https://www.faz.net/-gqz-6zsv1

Alte Kunst : Eine Allegorie des guten Geschmacks

  • -Aktualisiert am

Bei den Frühjahrsauktionen im Wiener Dorotheum übertreffen die Alten Meister ihre Erwartungen. Aber auch die Gegenwartskunst verzeichnet Rekorde.

          3 Min.

          Wie eine Trophäe hält er uns das blutende Haupt des Riesen hin: Im Gemälde „Der Triumph Davids“ des Caravaggio-Nachfolgers Lorenzo Lippi präsentiert sich der bis auf einen Lendenschurz nackte Sieger als muskulöser Adonis und wird von einer ornamentreich gekleideten Tamburinspielerin gefeiert. Der lebhafte Naturalismus des bislang unbekannten Hochformats fand bei der Altmeisterauktion des Wiener Dorotheums enormen Zuspruch. Bei einer moderaten Schätzung auf nur 120.000 bis 150.000 Euro stellte der Zuschlag von 750.000 Euro an einen Telefonbieter die Sensation des Abends dar.

          Um ein unveröffentlichtes Werk handelte es sich auch bei dem hinreißenden „Bildnis einer Dame“ des Florentiners Giuliano Bugiardini, das seinen Raffael-Einfluss nicht verleugnen kann. Das um 1510 geschaffene Ölbild kletterte auf stattliche 280000 Euro (Taxe 150.000/ 200.000).

          Eine noch beachtlichere Steigerung legte das Titellos von Martino Rota hin, für dessen versiertes Porträt von Kaiser Rudolf II. anstatt der geschätzten 50.000 bis 70.000 sogar 220000 Euro bewilligt wurden - ein Rekord für den in Dalmatien geborenen Künstler. Anklang fand auch Sofonisba Anguissolas Bildnis von Giuliano Cesarini als Jüngling in Rüstung, das zur unteren Taxe von 150.000 Euro wegging, und Angelika Kauffmanns Porträt der Fürstin Franziska von Kaunitz-Rietberg von 1805, das mit 110.000 Euro seine Taxe von 50.000 bis 70.000 weit überholte.

          Die höchsten Erwartungen hatte das Dorotheum in die „Dörfliche Szene am Ziehbrunnen“ von Josse de Momper und Jan Bruegheld.J. gesetzt; der Zuschlag erfolgte mit 340.000 Euro knapp unterhalb der Taxe von 350.000. Mehr Interesse löste desselben Brueghels „Allegorie des Geschmacks“ auf Kupferplatte aus, die nicht unter 220000 Euro (80.000/ 120.000) zu haben war. Laut Experten von Rubens’ eigener Hand stammte die Holztafel „Auffindung des kleinen Erichthonios durch die Töchter des Kekrops“, die mit 150000 Euro (80000/ 120000) honoriert wurde. Bei den Stillleben reüssierte Juan de Espinosas Nature Morte mit Wildgeflügel bei 170.000 Euro (150.000/170.000).

          Die beiden restituierten Genreszenen „Großmutter mit drei Enkeln“ und „Sonntagsruhe“ von Waldmüller stellten bei der Offerte zum 19.Jahrhundert die Highlights dar, die aber keine Abnehmer fanden. Dafür punktete das Titellos, Friedrich von Amerlings Profilporträt eines Mädchens mit schwarzer Mantille: Das so stimmungsvolle wie marktfrische Bildnis reist für 130.000 Euro (80.000/ 120.000) in die Vereinigten Staaten.

          Unter den Porträts hatte auch Emile Muniers süßes „Mädchen mit Zwetschgenkorb“ Erfolg, für das der Hammer bei guten 70.000 Euro (40.000/60.000) fiel. Zu den Spitzen im Angebot zählte Friedrich Gauermanns dramatische Szene „Adler und verendender Hirsch am Seeufer“, die ihre oberen Erwartungen mit 120.000 Euro einlöste. Die Überraschung des Abends stellte eine kleine Landschaft des Russen Archip Kuindzhi dar, eine Mischtechnik auf Papier und Karton, die von 18.000 auf 110.000 Euro sauste.

          Die Konkurrenz Im Kinsky bot Mitte April einen Spartenquerschnitt, der unter dem Titel „Meisterwerke“ nur das Feinste versammeln wollte. Die Selektion wurde zu 55 Prozent angenommen und überzeugte die Käufer besonders hinsichtlich ihrer Highlights: So wurde gleich zu Auktionsbeginn Rudolf von Alts aquarellierte Ansicht von „Salzburg mit der Salzach“ zu ihrer oberen Taxe von 180000 Euro vergeben. Der Sammler Rudolf Leopold kaufte einst Olga Wisinger-Florians Gemälde „Frühling im Wienerwald“, das mit 100.000 Euro seinen mittleren Schätzwert einspielte, und auch ihre „Landschaft bei Grafenegg“ wechselte für gute 100.000 Euro den Besitzer.

          Das Hauptlos der Veranstaltung von Egon Schiele zog viele Interessenten an: Das mit Kohle gezeichnete „Sitzendes Mädchen mit zurückgeworfenem Kopf“ aus dem Spätwerk erreichte seine obere Taxe von 300.000 Euro. Gustav Klimts beschwingte Studie „Tänzerin“ für das Brüsseler Stocklet-Fries verdoppelte die Erwartungen mit dem Zuschlag bei 110.000 Euro (30.000/ 60.000).

          Der belgische Einfluss auf die Kunst des Wiener Fin de Siècle wurde mit George Minnes Marmorskulptur „Fraternité“ gewürdigt; das rare Denkmalmodell ging für 170000 Euro weg, also knapp unterhalb der Taxe. Alfons Walde bestätigte abermals sein hohes Preisniveau, als sein aus Amerika eingebrachter „Einsamer Berghof“ auf 340000 Euro (150.000/250.000) stieg.

          Bei den Zeitgenossen konnten Arnulf-Rainer-Sammler frohlocken: Dessen „Große Vertikalgestaltung“ von 1952 setzte mit dem Hammerpreis von 230.000 Euro eine neue Bestmarke für den Künstler. Von dem im Umfeld der Wiener Aktionisten bekannt gewordenen Künstler Alfons Schilling spielte ein Rotationsbild erstmals 120000 Euro ein, und auch die 100000 Euro, die für ein Großformat Herbert Brandls bewilligt wurden, bedeuten den Rekordpreis im Auktionsgeschäft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wollen keine Spaltung: Biden und Harris am 1. Dezember in Wilmington

          Joe Biden gegen Spaltung : Die Botschaft lautet Zuversicht

          Biden glaubt, dass Kompromisse zwischen Demokraten und Republikanern möglich sind – trotz aller Polarisierung. Ein Einlenken beim Abzug der Soldaten aus Deutschland scheint ein erstes Zeichen dafür zu sein.
          Pfizer stellt den Impfstoff in Belgien und den Vereinigten Staaten her.

          Impfstoffherstellung : Qualitätsproblem bremst Biontech

          Pfizer und Biontech müssen ihrem hohen Tempo Tribut zollen und können nur halb so viele Impfstoffdosen liefern wie ursprünglich geplant. Wer macht das Rennen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.