https://www.faz.net/-gqz-6zeul

Aktuelle Kunst : Am Ende sind alle Zwillinge

  • -Aktualisiert am

Mit der guten alten Malerei zu neuen Realitäten? Wie das geht, zeigt Andrea Ventura bei White Trash Contemporary in Hamburg.

          1 Min.

          Zwillingsporträts sind das Titelthema der Ausstellung in der Hamburger Galerie White Trash Contemporary: Der Künstler Andrea Ventura, 1968 in Mailand geboren und in New York und Berlin lebend, ist selbst ein Zwilling, und das könnte ein Auslöser gewesen sein. Zwei überdimensionale Köpfe von Zwillingsfrauen dominieren den Raum - „Le Gemelle No.1 und No.2“ (Gouache auf Papier, je 150 mal 200 Zentimeter groß; je 6000 Euro). Aber die Modelle waren gar keine Zwillingsschwestern, sondern fiktive Personen. Auch die sorgfältig daneben aufgereihten Zwillinge, je auf einer etwa 24 mal dreißig Zentimeter großen Leinwand (650 bis 800 Euro), sind keine real existierenden Geschwister, sondern Variationen gefundener Fotoporträts.

          Ventura malt ab, und in der Kopie entstehen neue Realitäten - nicht nur Zwillinge -, wo vorher keine waren. Mit der Malerei, die der Galerist Nils Grossien „im rührenden Sinne altmodisch“ nennt, erhebt er vergessene oder allzu oft gesehene Fotos zu entfremdeten Originalen, wie in der Reihe von schwarzweiß gehaltenen Szenen aus polnischen Gettos (kleinformatige Gouachen auf Leinwand, 650 bis 850 Euro). Es gibt historisch weniger belastete Themen wie den Frauenakt in Landschaft „Die Steuerberaterin am Wannsee“, und eine andere schwarzweiße Nackte entpuppt sich im Titel als Simone de Beauvoir im Badezimmer, einst von einem frühen Liebhaber abgelichtet. Aus der nackten Simone wird Simone, das Denkmal.

          Überhaupt haben es Ventura Denkmäler angetan; er malt sie im Berliner Tiergarten: Musiker, Feldherrn und Krieger - und auch den Berliner Mauerpark. Dabei kommt der Illustrator in ihm durch, der seit Jahren Hochglanzzeitschriften bebildert und in seinen freien Arbeiten das Totenbett des Allessandro Manzoni und „Das Zimmer des Saxophonisten in Paris“ malt, die alle Edward Hoppers Verlassenheit atmen.

          Die fiktiven Zwillinge, die Denkmäler im Park und die Interieurs sind, derart hervorgehoben, plötzlich fremd und bis zur Einsamkeit isoliert, oft aber auch, gerade durch ihre Titel, anekdotisch überhöht - wie die grobkörnige, an Thomas Manns „Zauberberg“ gemahnende Gruppe „Liebermann hospitalized“ oder die abstrakt wirkenden Motive „Sky over Rom“, bis hin zu „Three trouts before we ate them“, der klassischen Natur Morte mit Forellen. Zum Schluss sind es dann doch alles Zwillinge: das Denkmal und seine bildnerische Umsetzung, die gegessenen Forellen und ihr Abbild, das Schwarzweißfoto und dessen Gouache-Klon. Sie würden sich ähneln wie ein Ei dem anderen, wenn sie nicht zwischendurch den schöpferischen Filter des Künstlers passiert hätten.

          Weitere Themen

          Weil er es konnte

          Menzel im Kupferstichkabinett : Weil er es konnte

          Adolph Menzel war ein brillanter Zeichner und wichtiger Maler: Am großartigsten aber ist er in seinen Pastellen, Gouachen und Aquarellen. Das zeigt sich nun in Berlin.

          Schuld und Sühne des Professors

          „Lolita“ in Prag : Schuld und Sühne des Professors

          Die flatterhafte Fabel in den düsteren Sphären Dostojewskis: Mit Rodion Schtschedrins Oper „Lolita“ erlebt das Prager Ständetheater eine Sternstunde des zeitgenössischen Musikschaffens.

          Topmeldungen

          Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

          Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

          Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
          Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

          3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

          Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
          Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

          Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

          Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.