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Altägyptische Kunst : Auf die Größe kommt’s nicht an

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Glasobjekte legten den Grundstein für die beachtliche Sammlung der Patissierfamilie Groppi. In London werden jetzt leuchtende Kleinodien aus der Kollektion mit ägyptischer Kunst versteigert.

          Als der Kunsthistoriker Alois Riegl Ende des 19. Jahrhunderts erklärte, man könne das Wesen der Gotik aus einem einzigen mittelalterlichen Schnabelschuh erklären, schüttelten Experten und Laien den Kopf. Drei Jahrzehnte später war sein Geistesblitz Standardwissen: Die Wiederentdeckung der minoischen Kultur, deren künstlerisches Genie überwiegend winzige Statuetten, Elfenbeine und linsengroße Siegel überliefern, hatte dafür gesorgt. Das wiederum lenkte Ägyptologen auf die altägyptischen Kleinkunstwerke, in denen diese Kultur ein Raffinement offenbart, das ebenbürtig neben deren weltberühmten kolossalen Artefakten steht.

          Vor den Experten hatten Jacques Groppi und sein Sohn Achille die Magie winziger altägyptischer Kunstwerke entdeckt, deren Sammlung am 26. April bei Christie’s in London versteigert wird. Man kann darüber spekulieren, ob die aus der italienischen Schweiz stammenden Patissiers, die von 1880 an in Ägypten ein Feinkost-Imperium aufbauten, von Berufs wegen dafür prädestiniert waren. Es fällt jedenfalls auf, dass sie ihre Läden in feinstem, der altägyptischen Kunst affinem Art Noveau gestalten ließen. Was Asketen der Moderne bald darauf als „Zuckerbäckerstil“ belächelten, ist heute geschätzt als einzigartige Synthese von europäischer Design-Avantgarde und Orient.

          Vor diesem Hintergrund versteht es sich fast von selbst, dass Achille Groppi mit altägyptischen Glasobjekten den Grundstock seiner Sammlung legte. Flakons und andere Kleingefäße, farbglühende zentimetergroße Fische und Skarabäen, Amulette mit Lotosblüten oder Reihern, vor allem aber die winzigen verstreuten Einzelteile figürlicher Intarsien entfalten einen Mikrokosmos jener ersten Hochkultur, der Europa wesentliche Impulse seiner eigenen verdankt. Dass die Winzwesen uns so viel über die Welt der Pharaonen sagen wie beispielsweise die Riesen von Abu Simbel, bezeugt ein Blick auf die Kunstwerke der Amarnazeit, einen Glanzpunkt der Sammlung: Zwei Profilköpfe von 4,2 und 4,3 Zentimetern geben Echnaton und seine Gattin Nofretete wieder.

          Vielleicht aber zeichnen die weicheren Züge den Pharao als mädchenhaft schönen Jüngling. Oder es ist sein androgyner mutmaßlicher Halbbruder Semenchkare, wenn nicht gar der Kindkönig Tutanchamun dargestellt. Gleichviel: Alles, was wir über die Kunstrevolution des Echnaton, über deren Raffinesse, ihre Vorliebe für exzentrische und kapriziöse Formen, die geradezu fanatische Neigung zu Fragilem, Schutzbedürftigem und verletzlich Schönem wissen, ist in diesen blau-türkisen gläsernen Kleinodien konzentriert. Ebenso kommt die Naturliebe dieser Ära zum Ausdruck: So lebensprühend und „unheilig“ starr wie die blauen Paviane der Echnaton-Zeit (unsere Bilder) wurden die göttlichen Affen nie zuvor und nie wieder dargestellt.

          Grotesk, aber mit dem selben Sinn für delikate Farbkombination stehen ihnen markante, oft fratzenhafte phönizische Köpfchen gegenüber. Deren ästhetische Kontrahenten wiederum sind die Glasgebilde und Fayencen der Ptolemäer, in denen der griechische Sinn für Pathos und Realismus aufscheint. Er gipfelt im 3,4Zentimeter großen Gesicht einer Mänade, das mit Leichenblässe, flammend roten Krauslocken, grünem Efeu und hypnotischen Augen vom blauen Hintergrund einer absticht - und so für einen Moment alle Kraft des modernen Expressionismus überstrahlt. (Die Preise liegen zwischen 500 und 180.000 Pfund.)

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