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1-54 Messe Marokko : Inspirierender Ort für globetrottende Sammler

  • -Aktualisiert am

Hassan Hajjaj, „Romancia“, 2010, Lambda Druck in Holzrahmen mit Vorratspackungen, 61 mal 89 Zentimeter bei Yossi Milo Gallery, New York Bild: Hassan Hajjaj, Courtesy of Yossi Milo Gallery, New York

Die „1-54 Contemporary African Art Fair“ findet zum zweiten Mal in Marrakesch statt. Sie hat ihr Publikum schon gefunden.

          Touria El Glaoui denkt in Netzwerken – und daran, was sie in Bewegung setzen kann: „Es gibt Sammler, die vor einem Jahr unsere erste Ausgabe in Marrakesch besucht haben und dann im Oktober zu unserer Messe in London gekommen sind“, sagt die Direktorin der 1-54 Contemporary African Art Fair, „und es gibt afrikanische Galerien, die bei uns zum ersten Mal einen Messe-Auftritt hatten und wegen ihres erfolgreichen Auftritts zur Art Basel eingeladen wurden.“ Dass die afrikanische Kunst engagierte Sammler und überlebensfähige Galerien braucht, war El Glaoui klar, als sie die Messe gründete, die 2013 zum ersten Mal in London stattfand. Die Künstler und das öffentliche Interesse waren ja schon da, nicht zuletzt wegen der rasant steigenden Anzahl internationaler Ausstellungen mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst. Und was El Glaoui, fast im Alleingang, aufgebaut hat, ist beachtlich.

          Die „1-54“ – der Name spielt auf die 54 Staaten Afrikas an – findet seit 2015 auch in New York statt. Und nun zum zweiten Mal auf afrikanischem Boden in Marrakesch, womit die Messe auch Sammler im französischsprachigen Raum erreicht. Denn dass es hier nicht um die immer noch geringe Anzahl afrikanischer Sammler geht, ist schon am Eröffnungstag klar. Es sind vor allem wohlhabende Franzosen und französischsprachige Belgier, von denen einige auch einen zweiten Wohnsitz in Marrakesch haben, die gekommen sind; daneben aber auch viele Künstler. Marrakesch ist nicht mehr nur eine Stadt, die seit Jahrhunderten Künstler aus aller Welt anzieht, sondern eine, die mit ein paar jungen Galerien, dem neuen Museum of African Contemporary Art Al Maaden (Macaal) und jetzt mit der Messe den Anspruch hat, zum Ziel für das globetrottende Sammlerpublikum zu werden.

          Der aktuell hippste unter ihnen

          Um unbekannte Namen zu entdecken, kommt man allerdings nicht hierher, sondern um weniger hochpreisige Werke von bereits etablierten oder aufsteigenden Künstlern zu kaufen, die schon internationale Erfolge vorweisen können. Der aktuell hippste unter ihnen ist der 1961 geborene Pop-Art-Fotograf Hassan Hajjaj, der in London und Marrakesch lebt und eine ganze Clique von Künstlern um sich geschart hat. Im kommenden Herbst wird ihm die Maison Européenne de la Photographie in Paris eine Retrospektive ausrichten. Hajjaj wird von der Yossi Milo Gallery in New York vertreten (Preise von 6500 bis 11.000 Pfund).

          William Kentridge, „Drawing for the Head & the Load (Twelve Birds), 2018, Kohle und Rotstift auf Kontobuchseiten, 88,5 mal 130 Zentimeter bei Goodman Gallery, Kapstadt.

          Die 1-54 ist bewusst eine Boutique-Messe mit nur achtzehn Galerien, von denen sieben aus Afrika kommen, und Touria El Galoui plant auch nicht, sie zu vergrößern. Die recht kleinen Kojen bringen Galeristen und Sammler ungezwungener zum Gespräch zusammen als ausufernde Messen, und die Partnerschaft mit dem Luxushotel La Mamounia, in dem die Schau stattfindet, zielt auf jene Sammler ab, die Luxus-Lebensstil mit Kunsterlebnis-Tourismus verbinden. Mehrere der anwesenden Galerien haben am Wochenende zuvor auch die Cape Town Art Fair mitgemacht: Erica Chammas von der Sulger-Buel Gallery in London findet aber, dass die Sammler dort zu fokussiert auf südafrikanische Künstler sind. Sie hat zur 1-54 Gemälde des Senegalesen Soly Cissé im Programm. Auch Dolly Kola-Balogun von der Retro Africa Gallery aus Nigeria lobt, dass dagegen bei der Messe in Marrakesch fast ganz Afrika abgedeckt wird. Sie hat ein auf den ersten Blick abstraktes Gemälde mit schwarzen und gelben Kringeln des in New York lebenden Nigerianers Òmó Oba Adetomiwa A.Gbadebo mitgebracht. Erst sein Titel „Orangun“ lässt darin die Augen eines Orang-Utans erkennen (35.000 Euro).

          Ibrahim El-Salahi, Schwarzes und Weißes Notizbuch, 2012, Stift und Tusche auf Papier, 27,5 mal 18,5 Zentimeter bei Vigo Gallery, London.

          Die von zwei Frauen geführte LouiSimone Guirandou Gallery aus Abidjan in Elfenbeinküste ist zum zweiten Mal in Marrakesch. Obwohl sie im vergangenen Jahr nur etwa die Hälfte des Stands verkaufen konnte, wurden viele neue Kontakte geknüpft, wodurch sich ihre Kosten ausgezahlt haben. Besonders stolz ist die Direktorin darauf, dass die große Goodman Gallery aus Johannesburg und Kapstadt dazugekommen ist. Sie ist gleich am Eingang positioniert und hat, wie ja stets, William Kentridge im Programm. Ihr gegenüber zeigt die Vigo Gallery aus London eine Solo-Installation des großen Malers der afrikanischen Moderne, Ibrahim El-Salahi; einzelne Seiten aus dem letzten seiner vier Notizbücher, entstanden zwischen 2012 und 2013, sind an der Wand aufgereiht (je 25.000 Pfund). Das erste Heft des 88 Jahre alten Sudanesen, der heute in Oxford lebt, das „Prison Notebook“, entstand während seiner mehrmonatigen Gefangenschaft 1975 in Sudan. El-Salahi war einer der Gründer der Khartum School, deren Malerei von Kalligraphie inspiriert ist.

          Überhaupt ist ein Schwerpunkt der Messe Kunst auf Papier, die Kalligraphie nicht als Schrift-Sprache, sondern als Ästhetik versteht – wie die Malereien von Nabil El Makhloufi, einem Marokkaner, der in Leipzig studiert hat und dort lebt, bei der Galerie L’Atelier21 aus Casablanca. Oder die Arbeiten von Farah Khelil bei der Galerie Officine Dell-Immagine aus Mailand: Sie hat mit Tusche enge Kreise um aufgeklebte Computerchips gezeichnet, so dass sie wie fliegende Schallplatten aussehen (je 3500 Euro).

          Bei der Loft Art Galerie, ebenfalls aus Casablanca, ist viel Andrang; dort sind schon viele Arbeiten mit einem roten Punkt versehen. Die Künstler arbeiten figurativ, so auch Joana Choumali, auf deren Bildern Frauen in Stadtlandschaften aus pastellfarbenem Tüll und Garn sitzen, die so zu traumartigen Szenarien werden. Für französische Fernsehteams posiert am Stand auch Mohamed Lekleti vor seinen Bildern, die den westlichen Kunstkanon persiflieren.

          Mehrere Künstler waren schon im vorigen Jahr dabei, Abdoulaye Konaté aus Mali zum Beispiel, dessen Großformate mit Textilfransen in graduellen Farbabstufungen mittlerweile schon einem breiteren Publikum bekannt sind: Sie inspirierten Touria El Glaoui – die außerdem die Tochter des bekannten afrikanischen Malers Hassan El Glaoui und die Enkelin von Thami El Glaoui, dem ehemaligen Pascha von Marrakesch, ist –, vom Investment Banking in die Kunstwelt zu wechseln. Es geht ihr um die Emanzipation der Kunst aus Afrika und der Künstler aus der afrikanischen Diaspora. Deswegen ist es der Messe-Chefin auch so wichtig zu betonen, wie viel Aufbauarbeit hier geleistet werden soll: „Wir beraten auch bei der Hängung, helfen beim Ausfüllen der Bewerbungen, um unerfahrene Galeristen zu unterstützen.“

          Im Gedächtnis bleiben dem Besucher von 1-54 die Fotografien des 1984 geborenen Athi-Patra Ruga, zu finden bei der Galerie In Situ-Fabienne Leclerc aus Paris (je um 8500 Euro). Denn Rugas knallig bunte Tableaux mit Models, die fast ganz hinter Bündeln von Luftballons verschwinden – und deren Titel auf dunkle Kapitel in der Geschichte anspielen –, passen mit ihrem scheinbar sorglosen, spielerischen Eindruck zum Optimismus der jungen Messe.

           

           

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