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Antiquariatshandel : Gemeinsam gegen die Unsicherheit: Was den Verband Deutscher Antiquare heute umtreibt

  • -Aktualisiert am

Die Zeiten für den Antiquariatshandel sind nicht einfach. Umso wichtiger ist der Verband deutscher Antiquare e. V., der den Zusammenhalt der Zunft stärkt und sich für die bestmöglichen Bedingungen einsetzt.

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          „Mit seinen dreißig Jahren wirkte er schon alt . . . Er war schweigsam und in sich gekehrt, verdüstert und trübsinnig. Einen einzelnen Gedanken hatte er, eine einzige Liebe, eine einzige Leidenschaft: die Bücher!“

          Der Buchhändler Giacomo in Flauberts „Bücherwahn“ ist zwar ein besonders unliebsamer Vertreter seiner Zunft, doch entspricht Flauberts Beschreibung eines eigenbrötlerischen Kauzes zugleich jenem Klischee, das dem Berufsstand des Antiquars nach wie vor anhaftet. Das weiß auch Ulrich Hobbeling, Vorstandsvorsitzender des Verbands Deutscher Antiquare e. V., der im Vorwort des aktuellen Verbandshandbuchs eine Vielzahl von Figuren aus Literatur und Film zu nennen weiß, bei denen die bibliophile Leidenschaft mit einer „gewissen rückwärtsgewandten Andersartigkeit“ einhergeht. Doch sich in gemütlicher Gelehrsamkeit zurückzuziehen, kann sich kein Händler leisten. Schließlich ist der Antiquariatshandel ein „knallhartes Business“, wie Hobbeling im Gespräch mit dieser Zeitung zu bedenken gibt.

          Für bestmögliche Bedingungen

          Dies gilt um so mehr, als die Zeiten für den Antiquariatshandel entsprechend der allgemeinen wirtschaftlichen Situation nicht rosig sind. Um so wichtiger ist da eine Einrichtung wie der Verband Deutscher Antiquare e. V., der den Zusammenhalt des Berufsstands stärkt und sich bemüht, bestmögliche Bedingungen zu schaffen. Aus dieser Idee heraus wurde auch 1918 in Deutschland ein erster „Verein der deutschen Antiquariats- und Exportbuchhändler“ gegründet, der die Interessen der von der Inflation gebeutelten Antiquare vertreten sollte.

          Schwer waren die Zeiten auch nach dem Zweiten Weltkrieg, und weil der alte Verein nicht mehr bestand, wurde 1949 in München die „Vereinigung Deutscher Buchantiquare und Graphikhändler e. V.“ gegründet, die mit Helmuth Domizlaff, Ernst L. Hauswedell, Willi Heinrich, Georg Karl und Bernhard Wendt im Vorstand der Zunft den Rücken stärken sollte. Zwei Jahre später erfolgte dann bereits die Aufnahme der Vereinigung in die International League of Antiquarian Booksellers (ILAB).

          Zwei Schaufenster

          Im Jahr 1960 löste sich aus der bestehenden Vereinigung, die rund 120 Mitglieder umfaßte, vorübergehend der neunzig Mitglieder starke „Verband Deutscher Antiquare, Autographen- und Graphikhändler e. V.“ heraus. Aus dem erneuten Zusammenschluß beider Vereine entstand dann 1968 der heutige „Verband Deutscher Antiquare e. V.“.

          Allerdings waren aus dem Schisma der sechziger Jahre die beiden traditionellen Schaufenster des Verbands hervorgegangen, von denen das eine bis heute fortbesteht: Die Vereinigung gab 1962 auf Initiation von Lotte Roth-Wölfle einen Gemeinschaftskatalog ihrer Mitglieder heraus, der bis 1999 achtunddreißig Ausgaben erreichte, während der Verband 1962 unter seinem ersten Präsidenten Günther Mecklenburg die erste Stuttgarter Antiquariatsmesse organisierte, deren 45. Ausgabe am nächsten Wochenende stattfindet.

          „Berieben und Bestoßen“

          Gerade heute ist aufgrund der Anonymisierung und Unübersichtlichkeit, die das Internet dem Antiquariatshandel beschert hat, ein Zusammenschluß renommierter Antiquare um so nützlicher. Zwar sei das Internet ein geniales Kommunikationsmittel und Rechercheinstrument, meint Hobbeling, doch unter der Bedingung, daß man sich im Antiquariatshandel auskennt. Im Internet tritt der Händler oftmals in den Hintergrund, doch man sollte wissen, mit wem man es zu tun hat, um das Angebot des jeweiligen Händlers einschätzen zu können.

          Aber auch dann würde Hobbeling im oberen Preissegment nichts kaufen, was er zuvor nicht in den Händen hatte, schon weil die gängigen Termini der Beschreibung einer relativen Auslegbarkeit unterliegen. Unter „berieben und bestoßen“ versteht nicht jeder unbedingt ein und dasselbe.

          Ein Gütezeichen

          Indessen ist bereits die Mitgliedschaft im Verband Deutscher Antiquare e. V. ein Gütezeichen, denn um aufgenommen zu werden, muß ein Händler gewisse Voraussetzungen erfüllen: Zwingend notwendig ist zum einen, daß der Bewerber den Beruf des Antiquars hauptberuflich ausübt. Außerdem muß er eine mindestens fünfjährige Tätigkeit als leitender Mitarbeiter im Antiquariat oder die entsprechende Selbständigkeit nachweisen.

          Nach einer formlosen Bewerbung müssen dann drei Empfehlungsschreiben bereits dem Verband angehörender Kollegen eingehen, die in den internen Rundschreiben veröffentlicht werden. Und nur wenn keine sachlichen Einwände aus der gesamten Mitgliedschaft eingehen, nimmt der Vorstand den Bewerber auf.

          Mit Leidenschaft und Idealismus

          Die Seriosität des modernen Antiquariatshandels unterstützt der Verband auch dadurch, daß die Vereinsantiquare dem „Code of Ethics“ der ILAB verpflichtet sind. Die ILAB vertritt zwanzig nationale Verbände in dreißig Ländern, insgesamt sind das zweitausend Antiquare, zu denen auch die 268 Mitglieder des deutschen Vereins gehören. Sie alle sind berechtigt zur Teilnahme an den Messen, die die verschiedenen Verbände veranstalten. Das bedeutet einen regen Austausch und ist damit gut fürs Geschäft. Zugleich sorgt aber die überschaubare Mitgliederzahl dafür, daß nahezu jeder jeden persönlich kennt, und gewährleistet damit wieder einen sicheren und fairen Handel.

          Bücher sind zweifellos Kunstwerke, und „Kunstkaufen ist Vertrauenssache“, sagt Hobbeling, der sein Amt als Verbandsvorsitzender nach fünf Jahren nun auf der Vollversammlung des Verbands auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse niederlegen wird. Dann wird auch ein Nachfolger gewählt werden. Hobbeling wird sich aber weiter im Vorstand engagieren, mit ebensoviel Leidenschaft und Idealismus wie zuvor.

          „Es gibt nichts Wertvolleres als Bücher“, findet er und meint damit nicht ihren materiellen Wert. Neben ihrer ästhetischen Qualität enthalten sie „das aufgeschriebene Wissen der Menschheit“, und es ist nicht zuletzt die Aufgabe der Antiquare, diese wundervollen Wissensträger der Welt zugänglich zu machen.

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