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Kunstmesse FIAC : Pariser Improvisationskunst

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Wie ein Hybrid zwischen Libelle und Drohne: Alexander Calders 17 Meter lange und 9 Meter hohe Skulptur „Flying Dragon“ aus dem Jahr 1975 wurde von der Galerie Gagosian auf der Place Vendôme plaziert. Bild: AFP

Aufwind in der Pariser Kunstszene: Die 47. Ausgabe der FIAC, ausgewichen ins „Grand Palais Éphémère“, punktet mit europäischer Prägung und hoher, unaufgeregter Qualität.

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          Die Pariser „Foire international d’art contemporain“, kurz FIAC, wird nicht nur durch die Covid-Krise auf die Probe gestellt. Ein Jahr setzte sie aus und muss nun den Umzug vom Grand Palais, das für Renovierungsarbeiten geschlossen wurde, in das temporäre „Grand Palais Éphémère“ hinter dem Eiffelturm verkraften. Das bedeutet eine Einbuße von etwa einem Viertel der Fläche. 2019 nahmen noch 199 Galerien aus 29 Ländern teil; dieses Mal sind es 170 Galerien aus 25 Ländern. Ein „Online Viewing Room“ ermöglicht weiteren 42 Galerien einen digitalen Auftritt. Das frei zugängliche Zusatzprogramm „Hors les murs“ findet wieder mit 24 Kunstwerken in den Tuileriengärten statt.

          Auf der Place Vendôme prunkt knallrot das eindrucksvollste Werk dieser 47. Ausgabe der FIAC: Alexander Calders 17 Meter langer und 9 Meter hoher „Flying Dragon“ von 1975 wirkt wie ein metallener Hybrid zwischen Libelle und Drohne. Die Galerie Gagosian, die das Werk aus Aus­tralien heranschaffen ließ, feiert damit die Eröffnung einer dritten Pariser Adresse, gleich nebenan in der Rue de Castiglione. Überhaupt ist Aufwind in der Pariser Kunstszene zu spüren. Finanzstarke internationale Galerien ziehen mit zusätzlichen Räumen in das Viertel um die Avenue Matignon, darunter die Perrotin, Skarstedt, Almine Rech und Kamel Mennour.

          Bei Ropac: Georg Baselitz, „Karl May Bar“, 2021, Öl auf Leinwand, 2,5 mal 2 Meter, Preis 1,2 Millionen Euro.
          Bei Ropac: Georg Baselitz, „Karl May Bar“, 2021, Öl auf Leinwand, 2,5 mal 2 Meter, Preis 1,2 Millionen Euro. : Bild: Galerie Thaddaeus Ropac / Georg Baselitz

          Die Londoner Galerie White Cube hat sich dort ebenfalls eine Dependance innerhalb der EU gesichert. Auf der FIAC zeigt sie zum Anlass der Baselitz-Retrospektive im Centre Pompidou ein großformatiges Gemälde des deutschen Künstlers: „Wir nehmen ein wenig Rosa“ von 2018 wird für 1,5 Millionen Euro angeboten. Thaddaeus Ropac (Salzburg, Paris, London) vertritt Baselitz schon seit langer Zeit und bringt jedes Jahr einige seiner Werke auf die Pariser Messe mit. „Karl May Bar“ zeigt, frisch aus dem Atelier gekommen, eine Variation des den Künstler nicht loslassen wollenden Motivs (1,2 Millionen Euro).

          Am Eröffnungstag drängten sich die Besucher in den Gängen und Messekojen wie zu guten alten Zeiten. Im Vergleich zur Art Basel konnten amerikanische Sammler und Kunstschaffende problemloser anreisen, während Quarantäne-Auflagen chinesische Besucher und Galerien abgeschreckt haben. Aus Amerika sind 20 Galerien dabei; 2019 waren es 27. Pace aus New York präsentiert eine der verspielten Skulpturen ihres Hausstars Jeff Koons (Preis „on request“), die nach Plastik ausschaut – gestapelte Stühle mit aufgeblasener Pool-Robbe –, aber in Stahl gegossen wurde. Daneben hängen zwei strenge, schwarze Reliefbild-Skulpturen von Louise Nevelson aus den späten Siebzigerjahren (je 250. 000 Dollar).

          Atelierfrisch: Apostolos Georgiou, Untitled, Acryl auf Leinwand, 230 mal 230 Zentimeter, 2021, Preis 60.500 Euro
          Atelierfrisch: Apostolos Georgiou, Untitled, Acryl auf Leinwand, 230 mal 230 Zentimeter, 2021, Preis 60.500 Euro : Bild: Galerie gb agency / Apostolos Georgiou

          Insgesamt hat die FIAC diesmal eine stärker europäische Prägung und ist von hoher, unaufgeregter Qualität. Karsten Greve (Köln, Paris, Sankt Moritz) hat aus dem Atelier des 102 Jahre alten Pierre Soulages ein übergroßes, schwarzes Tuschegemälde auf Papier aus dem Jahr 1963 geborgen, das zum letzten Mal auf der documenta 3 (1964) zu sehen war (4 Millionen Euro). Die Berliner Galerie neugerriemschneider gestaltet ihren Stand mit Werken-in-einem-Werk von Thomas Bayrle: eine faszinierende Auseinandersetzung mit den Fresken der Florentiner Brancacci-Kapelle (Preise werden nicht genannt). Max Hetzler (Berlin, Paris, London) zeigt von Ai Weiwei eine Reihe aus sechs in chinesischer Ming-Tradition gefertigten Porzellantellern, deren delikate blaue Bemalung bei näherem Hinschauen die Flüchtlingskrise visualisiert (300.000 Euro).

          Bei der Galerie Jocelyn Wolff: Katinka Bocks Installation „Speaker and receiver“ aus Kupfer, Stahl und glasierte Keramik, 2021, 194 mal 115 mal 28 Zentimeter, Preis 35.000 Euro.
          Bei der Galerie Jocelyn Wolff: Katinka Bocks Installation „Speaker and receiver“ aus Kupfer, Stahl und glasierte Keramik, 2021, 194 mal 115 mal 28 Zentimeter, Preis 35.000 Euro. : Bild: GALERIE JOCELYN WOLFF

          Die Pariser Galerie Jocelyn Wolff verkaufte am Eröffnungstag eine Körperlandschaft der Schweizerin Miriam Cahn für 200.000 Euro und eine der sensiblen Skulpturen der deutschen Bildhauerin Katinka Bock („Speaker and receiver“, 35.000 Euro). Frank Elbaz (Paris, Dallas) fand besonderes Interesse mit einer Soloschau des japanischen Malers Kenjiro Okazaki (9000 bis 120.000 Dollar). Ebenfalls aus Paris kommt die Galerie gb agency, die Konzeptkünstler wie den Briten Ryan Gander vertritt. Ein atelierfrisches Gemälde von Apostolos Georgiou (documenta 14) kostet 60. 500 Euro.

          Keine Messe ohne Entdeckungen: Im Flügel „Galerie Eiffel“, der jüngere und Cutting-Edge-Galerien vereint, überzeugt der Solostand der in diesem Jahr gegründeten Galerie von Chris Sharp aus Los Angeles. Die komplexen, vornehmlich aus Textilien gearbeiteten Wandskulpturen der in Hannover lebenden Mexikanerin Isabel Nuño de Buen erinnern an Tiefseebergungen oder archäologische Funde und sind von ganz eigener Poesie (4000 bis 8.500 Euro).

          Im Grand Palais Éphémère, bis 24. Oktober, Eintritt 40 Euro, Katalog 35 Euro

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