolke armer alter Koffer in der „Unlimited“-Sektion schaukeln (Galerie Daniel Templon, Paris). Dort steht auch Kader Attias großartige Regalinstallation voller Zeitungen und Bücher, die seit dem 19.Jahrhundert und bis heute fleißig das Bild vom nichtwestlichen dunklen, bösen Mann vorzeichnen (Galerien LehmannMaupin, New York und NagelDraxler, Berlin). Und was hat es mit dem entzückend die Halle füllenden Vogelgezwitscher auf sich? Für den doppelsinnigen „Canon“ nutzt Samson Young aus Hongkong eine Schallkanone, wie sie gegen Demonstranten oder Piraten eingesetzt wird (Galerie Gisela Capitain, Köln).

          Erratische Auswahlkriterien

          In der Halle 2 geht es seltener politisch zu, immerhin baute Olaf Metzel bei Wentrup aus Berlin seine „Sammelstelle“ auf: 1992 auf die Asylbewerber aus Jugoslawien bezogen, beweist die nur über eine enge Drehtür zugängliche, halbzerstörte Wellblechkammer mit Abfallkörben heute wieder größte Aktualität. Fast schon „Unlimited“-Maße bringt mit elf Metern Breite Gerhard Richters digitaler Streifenprint „930-7 Strip“ auf die Wand der Marian Goodman Gallery – und demnächst eines Museums (das dafür drei Millionen Dollar ausgegeben haben soll. Stattliche fünfeinhalb Meter Leinwand bemalte Robert Motherwell mit „Arabesque“ 1989 für das Headquarter von „General Electrics“ (bei Gmurzynska für sechs Millionen Dollar zu erwerben). Die Berliner König Galerie bestückt ihre Breitwand täglich neu mit Katharina Grosse, Jorinde Voigt, Alicja Kwade und so fort. Wie gute Kunst bestens mit Kleinformaten auskommen kann, beweisen nicht zuletzt Arbeiten der bei uns wenig bekannten Mira Schendel (1919 bis 1988); ihre feinen konkreten Bilder und Zeichnungen der frühen Jahre hängen bei Bergamin & Gomide aus São Paulo.

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