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Alte Kunst bei Koller : Wellensittich vor den Sittenrichtern

  • -Aktualisiert am

Vorschau auf die Herbstauktion mit alter Kunst und Kunst des 19. Jahrhunderts bei Koller in Zürich.

          2 Min.

          Eindringlich schaut die junge Frau in die linke Bildhälfte, mit entblößter Brust, die linke Hand auf einem Totenschädel. Ihr Blick geht nach oben. Man muss genau hinsehen, um die Ursache dafür zu erkennen: Das kleine Kruzifix am Bildrand wird von efeuumrankten Holzbalken im Vordergrund fast verdeckt. Der Utrechter Caravaggist Gerrit van Honthorst malte die „Büßende Maria Magdalena“ um 1625 in dieser dramatischen Weise. Das 74 mal 58 Zentimeter große Gemälde mit starken Kontrasten befand sich jahrzehntelang in Schweizer Privatbesitz; jetzt ist es auf 150.000 bis 250.000 Franken geschätzt.

          Das Bild ist eines der Highlights in der Herbstauktion von Koller mit 106 Losen zur Alten Kunst und zum 19. Jahrhundert, die am 25. September in Zürich stattfindet. Das Spitzenlos sind Hubert Roberts 163 mal 106 Zentimeter messende „Wäscherinnen am Fluss mit einer Tempelruine im Hintergrund“, die auch durch ihre Provenienz glänzen: Ursprünglich für das Hôtel Rouillé de l’Étang in Paris angefertigt, befand sich das Gemälde anschließend in der Sammlung der Marquise du Plessis-Bellière und später im Kimbell Art Museum in Forth Worth, Texas. Nun soll es 180.000 bis 250.000 Franken erzielen. Die leidenschaftliche Darstellung des tragischen Moments, wenn Venus ihren sterbenden Geliebten Adonis in den Armen hält, stammt von Jacob Jordaens und wurde erst kürzlich in einer Privatsammlung wiederentdeckt. Die Herkunft des großformatigen, um 1615 entstandenen Ölbilds lässt sich bis zu einer Amsterdamer Auktion im Jahr 1696 zurückverfolgen (Taxe 140.000/200.000 Franken).

          Auch drei meisterhafte Stillleben werden zum Aufruf kommen: eines mit Blumen vom Vater-Sohn-Gespann Cornelis de Heem und David Cornelisz de Heem (120.000/150.000), eines mit Köstlichkeiten vom Haarlemer Künstlerduo Pieter Claesz und Roelof Koets (80.000/120.000) und ein marktfrisches mit Früchten aus dem Frühwerk von Anne Vallayer-Coster (30.000/50.000). Die ebenfalls marktfrische und wunderschöne, das Christuskind stillende Madonna auf Goldgrund vom Florentiner Maler Giovanni del Biondo ist auf 90.000 bis 140.000 Franken taxiert. Für eine „Heilige Christina von Bolsena“, vermutlich von Marco di Martino de Roxatis um 1375 geschaffen, werden 80.000 bis 120.000 Franken erwartet.

          Unter den Angeboten des 19. Jahrhunderts überzeugt besonders Jean-Baptiste Corots Landschaft „Les canards“ von 1874/75, die sich zuvor seit mehreren Generation in Schweizer Familienbesitz befand (60.000/90.000). Giovanni Piancastelli hielt auf zwei Gegenstücken die Emigration aus der Umgebung von Rom fest: Die jeweils 59 mal 99 Zentimeter mesenden Holztafeln zeigte der italienische Maler vermutlich auf den Internationalen Ausstellungen 1883 in Rom und München (80.000/120.000). In der galanten Szene „Les jeunes epoux“ von Louis-Léopold Boilly sind die erotischen Andeutungen nicht zu übersehen: Ein junges Ehepaar sitzt mit Hund und Wellensittich auf dem Sofa, wobei der Vogel ins weit ausgeschnittene Dekolleté der Dame blickt. Der französische Maler war bekannt für seine intimen Darstellungen des Pariser Lebens und wurde wegen der Brisanz seiner Bilder 1794 vom französischen Komitee für öffentliche Sicherheit verurteilt (40.000/60.000).

          Ein Höhepunkt unter den 96 angebotenen Zeichnungen, die Koller ebenfalls am 25. September versteigert, ist Karl Blechens „Wassermühle in waldiger Gegend“. Das 27 mal 37 Zentimeter große Aquarell gehörte seit 1928 in eine Schweizer Privatsammlung; nun ist es mit einer Schätzung von 12.000 bis 18.000 Franken versehen. Unter den 36 offerierten Graphiken überzeugt Rembrandts Radierung einer „Nackten Frau im Freien mit den Füßen in einem Bach“ von 1658 (5000/7000). Zusammen sollen die Auktionen 2,6 Millionen Franken einspielen.

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