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Alte und neue Kunst : Geliebte Tiere

  • -Aktualisiert am

Pferde, die springen oder sich wälzen, bronzene Schildkröten und ein buckelnder Kater: Bei Neumeister in München fanden Werke mit Tiermotive besonders gerne einen neuen Besitzer.

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          Die schöne Frau vom Tettenborn wird nicht zu ihrem Mann zurückkehren, der seit bald 150 Jahren in der Hamburger Kunsthalle ohne sie ausharrt. Die Porträtierte selbst schenkte dem Museum das von Joseph Stieler gemalte Bildnis Tettenborns, der die Hansestadt von der napoleonischen Herrschaft befreite und ihr Ehrenbürger wurde. Als jetzt bei Neumeister in München das 1815 gleichfalls von Stieler gemalte, hochklassige Konterfei der Freifrau mit rotem Turban zum Aufruf kam, bot auch ein Beauftragter der Kunsthalle. Bis zur Verdoppelung der Obertaxe hielt er mit, musste dann aber bei 115.000 Euro (Taxe 50.000/55.000) einem telefonisch zugeschalteten Kunsthändler das Feld überlassen.

          Die Versteigerung mit Alter Kunst und Altem Kunsthandwerk meldet Neumeister als seine erfolgreichste des zu Ende gehenden Jahres. Unter gut 1200 Losen schnitten wieder Bilder des 19. Jahrhunderts gut ab - besonders solche mit einem Bezug zu Bayern. So ging Carl Spitzwegs unterm Sonnenschirm faulenzender „Maler auf einer Waldlichtung“ für erwartete 150.000 Euro an einen Telefonbieter, und die „Gebirgsschlucht mit Bauernhaus am Bach“ vom selben Münchner Idyllenmaler stieg von 12.000 auf 18.000 Euro. Lorenzo Quaglios liebevoll mit heimatkundlich wertvollen Details geschilderte Gebirgsbauern vor einem Wirtshaus bei Fischbachau sicherte sich ein Saalbieter für 30.000 Euro (18.000/20.000).

          Das ungewöhnliche Motiv eines Totengräbers im Gespräch mit jungen Mädchen tat Historienmaler Karl von Piloty keinen Abbruch, es schaffte seine 13.000 Euro. Sein griechischer Schüler Nikolaus Gysis aber kam mit seinem großformatigen „Golgatha“ nicht über einen Vorbehalt hinaus. Die an einer Kralle baumelnde „Erlegte Misteldrossel“ hingegen, vom amerikanischen Stillleben- und-Trompe-l’oeil-Spezialist William Harnett 1883 während seiner Münchner Studienjahre gemalt, landete mit 20.000 Euro ordentlich über der Taxe. Den Spitzenpreis des Tages brachte jedoch mit Abel Grimmers bis in die Wolken ragendem „Turmbau zu Babel“ ein flämisches Altmeistergemälde, als ein Privatgebot mit 220.000 Euro die Schätzung bestätigte.

          Für Überraschung sorgte ein ebenfalls aus Flandern stammendes bildhaftes Tapisseriefragment: Das im Katalog grob auf „15./16. Jh.“ datierte, zwei Meter lange Textil zeigt einen prächtigen Prinzen mit Pferd und Gefolge, war auf 1500 bis 1700 Euro taxiert, riss aber auf 12.000 Euro aus. Dicke Brillanten vor allem ließen beim Schmuck gute fünfstellige Beträge in der Kasse klingeln; ein Paar vergoldete Nürnberger Häufebecher mit Barockblumendekor zog auf 7000 Euro (6000) und Keramikschalen aus Iznik mit der charakteristischen Blumenbemalung erzielten bis 2500 Euro. Auch zwei besondere Schreine fanden ihre Adoranten: Der eine bewahrt ein Figürchen der heiligen Katharina mit allerhand zierlichen Verzierungen von der Hand süddeutscher Klosterfrauen; er verdoppelte sich auf 4700 Euro. Der andere enthält den mit Echthaar versehenen Wachskopf von Bayernkönig Ludwig II., modelliert wohl nach einem Foto des Ertrunkenen - und verkauft für 2800 Euro (1200).

          Feuerlilien von Christian Rohlfs

          Neumeisters Moderne-Auktionen feierten in diesem Herbst fünfundzwanzigjähriges Jubiläum. Mit Top-Zuschlägen allerdings geizen die Ergebnislisten; „Shape“, die Skulpturen-Sonderauktion, tat sich im oberen Preissegment schwer - vermutlich ein Resultat hoher Schätzungen. Günther Ueckers 2005 genageltes „Feld“ traf mit 33.000 Euro die Taxmarge, desgleichen Karl Prantls massiger Kubus aus rotem russischem Granit mit 11.000 Euro: Beide Stücke erwarben Telefonbieter gegen Aufträge und den gut besetzten, aber wenig bietaktiven Saal.

          Tierliebe brachte mehr Bewegung: Der prächtig „Buckelnde Kater“, modelliert 1901 von August Gaul, kletterte, als späterer Guss, von 7000 auf 13.000 Euro. Ein kurioser, gänzlich naturfremder Turm aufgestapelter Bronzeschildkröten von Roberto Domina fand für angepeilte 10.000 Euro eine neue Bleibe, und Fritz Koenigs „Rosssprung“, auch dies ein leicht seltsames Motiv für eine Plastik, korrigierte die Taxe auf 10.000 Euro (12.000/15.000). Hans Wimmers „Sich wälzendes Pferd“ bekam ein Saalbieter günstig für 25.000 Euro (36.000/40.000).

          Die Nummer Eins der Hauptauktion lieferte Kandinskys feuerfarbener „Park im Herbst“, um 1903 in impressionistischer Manier mit pastoser Farbmasse auf Pappe gemalt. Zum Schätzpreis von 160.000 Euro wandert das Werk in eine süddeutsche Privatsammlung. Zwei Regenbögen schlug Pechstein 1925 über Häuser und Schloss Chillon am Genfer See auf seinem - telefonisch auf 65.000 Euro (45.000/50.000) angehobenen - farbfrischen Aquarell. Dieselbe Technik und dazu noch Kreiden benutzte Christian Rohlfs für seine beliebten Blumenstillleben; diesmal wurden Feuerlilien für 28.000 Euro (20.000/25.000) überreicht. Auf laues Interesse stieß die Afrikana-Offerte. Zu guter Letzt schaffte dort eine Männerfigur der Nyamwezi (Tansania) 20.000 Euro.

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