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Art Basel : Eine Schule des Sehens und ein Parcours ohne Vergleich: Die 37. Ausgabe der Art Basel

Die Art Basel hat ihren Führungsanspruch in ihrer 37. Ausgabe uneinholbar ausgebaut. Eine Tendenz ist dabei deutlich auszumachen: Endgültig weg von reinen Ansammlungen teuer abverkaufbaren, modischen Materials, warten die weitläufigen Areale der Händlerelite mit Präsentationen auf, die kuratierten Ausstellungen sehr nah kommen.

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          Der Parcours ist der höchstdotierte der Welt: Die 37. Ausgabe der Art Basel hat die Schatzkammern der Kunst des 20. und des 21. Jahrhunderts geöffnet. Ereignis wird da in den Hallen, was in dieser Konzentration kaum vorstellbar schien - zumal nach den gerade einen Monat zurückliegenden New Yorker Auktionen. Angesichts der enormen Fülle und Qualität - oder jedenfalls aktuellen Marktgängigkeit - der dort aufgerufenen Kunst konnte die Frage aufkommen, ob die „stocks“ des internationalen Handels noch ebenbürtige Reserven bewahren.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Nun ist in Basel jeder beschleunigte Durchlauf der Werke - gleichsam noch mit der Losnummer versehen in die Stände der Händler und Galeristen - vollständig vermieden. Im Gegenteil: Das Aufgebot der Schau demonstriert ein tiefes Vertrauen in die klassische Domäne des Kunsthandels, der sich durch die Aus- und Übergriffe der mächtigen Versteigerungsfirmen in die angestammte Domäne geradezu beflügelt fühlt. Was diese Spitzengarde, zumal im Bereich des Primärmarkts, auffährt, baut auf ein entsprechendes Publikum, dessen Kaufkraft und Kaufwille schier unermüdlich ist. Diese Rechnung ging auf.

          Konfrontation und Kenntnisvermittlung

          Eine Tendenz ist deutlich auszumachen: Endgültig weg von reinen Ansammlungen hochpreisigen oder jedenfalls teuer abverkaufbaren, modischen Materials, warten die weitläufigen Areale (Stand oder Koje sind da längst nicht mehr die passenden Bezeichnungen) der Galeristen- und Händlerelite mit Präsentationen auf, die kuratierten Ausstellungen sehr nah kommen. Es sind so mancherorts Zuordnungen und Konfrontationen entstanden, die als veritable Schule des Sehens taugen. Die Absicht dabei ist denkbar wünschenswert: Gegen das herrschende Zufallsprinzip der Prestigeauktionen ist auf Geschmacksbildung und Kenntnisvermittlung gesetzt, auf der diachronen wie auf der synchronen Schiene gewissermaßen. Und zugleich wird eine in ihren Sinnen bereits gebildete Klientel konfrontiert mit einem Angebot, das deren entsprechend hohen Standards gerecht wird.

          Die Galerie Gmurzynska glänzt da mit ihrer Suite, die von einem herrlichen Degas-Pastell „Après le Bain“ über „Meules, soleil voilé“ von Monet bis hin zu einer fast zart anmutenden Richard-Long-Steinskulptur und einem frühen, sehr puren Siebdruck über Bleistiftschrift von Richard Prince führt. Herzstück ist ein monumentaler umwerfender „Nu couché“ Picassos vom 15. November 1971 (12 Millionen Dollar). Überhaupt Picasso: Nicht nur bei Jan Krugier, der den Nachlaß von Marina Picasso vertritt, erscheint der Meister aller Klassen in Reihe gehängt und gestellt, auch Helly Nahmad läßt die Picasso-Muskeln spielen - dabei eine „Femme en Blanc“ von 1922 (25 Millionen Dollar).

          Fabelhaft sortiertes Panoptikum

          Marlborough zeigt Francis Bacon vor, als Zwei-Meter-Breitwand-Triptychon vor fliederfarbenem Grund („Three Studies from the Human Body“, 1970; 19 Millionen Euro), und Warhols „Hamburger 2 Times“ von 1985/86 ist dort mit 6,15 Metern der längste Warhol weit und breit. Es ist die Parade der Klassischen Moderne und der Klassiker der Gegenwart; mit Nebenwerken wird sich gar nicht abgegeben, wie auch das fabelhaft sortierte Panoptikum der Münchner Galerie Thomas vorführt.

          Der jüngsten, geschmeidigen Weich-Maler überdrüssig, bekommen die Beherrscher des Genres die Oberhand, und auch die Skulptur betritt machtvoll die Bühne. Bei Marwan Hoss aus Paris flankieren eine „Woman in Armchair“ (1994) und das attraktive „Girl next to bathroom column“ (1974) von George Segal ein ikonisches Wandrelief Tom Wesselmanns, das in Grisailletönen eine General-Electric-Uhr mit einem Radio und Bierflaschen zum „Still Life“ (1964) kombiniert.

          Matthew Marks gegenüber zeigt Dieter Roths prächtig erodiertes, achtzig mal achtzig Zentimeter großes Eisen-Schokolade-Wandstück „Am Rhein“ (1969) als Mementum der Vergänglichkeit und stellt Hans Haackes kleinen „Obstructed Flow“ (1967), in dem Öl sich träge in Polyesterharz dehnt, auf einen Sockel. Hauser&Wirth, Zürich, hüten im Wandobjekt Marcel Broodthaers' Eier(schalen) „Pour Lumumba“ (1965), während im Stand eine buchstäblich schweinische Skulptur Paul McCarthys thront, der eine charmante Sitzecke Pipilotti Rists heimelige Atmosphäre verleiht, nachdem man eingangs eine der verstörenden anthropomorphen Plastiken von Berlinde de Bruyck here passiert hat.

          Kampfmalerei zum Thema Gesellschaft

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