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Ausstellung : An Englishman in New York

  • -Aktualisiert am

Postkartenmotive mit impressionistischen Abstraktionen: Bill Jacklin ist in London geboren, lebt aber in Amerika. Nun gibt es zwei Ausstellungen in seiner Heimatstadt.

          3 Min.

          Grand Central Terminal, Menschenmengen auf dem Times Square, Coney Island, der Hudson River vor der Skyline von Manhattan: Die Liste der klassischen New-York-Motive, die Bill Jacklin schon seit Jahrzehnten immer wieder malt, lässt an Straßenmaler denken, die es mit ihrem Kitsch auf Touristen abgesehen haben. Doch der erste Eindruck trügt. In Jacklins Bildern geht es um Energie, Bewegung, Licht und das Vergehen der Zeit. Der britische Kunsthistoriker und Kritiker Edward Lucie-Smith schrieb 1980 im Magazin „Art International“ über die erste Ausstellung von Bill Jacklin bei der Marlborough Gallery in London, dass es mutig sei, sich von der Abstraktion wieder der figurativen Malerei zuzuwenden. Heute ist figurativ zu malen nicht mehr so unmodern, wie es das Ende der siebziger Jahre war, im Gegenteil. Doch als ernsthafter Künstler die millionenfach reproduzierten Straßen, Plätze und Wolkenkratzer von New York zu malen, dazu gehört doch immer noch ein gewisser Mut.

          Bill Jacklin wurde 1943 in London geboren und studierte dort in den sechziger Jahren bei Peter Blake am Royal College of Art; seine Philosophiedozentin war Iris Murdoch. Bis Mitte der Siebziger malte und zeichnete er abstrakt, geometrisch. Optische Systeme, viel Schwarz und Weiß. Im Jahr 1973 wurde er vom Britisch Council für die Ausstellung „English Painting Today“ im Musée d’Art Moderne de la VilIe de Paris ausgewählt, wo seine Bilder neben Bridget Riley, Richard Hamilton und David Hockney hingen. Doch die Energie New Yorks zog ihn an, und nach seiner ersten Einzelausstellung in der New Yorker Dependance der Marlborough Gallery 1985 blieb er einfach dort. Obwohl er mittlerweile die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, sagt Jacklin, fühle er sich immer noch als „Englishman in New York“. Das ist passend für einen Maler, dem der Rockmusiker – und Jacklin-Sammler – Sting gerade die Einleitung zur neuen Monographie „Bill Jacklin’s New York“ geschrieben hat.

          Seine Bildsprache bewegt sich zwischen Erfindung und Beobachtung

          Für Jacklin wird 2016 ein wichtiges Jahr. Marlborough Fine Art richtet ihm zwar schon seit 1980 treu alle ein bis zwei Jahre eine Verkaufsschau in London oder New York aus, doch es gab bisher kaum Einzelausstellungen in nichtkommerziellen Institutionen; die letzte fand 1995 im Hong Kong Arts Center statt. In diesem Sommer aber wird er, mittlerweile 73 Jahre alt, von seiner Heimatstadt in der Royal Academy of Arts, der er seit 1991 angehört, geehrt. Die Retrospektive wird sich ganz auf seine graphischen Arbeiten konzentrieren, Kupferstiche, Zeichnungen und vor allem Monotypien, wo seine Kunst vielleicht ihren besten Ausdruck findet. Um die Ecke der Royal Academy, in der Albemarle Street, kann man schon jetzt bei Marlborough zum Jacklin-Sammler werden; dort werden neue Ölgemälde (38000 bis 65000 Pfund) und Monotypien (von 4500 Pfund an) gezeigt. Da drehen, im Londoner Frühling, Jacklins schattenhaft abstrahierte New Yorker Schlittschuhläufer ihre Pirouetten, auf „Skating Encounters“. Auf „Sun, Rain and Snow over Fifth AvenueII“ verschmelzen Fußgänger unter bunten Regenschirmen mit einem Zebrastreifen. Immer öfter in jüngerer Zeit richtet der Künstler seinen Blick nach oben, zum Himmel über New York, wie auf dem wunderbaren Diptychon „Double Clouds over the CityII“.

          Seine Bildsprache bewegt sich zwischen Erfindung und Beobachtung. Die Leinwand erscheint wie eine Momentaufnahme, doch sie ist das Resultat vieler Stunden intensiver Arbeit. Oft macht Jacklin bis zu zwanzig Skizzen, kehrt immer wieder an denselben Ort zurück. „Zeichnen ist schon eine Form der Zusammenfassung, eine Übersetzung dessen, was ich sehe, in eine Bildsprache“, sagt er im Gespräch. Doch für das fertige Bild braucht er ein Jahr oder länger. In den Achtzigern und Neunzigern malte Jacklin noch ein ganz anderes New York: Er malte die Tompkins Square Park Riots von 1988; die Arbeiter im Meat Packing District, als der noch ein Fleischmarkt und keine schicke Galeriegegend war; die Obdachlosen im Grand Central Terminal in beinah hyperrealistischen Details. Seine Bilder erzählten Geschichten. Heute ist New York anders, sauberer, wohlhabender – „zu chichi“, sagt Jacklin. Und seine Figuren sind nicht mehr die Typen der früheren Jahre, sondern abstrahierte Geister und Schatten. Seine Bilder sind impressionistischer geworden, und wie den Impressionisten geht es Jacklin eigentlich um „emotionale Zustände, meine Beziehung zu der Stadt“.

          „Wie bei einem Sandwich“

          In seinem Frühwerk beschäftigte er sich, wie viele seiner Zeitgenossen, mit dem Konzept des Rasters, des geometrischen Systems. Nun finden seine Bilder immer mehr zu den abstrakten Anfängen zurück, Straßenszenen, Menschenmengen verschwimmen. „Ich könnte alle figurativen Elemente aus dem Bild herausnehmen, und am Ende hätte es trotzdem eine Struktur“, sagt Jacklin, „es ist wie mit einem Sandwich, je nachdem, auf welche Scheibe man sich konzentriert, sieht man etwas anderes.“ Obwohl er die Farbe in vielen Lagen aufträgt, sind seine Leinwände auffällig glatt: „Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, das ist meine ,Black& Decker‘. Erst trage ich die Ölfarbe auf, dann poliere ich sie mit der Schleifmaschine wieder ab.“ So kommen manchmal untere Farbschichten wieder durch.

          Sein Spätwerk ist ruhig, mit viel Weiß übertupft. Es trifft den heutigen Geschmack. Es ist das Licht, das jedes Bild definiert und über Gebäude und Figuren hereinbricht, sich auf Wasser bricht. „Eigentlich geht es in meiner Kunst immer um den Kampf zwischen Hell und Dunkel“, sagt Jacklin; Menschen und Natur im Wechsel der Jahreszeiten geben ihm unerschöpfliches Material. „In jedem meiner Bilder ist die Unmittelbarkeit des Moments, auch wenn ich mich beim Malen durch mehrere Gedächtnisschichten arbeiten muss.“

          „Bill Jacklin: Paintings and Monotypes“, Marlborough Fine Art, bis zum 4. Juni.

          „Bill Jacklin RA: The Graphic Work 1961–2016“, Royal Academy of Arts, bis zum 28. August.

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