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Art Basel : Das Schaufenster zur Welt

Hans Op de Beeck, „Dancer“, 2019, Polyester, Stahl, Beschichtung, 146 mal 110,5 mal 110 Zentimeter bei Galerie Krinzinger. Bild: RMG

Die Art Basel ist die „Mutter aller Messen“. Jetzt feiert sie das Jubiläum ihrer fünfzigsten Ausgabe.

          Die Art Basel – in Basel – findet zum fünfzigsten Mal statt. Nur die Art Cologne, gegründet 1967 als „Kölner Kunstmarkt“, gibt es noch länger. Damit sind die beiden Messen die ältesten auf dem europäischen Kontinent. Das stolze Jubiläum wird aber gar nicht an die große Glocke gehängt. Das mag daran liegen, dass „Art Basel“ längst als globales Unternehmen, das nicht seinesgleichen hat, agiert. Nicht nur die jährlichen Schauen Art Basel Miami Beach seit 2002 und Art Basel Hongkong seit 2013 stehen für dieses Imperium. Darüber hinaus zählen Aktivitäten dazu wie „Art Basel Cities“. In der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires wurden die Museen und lokalen Galerien, private Sammlungen und Künstlerinitiativen der komplexen Urbanität einbezogen Noch nicht bekannt ist eine nächste Station für die „Cities“.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Der Nukleus all der Energie liegt in der Schweizer Stadt am Rhein, wo die Art Basel zum ersten Mal 1970 stattfand. Der Ansturm des internationalen Publikums zur Eröffnung machte klar, dass die Schau nichts von ihrer Ausstrahlung verloren hat. Und die Meldungen über Verkäufe bis in den achtstelligen Bereich, wie auch immer lange vorbereitet, markieren die Finanzkraft ihrer Klientel. Bei der aktuellen Ausgabe sind 290 Galerien, sie heißen seit Jahren „führend“, aus 34 Ländern vertreten. Neunzehn Aussteller sind neu dabei, sie „verjüngen die Ausstellung noch mehr“, wie es heißt. Die Neuordnung der hohen Standmieten, die eben jüngere Galerien begünstigt, mag dazu beigetragen haben. Das Angebot reicht von der frühen Moderne des 20. Jahrhunderts bis zur unmittelbaren Zeitgenossenschaft. Das weiterhin schlicht „Galleries“ genannte Zentrum im Erd- und Obergeschoss der Messehalle 2 bilden gut 230 Teilnehmer; dazu kommen die Projekte der „Feature“-Sektion und die Einzelpräsentationen der „Statements“. In der Stadt verteilt sind die – für alle frei zugänglichen – Werke des „Parcours“.

          Samson Young, „Assembly 2“, 2019, Verschiedene Materialien, 240 mal 90 mal 60 Zentimeter, 75.000 Dollar bei Galerie Gisela Capitain. Bilderstrecke

          Mitbringen was man bieten kann

          Die big players, auch das ist Tradition in Basel, bringen mit, was sie zu bieten haben. Das sorgt, wie nicht anders möglich, für manches Déjà-vu; manches ist dann doch überraschend. Ubiquitär scheint weiterhin der Abstrakte Expressionismus in allen Varianten: So hängt Helly Nahmad – die New Yorker Handlung hat Picassos „Fillette à la corbeille fleurie“ aus der Rockefeller-Sammlung im Mai 2018 für 102 Millionen Dollar ersteigert – ein Großformat von Mark Rothko, dominiert von einer grauschwarzen Fläche. Für die europäische Moderne hält Landau Amedeo Modiglianis Gemälde „Braut und Bräutigam“ von 1915/16 vor, das man freilich schon auf den Messen in Maastricht und 2016 in Paris sehen konnte, jetzt noch höher beziffert als dort mit 35 Millionen Dollar. Bei Landaus steht auch Alberto Giacomettis feingliedrige Bronze „La clairière“ von 1950 (25 Millionen Dollar); eines ihrer sechs Exemplare wurde im Mai 2018 in New York für 13,75 Millionen Dollar zugeschlagen. Die andauernde Crux zwischen Auktionsmarkt und Sekundärhandel zeigt sich in Basel nicht nur an diesem Beispiel. Die scharfe Rivalität fällt allerdings öfter zugunsten der realistischeren Preise des Handels und der Galerien aus, vor allem für die hochgetriebene Gegenwart.

          Bei Lévy Gorvy gibt es eine aparte Konfrontation: zwischen einem charakteristischen „Untitled“ von Cy Twombly aus dem Jahr 1968 (11,5 Millionen Dollar) und Twomblys unerwartetem „Portrait of Henry Heymann“ von 1956 (2,8 Millionen Dollar). Derweil hält Acquavella eine Variante der „Trois sœurs“ von Balthus aus dem Jahr 1954 vor (9,5 Millionen Dollar), nicht bekannt aus jüngeren Auktionen. So ließe sich fortfahren im Segment der Höchstpreise, selbstredend mit Gagosian, der einmal mehr sein Besteck vorzeigt, nicht ohne ein riesiges „Sacred Heart (Magenta/Gold)“ von Jeff Koons, ganz lässig nach dem Achtzig-Millionen-„Rabbit“. Dass Gagosian eine weitere, ständige Dependance in Basel eröffnen wolle, ist Messegespräch. Doch die Konkurrenz schläft nicht. So hat David Zwirner Gerhard Richters frühe „Versammlung“ von 1966 schon als verkauft gemeldet (20 Millionen Dollar) und White Cube, neben anderem, des derzeitigen Superstars Mark Bradford Collage „Rat Catcher of Hamelin II“ von 2011 (7,75 Millionen Dollar). Solche Preise sind, wohlgemerkt, asking prices; was die Arbeiten am Ende gekostet haben, bleibt zwischen Galeristen und Käufern.

          Oben in der Hallemacht die „Verjüngung“ die Orientierung nicht einfacher. Es herrscht dort vor allem Malfieber und Bastelfreude, was sich schon im vorigen Jahr andeutete. Vielleicht ist das die erwartbare Antwort auf die Chimäre „Post-Internet“. Was sich digitalisieren lässt, so scheint es, lässt sich analog doch sinnlicher darstellen, mit durchwachsener Fortune, nicht selten bis an die Grenze der Infantilisierung – überhaupt ein Trend in der Kunstproduktion. Die Kojen der wichtigen Galerien sind da wie Stützpunkte, Sadie Coles, Gisela Capitain oder König, Contemporary Fine Arts mit Arbeiten unter anderen von Huma Bhabha (Preise 18.000 bis 175.000 Dollar); Neu oder Krinzinger mit Hans Op de Beecks erschöpfter „Dancer“-Plastik als Standwächterin; Kamel Mennour oder Perrotin mit der hochglanzpolierten Stahlskulptur „Other Love (Title to be confirmed)“ von Elmgreen & Dragset (350.000 Euro).

          Die „Unlimited“, seit vorigem Jahr im Obergeschoss der Halle 1, bleibt die spezielle Spielwiese, in diesem Jahr zum achten und letzten Mal zusammengestellt von Gianni Jetzer, Chefkurator des Hirshhorn Museum and Sculpture Garden in Washington. Unter seiner Ägide lockte die Übergrößen-Schau während der Laufzeit der Messe 2018 angeblich fast 80.000 Besucher an. Mit 75 Werken hat sie, so Art-Basel-Direktor Marc Spiegler im Vorwort zum „Unlimited“-Katalog, die Dimensionen der Hauptausstellung auf der Venedig-Biennale. Schon in den letzten zwei, drei Jahren war zu bemerken, dass keineswegs radikale Zeitgenossenschaft dominiert. Dafür steht diesmal zum Beispiel Valie Export mit ihrem 16-Millimeter-Film „Syntagma“, einer nachgerade klassischen weiblichen Selbsterkundung aus dem Jahr 1983 (bei Ropac; 45.000 Euro). Oder Jannis Kounellis, dessen Militärhospital-Installation von 2000 nichts von ihrer Düsternis verloren hat (bei Greve; um 1,8 Millionen Euro).

          Ein Hang zur megalomanischen Verspieltheit

          Monica Bonvicinis „Breathing“ von 2017 treibt ein ernstes Spiel mit ihrer hydraulisch bewegten Skulptur, an deren Ende Ledergürtel eine Art Choreographie aufführen (Galleria Raffaella Cortese; 220.000 Euro). Unter dem Titel „The End of Love“ hat der libanesische Künstler Akram Zaatari 150 Hochzeitsfotos aus einem Studio versammelt, ein Panoptikum rätselhafter Schwermut (bei Sfeir-Semler; Auflage3; 150.000 Dollar). Auffällig ist allerdings der zunehmende Hang zur megalomanischen Verspieltheit. Olaf Nicolais neun Meter langer „Big Sneaker (The Nineties)“ von 2001 behält dabei witzig recht, betrachtet man die Allgegenwart des Turnschuhs bei den Messebesuchern (bei Eigen+Art; 180.000 Euro). Wenn Daniel Knorrs „Loundry“-Environment aus diesem Jahr Farben aus einer Autowaschanlage – unter Titeln wie „Art Informel“ oder „Art Brut“ – auf mit weißer Leinwand überzogene Modellautos sprühen lässt, geht der Spaß doch entschieden zu weit (bei Meyer Rigger; 280.000 Euro). Einen solchen Aufwand können sich nur die größeren Galerien, oft in gemeinsamer Anstrengung, leisten. Denn „Unlimited“ ist nicht nur als Publikumsattraktion ein Alleinstellungsmerkmal der Art Basel, sondern die – in jeder Hinsicht sperrigen – Werke sollen auch verkauft werden. Dafür kommen vor allem finanzstarke – private – Stiftungen und Museen weltweit in Frage.

          Eine ganze Menge der Kunst, die auf der Art Basel firmiert, wird naturgemäß wieder verschwinden, das ist schon immer die Regel dieses Spiels. Wie auch, dass nicht wenige Werke, die aktuell eine Wette auf die Zukunft oder eine eigenständige Geschmacksentscheidung sind, wiederkehren – und sei es nach einer Generation oder mehr. Die „Mutter der Messen“ macht, einmal mehr, das Schaufenster in die Kunstwelt weit auf. Das ist das offene Geheimnis ihrer ungebrochenen Anziehungskraft.

          Hallen 1 und 2 der Messe Basel. Bis Sonntag, den 16. Juni; geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr. Reguläre Tageskarte 58 Franken.

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