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Albertina modern : Wir sammeln Sammler

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Das Künstlerhaus Wien im Jahre 1883. Bild: Künstlerhaus Wien

Die Eröffnung von „Albertina modern“ im Künstlerhaus am Wiener Karlsplatz ist verschoben. Aber es gibt eine Geschichte hinter der neuen Dependance des einst ehrwürdigen Graphikmuseums Albertina. Sie beginnt mit der Pleite einer voluminösen Privatsammlung: Ein Lehrstück über die Fährnisse des Markts

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          Als das niederösterreichische Unternehmerpaar Agnes und Karlheinz Essl Mitte der neunziger Jahre in Wien einen Standort für seine Kunstsammlung suchte, hatte es wenig Glück. Zwar konnten die Essls im Wiener Künstlerhaus eine erste Überblicksausstellung mit 250 Gemälden österreichischer Kunst nach 1945 zeigen, aber ihre Idee einer permanenten Präsentation in diesem zentral gelegenen Gebäude fiel auf keinen fruchtbaren Boden. Das Palais im Stil der Neorenaissance befindet sich seit 1868 im Besitz der „Künstlerhaus. Gesellschaft bildender Künstlerinnen und Künstler Österreichs“, und diese Inhaber wollten weder verkaufen noch einen Privaten als Untermieter aufnehmen.

          Es ist schon eine Ironie der Geschichte, dass die Sammlung Essl nun wieder ins Künstlerhaus zurückgekehrt ist: Teile ihrer großen Bestände hängen in der Debütausstellung „The Beginning“, mit der die Albertina ihre Dependance für Kunst nach 1945 eröffnet. Das Künstlerhaus erstrahlt nach dreijähriger Renovierung in neuem Glanz. Bei der Namenswahl scheute Direktor Klaus Albrecht Schröder keinen großen Vergleich: Was der Londoner Tate Gallery ihre Tate Modern sei, wäre der Albertina ihre Außenstelle „Albertina modern“ – trotz Kleinschreibung bitte Englisch aussprechen! So weit, so hochtrabend, aber wie kam es dazu?

          Sorge um Marktpreise

          Im Jahr 2014 stand die Unternehmerfamilie Essl vor den Scherben ihres Lebenswerks. Baumax, die einst so erfolgreiche Baumarktkette, war durch Expansion nach Osteuropa ins Schleudern geraten. Da Immobilienverkäufe nicht ausreichten, streckten die Gläubiger die Hände nach der Kunstsammlung aus. Die Essls unterbreiteten dem Bund daraufhin ein Kaufangebot, aber die öffentliche Hand schlug einen Ankauf der Kollektion für – kolportierte – 86 Millionen Euro aus. Gleichzeitig wurde befürchtet, dass bei einer Versteigerung der rund 7000 (oder 4300, je nach Zählung) Werke die Marktpreise für österreichische Kunst ob dieser Schwemme in den Keller rasseln könnten.

          Als Retter in der Not sprang schließlich der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner ein. Mit einem Überbrückungskredit von 117 Millionen Euro erwarb der umtriebige Gründer der Strabag AG sechzig Prozent der Sammlung Essl; die restlichen vierzig Prozent beließ er bei den Essls. Seinen Teil brachte er in eine Privatstiftung ein. In einem Interview sagte Haselsteiner, dass er von Anfang an plante, durch den Verkauf des – ungleich teureren – internationalen Bestands die Schulden zu decken, um so den nationalen – also österreichischen – Anteil der Kollektion als kulturelles Erbe zu bewahren. Im Herbst 2014 wurden entsprechend bei Christie’s in London 44 Filetstücke von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Neo Rauch und anderen für knapp sechzig Millionen Euro losgeschlagen.

          Über Haselsteiners persönlichen Kunstgeschmack ist wenig bekannt, dafür über seine Liebe zur klassischen Musik. Der Baulöwe ist als Mäzen der Tiroler Musikfestspiele Erl hervorgetreten, wo er 2013 ein Konzerthaus für 36 Millionen Euro errichten ließ. Die 3500 Objekte seiner Firmensammlung „Strabag Art Collection“ hängen in den Büros des Konzerns. Durch den mit 35000 Euro dotierten Nachwuchspreis „Strabag Art Award“ kommen seit 1994 jährlich neue Werke hinzu, so etwa 2019 Porträtgemälde des in Wien lebenden ghanaischen Malers Amoako Boafo.

          Das renovierungsbedürftige Künstlerhaus

          Auch das Essl Museum in Klosterneuburg ging 2014 in den Besitz Haselsteiners über, aber der resolute Tiroler machte von Anfang an klar, dass ihn dieser Standort nicht interessierte. Es war schließlich Albertina-Chef Schröder, der den Milliardär mit seinen Schätzen in die Albertina lockte und ihn auf das renovierungsbedürftige Künstlerhaus als Ausstellungsort aufmerksam machte. Dessen Künstlervereinigung kämpfte bereits seit fünfzehn Jahren vergeblich um öffentliche Gelder für die Instandsetzung ihres maroden Stammsitzes. Haselsteiner erkannte die Chance und schlug dem Künstlerverein einen Deal vor: Er würde die Immobilie in Bestlage renovieren und modernisieren. Im Gegenzug würde er mit seiner Sammlung im Untergeschoss einziehen und 74 Prozent an einer Besitz- und BetriebsGmbH erhalten. Die rund 450 Mitglieder des so langgedienten wie verarmten Vereins stimmten diesem Angebot halb freudig, halb zähneknirschend zu. Im Jahr 2018 wurde schließlich besiegelt, dass das Künstlerhaus in Zukunft in Wohngemeinschaft mit der Albertina leben würde.

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