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Art Basel 2013 : In der Ruhe liegt die Kraft - auch für die Kunst

Die Art Basel ist kein Vergnügungspark, sondern harte Arbeit, und das Ergebnis ist die beste Messe der Welt.

          5 Min.

          Nach der Premiere der Art Basel Hong Kong war die gesamte Kunstwelt in gespannter Erwartung, wie die Basler Muttermesse selbst sich machen würde. Zumal weil in diesem Jahr die Herde zwar von Asiens steuerparadiesischem Eiland gleich nach Venedig zur Eröffnung der Biennale weiterziehen konnte, nicht aber im direkten Anschluss von dort zum nächsten Auftrieb in die nahe Schweiz. Wie sich schon bei den diversen Vorschauen in Basel dann schnell zeigte: eine wohltuende Unterbrechung, wenngleich vermutlich keine vorsätzliche Planung. Alles lief deutlich gelassener als noch vor zwei Jahren, nachgerade angenehm, fast ließe sich sagen - entspannt. Das Basler Publikum lief längst nicht mehr auf derartigen Hochtouren, entsprechend nicht mehr auf ganz so vielen hohen Absätzen, die alle Konzentration verbrauchen (wie auch zuletzt in Hongkongs Convention Center). Die ausgestellte Kunst kam so wieder in den Blick einer interessierten Klientel, deren Kaufkraft indessen eher noch gestiegen ist. Liest man die Listen der von der ersten Stunde der Preview an gemeldeten Verkäufe, kann man staunen. Zu den Spitzen zählen neben anderen die Londoner Nahmad-Galerie mit zwölf Millionen Dollar für Calders „Sumac“-Mobile und Cheim & Read aus New York mit sechs Millionen Dollar, die ein Schweizer Sammler für ein unbetiteltes Gemälde von Joan Mitchell bezahlte. Das geht dann so weiter.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Kurz: Diese 44. Ausgabe der Art Basel ist zu neuer glanzvoller Hochform aufgelaufen. Ihr Gesamteindruck ist der eines äußerst gepflegten Parcours, für den freilich einige Verpflanzungen und Flurbereinigungen vorgenommen wurden, die nicht jedem der Teilnehmer gefallen können. Doch allein, auf dieser Leistungsschau überhaupt vertreten zu sein, bedeutet, zu den 304 Galerien weltweit zu gehören, die aus rund tausend Anmeldungen herausgefiltert wurden.

          Vor allem glänzt das Erdgeschoss der Halle 2. Beinah keine der Galerien dort möchte man missen; die ganze Strecke dort bloß ein Mal, halbwegs konzentriert, abzuschreiten, kostet viele Stunden. Das nimmt dem ersten Stock keineswegs seinen Reiz, aber sein Angebot rückt ein wenig in den Schatten dieses sehr coolen Schaulaufens der Moderne. Eine Messe für die viel berufenen Entdeckerfreuden ist die Art Basel schon längst nichtmehr (dafür geht man zur „Liste“; unser Artikel auf der vorigen Seite). Das muss man auch nicht bedauern; denn nichts ist so unbefriedigend wie eine hybride Veranstaltung, die sich nicht für ein klares Profil entscheiden kann. Was nun besonders auffällt, ist - erstens - die konzentrierte Ästhetik der einzelnen Stände (Kojen wäre da ja untertrieben). Der Basel allzeit dominierende white cube, die weißen Stellwände unter hartem Licht, sind jetzt oft farbigen Wänden gewichen, wie man sie aus dem Altmeister-Dorado Maastricht, nicht zuletzt übrigens auch aus den führenden Museen, schon länger kennt. Nur als Beispiele: Die New Yorker Dominique Lévy Gallery ordnet „Six Benjamin Moore Paintings“ von Frank Stella, kleinformatige bonbonfarbige Fingerübungen aus dem Jahr 1961, hintereinander vor zartem Grau an (verkauft). Charmante Kabinett-Stückchen kommen zu ihrem Recht: So stellt Anthony Meier aus San Francisco auf einem Biedermeiertisch unter einem Glassturz einen grade mal 12,7 Zentimeter hohen, erdfarben angestrichenen Winzling von John Chamberlain aus dem Jahr 1961 aus (425.000 Dollar), als wär’s eine Keimzelle des Großblechzerknüllers, darüber schwebt ein ebenfalls unbetiteltes handliches Aluminiumkästen-Ensemble Donald Judds von 1985 (425.000 Dollar).

          Überhaupt der Minimalismus und seinesgleichen. Unübersehbar ist - zweitens - die Wiederkunft der schon beinah im allgemeinen Gedächtnis verloren geglaubten Kunst der späten fünfziger, der sechziger Jahre. Offenbar muss jede neue Generation alles neu entdecken dürfen, das macht auch vor der Art Basel nicht halt. Aber das ist gut, sonst wäre es doch öde, in diesem rasenden Stillstand des Markts. Die Galerie von Bartha aus Basel türmt an ihrem Stand einen Imi Knoebel von 1968/2008 aus unbemalten Holzfaserplatten, das ausladende Ungetüm „raum 19 IV, ½“ (350 000 Euro), an den Wänden hängen aber auch Werke von Hans Arp und zierliche Arbeiten der Sophie Täuber-Arp (etwa 200 000 Euro). Paula Cooper aus New York hat Claes Oldenburg ein Kabinett eingerichtet mit frühen genialischen Zeichnungen (75 000 bis 200 000 Dollar) und dem witzigen Modell für eine Tuben-Skulptur (um 350 000 Dollar). Bei Tega aus Mailand sind kleine Aquarell-Stillleben von Giorgio Morandi mit kleinen Plastiken von Fausto Melotti kombiniert. Und, schön anzusehen, Piero Manzoni, Agnes Martin & Co. - allenthalben.

          Die „Schwarzen Bilder“ von Baselitz

          Von klein- bis großformatig ist Alexander Calder in unübersehbarer Dichte vertreten, und auch Joan Miró erfreut sich bester Marktgesundheit, zum Beispiel mit einer „Composition“ von 1954, sofort vermittelt bei Gmurzynska (genannter Preis 1,6 Millionen Dollar). Und ohne die amtierenden Großkünstler geht es selbstredend nicht in Basel. Gerhard Richters Spuren kann man gut folgen, beginnend etwa bei Gagosian und einem frühen Frauenporträt vor blauem Grund (seinen Preis weiß offenbar mal wieder keiner an diesem Stand), über ein „Abstraktes Bild“ von 1992 bei Dominique Lévy (wohl um 20 Millionen Dollar), bis hin zu einer seiner neuen Arbeiten, dem sechs Meter langen „924-1 Strip, 2012“ bei Marian Goodman (2,5 Millionen Euro). Die Galerie Michael Werner fährt mit „Ein Jäger“ von 1968 eines der frühen Gemälde von Georg Baselitz auf (3,5 Millionen Dollar), zwei der ganz frischen großen „Schwarzen Bilder“, die aber in allen Nuancen gefangenen dunklen Lichts spielen, hat Thaddaeus Ropac, mindestens eines davon schon gleich in den ersten Stunden vergeben (450.000 Euro), wie auch eine der neuen schwarzen Bronzen (900.000 bis 3 Millionen Euro).

          Noch etwas bleibt nicht verborgen, wenn man diese Messe schon länger kennt: Die Werke mit den wirklich atemraubenden Höchstpreisen fehlen beinah ganz. Doch, da hängt schon ein recht repräsentativer Francis Bacon bei Marlborough (lustig, auf Anfrage: not for sale), aber keines dieser Triptychen mehr; klar, es gibt eine fröhliche Großschnitzerei von Jeff Koons (bei Gagosian, gut bewacht wie der Bacon des Kollegen und genauso preislos), und es sind hochrangige Werke der Klassischen Moderne vertreten, nicht bloß Picassos (mit 23 im Katalog genannten Galerien). Aber ein Jan Krugier ist nicht mehr unter uns, der einen kapitalen (Marina-)Picasso nach dem anderen aus dem Ärmel holen konnte. Und Bruno Bischofberger ist diesmal nicht gekommen, wie es heißt, mit andren Aktivitäten beschäftigt; seine Riesen-Warhols sind dafür derzeit in der Fondation Beyeler in Riehen zu besichtigen. Prinzipiell ist gewiss etwas dran, dass solche Spitzenstücke zu den internationalen Auktionsfirmen gehen, und dort gern auch in die vom Handel äußerst ungeliebten private sales. Doch so richtig rosig ist, schaut man genauer hin, das aktuelle Angebot in diesen Häusern auch nicht.

          Das kann aber keine Kritik an die Adresse dieser Art Basel sein, die bestens aufgestellt ist. Nur eine Sache irritiert ein wenig: Es ist nicht so sensibel, als Kontrapunkt zu dem nun fertiggestellten, in jeder Hinsicht glänzenden neuen Bau auf dem Messegelände von Herzog & de Meuron den beseelten Holzbauer Tadashi Kawamata ein „Favela Café“ vor die Halle 2 zimmern zu lassen. Gut gemeint, man ahnt die Absicht, ist nicht immer gut gedacht. Zu preisen dagegen ist unbedingt der Zustand der „Art Unlimited“. So viele gute Großkunst wie diesmal sieht man selten versammelt. Das gilt für die etablierten Namen wie Norbert Kricke (bei Aurel Scheibler) oder Lygia Clark (bei Allison Jacques, London) über den schrägen Video-Loop „Speed Limit“ von François Curlet (bei Air de Paris) bis hin zu Peter Buggenhouts riesiger staubiger Memento-Mori-Installation (bei Konrad Fischer).

          Bleibt als Fazit: Die Art Basel beharrt auf ihrem globalen Führungsanspruch. Nichts wird künftig dort weniger gehen als anything goes. Diese Messe ist kein Vergnügungspark, sondern ein klar definierter Handelsplatz für die zahlungskräftige, aber auch die lernbereite Kundschaft. Partymachen ist schön; Kunst an die besten Adressen zu verkaufen, ist noch schöner. Warum sonst der ganze Aufwand? Das Geschäft ist hart genug, und es wird nicht leichter. Die Botschaft ist angekommen.

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