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Wiener Ergebnisse : Alte Frömmigkeit verkauft sich gut

  • -Aktualisiert am

Und bei den Zeitgenossen zieht die italienische Moderne. Die Wiener Auktionshäuser freuen sich über ihre Bilanzen des ersten Halbjahrs: Hier stehen die Spitzen im Dorotheum und im Kinsky.

          Sehr international fällt die Liste der Topzuschläge aus, die das erste Halbjahr den Wiener Auktionshäusern beschert hat. Das Ranking kann sich sehen lassen, wird es doch von einer Millionen-Summe gekrönt. Ein bestens erhaltenes und marktfrisches Altarbild aus der Werkstatt von Hans Memling machte im Dorotheum das Rennen um das bisherige Höchstgebot in Österreich 2016. Das überaus fein gemalte Tafelbild „Die Geburt Christi“ gelangte aus Adelsbesitz zur Auktion und wurde auf 1,2 bis 1,8 Millionen Euro festgelegt; der glückliche Bieter konnte es bereits beim Zuschlag von 1,1 Millionen Euro heimtragen. Insgesamt lief es bei den Alten Meistern im April rund, das Dorotheum schrieb den zweithöchsten Umsatz in der Unternehmensgeschichte. Es prangen noch drei weitere Ergebnisse unter den Spitzen der Saison. Zwar ging die mit 700 000 bis 900 000 Euro hochtaxierte Winterlandschaft „Die Vogelfalle“ von Jan Brueghel d. J. erst im Nachverkauf weg, aber dafür rissen sich die Bieter um ein Paris-Urteil aus der Rubens-Werkstatt. Das aus Belgien eingelieferte Gemälde wurde noch nie publiziert: Röntgenbilder legen eine Erstfassung der später veränderten Version in der britischen National Gallery nahe. So kletterte das 148 mal 188 Zentimeter große Bild auf stattliche 650 000 Euro (Taxe 400 000/650 000).

          Auch das auf Kupfer gemalte, 49 mal 36 Zentimeter große Ölbild „Der kreuztragende Christus“ des jungen Guido Reni enttäuschte nicht und löste seine untere Taxe von 400 000 Euro ein. Eine Überraschung bot indes eine „Heilige Familie mit der heiligen Anna“ von Huybrecht Bueckeleer, ein hinreißend lebendiges und erst jüngst in einer süddeutschen Sammlung wiederentdecktes Gemälde. Das mit 1563 datierte Bild war nicht unter 320 000 Euro zu haben und belegt damit Platz sieben unter den Top Ten Österreichs. Den weitesten Ausreißer nach oben und gleichzeitig einen neuen Künstlerrekord lieferte ein Stillleben von François Habert, um 1650, das für 200 000 Euro anstatt der anvisierten 30 000 bis 40 000 Euro wegging.

          Lose von den südlichen Nachbarn

          Ein jüngerer Meister aus der Auktion Klassische Moderne im Dorotheum eroberte den Platz direkt hinter Memling: Im Mai spielte ein Harlekin-Gemälde von James Ensor einen Spitzenpreis ein, in dem Gruppenbild hat sich der Künstler selbst mit kostümierten Freunden verewigt. Das in Perlmuttfarben komponierte Gemälde war auf 300 000 bis 500 000 Euro geschätzt, sauste jedoch auf sensationelle 850 000 Euro - aktueller Höchstpreis für das zu Selbstwiederholungen neigende Spätwerk des belgischen Malers.

          Bei den Zeitgenossen im Dorotheum hatten wieder die Italiener die Zügel in der Hand. Rund die Hälfte der Lose stammte von den südlichen Nachbarn, bevorzugt von den Mailänder Avantgarden. So nimmt den Platz hinter Memling, Ensor und Rubens ein blitzblaues, mit einem einzigen Schnitt markiertes „Concetto Spaziale, Attesa“ von Lucio Fontana ein. Das im letzten Lebensjahr des einflussreichen Künstlers entstandene Querformat bestätigte seine untere Taxe von 600 000 Euro. Auch das Spiel mit Licht und Schatten, das die strukturierten Leinwände von Enrico Castellani bieten, bleibt gefragt. Castellanis „Superficie bianca“ aus dem Jahr 1986 ging für 312 000 Euro (250 000/350 000) weg. Den Mailändern ein Verwandter im Geiste war der Zero-Künstler Günther Uecker, dessen streng reduziertes Nagelbild „Reihung“ von 1970 in der Zeitgenossen-Auktion 280 000 Euro (250 000/350 000) kostete.

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