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André Gelpke in Berlin : Innere Bilder, offene Fragen

Als Bildreporter sah er seine Fotografien missverstanden. Die Aufnahmen, die André Gelpke dann machte, entziehen sich jeglicher Zuordnung. Zu sehen sind sie in der Galerie Kicken in Berlin.

          Plötzlich war André Gelpke da. Mit Broschüren, mit Postkarten, auf den Titelseiten der Fotokunstmagazine - und mit einem Buch, dem Bildband „Fluchtgedanken“, der so verwirrend schön war, so traumhaft fremd, dass er Gelpke augenblicklich nach ganz oben auf dem damals freilich kleinen, überschaubaren Markt für Fotografie katapultierte. Das ist jetzt ein halbes Menschenleben her.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Für André Gelpke war es die Flucht nach vorne gewesen. Ursprünglich Bildreporter bei Visum, einer Agentur, die er mitbegründet hatte, sah er seine Bilder missverstanden, in falschen Zusammenhängen veröffentlicht und durch Bildunterschriften in Zeitungen und Zeitschriften bisweilen sogar in die gegenteilige Aussage verkehrt. Seine Konsequenz: Er würde künftig nur noch Fotografien aufnehmen, die sich jeglicher Zuordnung verweigerten. Mit der Schnelligkeit des Journalisten, aber dem Blick eines Erzählers surrealistischer Geschichten, entlockte er dem Alltag fortan Momente von der Vieldeutigkeit eines Traums. Wie Geister erscheinen die Menschen: zu Hause, in der Bahn und immer wieder am Meer - meist in der Rückenansicht, ansonsten die Augen geschlossen oder versteckt. Nur ein einziges Mal lacht ein Gesicht. Dass es sich um eine Werbetafel handelt, erkennt man erst auf den zweiten Blick. André Gelpke war Künstler geworden.

          Als Rudolf Kicken 1974 seine erste Galerie eröffnete, noch im Wohnhaus seiner Eltern in Aachen, stellte er André Gelpke aus. Die Bilder kosteten ein paar hundert Mark, aber die Einnahmen waren bald so hoch, dass Gelpke von den achtziger Jahren an als der vermutlich einzige deutsche Fotokünstler allein vom Verkauf seiner Abzüge leben konnte. So wurde er zu einer Art Symbolfigur des jungen Fotomarkts. Trotzdem nahm er zunächst eine Dozentenstelle in Dortmund und 1990 eine Professur in Zürich an. Die eigene Arbeit trat in den Hintergrund. Erst im vorigen Jahr meldete er sich mit einem Bildband zurück: „Amok“ - wieder mit Aufnahmen, die er als „innere Bilder“ bezeichnet. Aber diesmal in Farbe. Sie sind nicht minder verstörend und nicht minder betörend als die frühen Schwarzweißbilder.

          Im Nachklapp des Galeriejubiläums und als Start einer Rückschau auf die siebziger Jahre präsentiert Annette Kicken, die seit dem Tod ihres Mannes die längst nach Berlin umgezogene Galerie führt, nun eine Gesamtübersicht des Werks von Gelpke. Es ist nach wie vor von erschütternder Schönheit. Die alten Prints wirken wie frisch aus der Schublade geholt (Portfolio von 1981 mit zwölf Abzügen 18.000 Euro, Einzelabzüge von 4400 Euro an): Die neuen bestechen durch kräftige, fast aufdringliche Farben, die bei kaum noch verständlichen Ausschnitten der Wirklichkeit mitunter zu einer Art Hyperrealität führen, in der die Nähe zu Passanten, Straßenecken, selbst banalen Gegenständen stets verwirrend ist, bisweilen sogar bedrohlich. Mit den Bildern, sagt Gelpke, versuche er das Leben zu sortieren - aber sie wirken wie unbeantwortete Fragen an die Welt.

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