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Kunsthändler Albert Kollmann : Der Unerschütterliche

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Albert Kollmann war der große Förderer von Max Liebermann und dann von Edvard Munch. Er selbst blieb im Hintergrund. Wer war der geheimnisvolle Kunstsammler, der vor hundert Jahren starb?

          An einem schönen Sommermorgen des Jahres 1912 begab sich Hugo Perls - Jurist, Philosoph und Kunstsammler - in den Garten seines kürzlich von Mies van der Rohe erbauten Hauses in der Zehlendorfer Hermannstraße 14, um den Rasen zu sprengen. Dabei fiel ihm ein alter Herr mit weißem Panamahut auf, der früh um sieben Uhr einsam auf der sandigen Straße zwischen den Kiefern auf und ab spazierte. Als der Fremde um ein Glas Wasser bat, luden ihn Hugo und Käte Perls freundlich zum Frühstück ins Haus. Der Gast blieb nicht nur zum Frühstück, sondern auch zum Mittag- und schließlich zum Abendessen. Bis elf Uhr nachts sei man zusammengesessen und habe sich danach noch viele Male getroffen, berichtet Hugo Perls in seinen Erinnerungen „Warum ist Kamilla schön? Von Kunst, Künstlern und Kunsthandel“, die er - nach Flucht, Vertreibung und Emigration nach New York - im Jahr 1962 veröffentlichte. Der Mann mit dem Sonnenhut war Albert Kollmann, Edvard Munchs Förderer und alter Freund.

          Über Käte Perls berichtete Kollmann dem Maler nach Norwegen, sie habe „mahagoni-rotes Haar“ und „recht schöne malerische Qualität“, seine eigentliche Agenda aber offenbarte er in dem Satz: „Diese Dame im norwegischen Schnee würde ein schönes Bild.“ Ein halbes Jahr später reiste das Ehepaar Perls tatsächlich nach Norwegen, wo Edvard Munch Hugo und Käte Perls porträtierte. Das rote Haar von Käte Perls animierte Munch zu weiteren berühmt gewordenen Bildern. Die Episode ist charakteristisch für Albert Kollmann. Sie zeigt, wie intensiv er sich für den von ihm protegierten Maler, meist im Hintergrund bleibend, einsetzte.

          Autodidakt und Praktikant

          Albert Kollmann wurde am 28. Juni 1837 in Grüssow in Mecklenburg geboren. Er entstammte einer protestantischen Pfarrersfamilie, die durch das Erbe der Mutter, einer geborenen von Flotow, begütert war. Am 15. Dezember 1915 verstarb er in Neuendettelsau im Frankenland, in der Obhut seiner Schwester Charlotte, die als Diakonissin nahe Ansbach tätig war. Kein Grabstein erinnert an den wunderlichen Mann, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Künstler- und Sammlerkreisen bekannt war. Bevor er nach Neuendettelsau zog, führte er lange Jahre ein Vagabundenleben, stieg in einfachen Pensionen ab und tauchte überraschend mal am Gardasee, mal in Florenz oder Rom, mal in Berlin oder Hamburg auf. Gepäck führte der anspruchslose Reisende nur wenig mit sich. Bisweilen aber mochte sein Koffer eine Radierung von Edvard Munch oder Arbeiten anderer Maler bergen.

          Seit sich Kollmann im Alter von ungefähr vierzig Jahren entschloss, nicht mehr in Hamburg als Kaufmann die Produkte seines elterlichen Guts in Mecklenburg zu vertreiben, sondern selbständiger Kunstförderer zu werden, leitete einzig und allein das Interesse seine Wege, die von ihm geschätzten Künstler zu protegieren, ihre Werke zu verkaufen oder in einer Ausstellung zu plazieren, eben Türen für sie zu öffnen und Netzwerke zu schaffen. Dabei verfolgte er keine finanziellen Interessen, sondern er sah seine künstlerische Vorstellungskraft und Leidenschaft durch andere verwirklicht. Denn er selbst hatte weder Maler werden können noch Kunstgeschichte studiert, gab sich aber in seinem späteren Leben ganz und gar der Kunst hin. Als Autodidakt reist er immer wieder nach Italien, um sich zu bilden. Noch 1888 nimmt er als „Praktikant“ an den Vorlesungen des Breslauer Kunsthistorikers August Schmarsow teil, der in seiner Wohnung in Florenz Übungen zur Geschichte der italienischen Skulptur abhielt. Zusammen mit acht Kunststudenten - unter ihnen Aby Warburg - gehörte Kollmann so zum Gründerkreis des Deutschen Kunsthistorischen Instituts in Florenz.

          Ein spiritistisch veranlagter Einzelgänger

          Spuren seines Wirkens finden sich in zahlreichen Briefen Edvard Munchs, Max Liebermanns und anderer Künstler. Er führte einen regen Briefwechsel mit einem großen Kreis von Sammlern und Mäzenen, Malern oder Museumsdirektoren. So sehr konzentrierte er sich auf ihr Wohlergehen und Fortkommen, dass es ihm bisweilen zu gelingen schien, in geradezu telepathische Nähe zu ihnen zu treten, geheimnisvolle Geschichten kursierten über ihn. So berichtete Munch, teils entnervt, teils amüsiert, Kollmann habe einmal mit Geld vor seiner Tür gestanden, als er Unterstützung tatsächlich dringend benötigte. In den drastischsten Geschichten war er bereits schon einmal gestorben und beerdigt, bevor er wieder unter den Lebenden auftauchte. Dass er, gemeinsam mit dem von ihm überaus geschätzten Maler Gabriel Max, in dessen Villa am Starnberger See an Séancen teilnahm und auch Max’ Nachbar, den Parapsychologen Albert von Schrenck-Notzing, gut kannte, passt ins Bild - eines spiritistisch veranlagten Einzelgängers, den Munch als „Mephisto“ apostrophierte.

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