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Kunstmarkt : Sammler Grothe verwandelt Kunst in Geld zurück

  • -Aktualisiert am

Hans Grothe im Glück: bei der Eröffnung seines Museums in Duisburg 1999 Bild: dpa

Der deutsche Kunstsammler Hans Grothe spekuliert mit zeitgenössischer deutscher Fotografie auf einer Auktion in New York.

          3 Min.

          Generöse Menschen gibt es wenige. Auch Kunstsammler, deren Besitz das normale Wohnzimmer sprengen würde und die daher ihre Werke in Museen abgeben und öffentlich zugänglich machen, erscheinen nur so lange als willkommene Boten, wie sie sich selbstlos verhalten.

          Gerade Sammler sind aber keine Heiligen. Sie sind Sinnesmenschen und süchtig nach viel Kunst und noch mehr Ehr'. Daher ist ihnen jedes Mittel recht, um günstig an möglichst viel Stoff ihrer Lust heranzukommen. Das hat auch der Duisburger Groß-Kunstsammler und Bauunternehmer Hans Grothe nicht anders gehalten.

          Verträge mit dem Bonner Kunstmuseum wurden eingehalten

          Nach 30 Jahren engagierter Sammlertätigkeit verfügt er heute über mehr als 700 Werke deutscher Kunst nach 1945. Anfang der 80er Jahre schloss Grothe einen Dauerleihvertrag mit dem städtisch unterhaltenen Bonner Kunstmuseum, das die Sammlung seither verwaltet, pflegt und ausstellt. Der Vertrag wurde erst kürzlich bis 2025 verlängert. Grothe sammelte für das Museum. Sein Eigentum trägt in Bonn und inzwischen auch in Bremen und Duisburg entscheidend dazu bei, dass sich die Öffentlichkeit ein qualitativ überzeugendes und umfassendes Bild deutscher Nachkriegskunst machen kann. Die öffentliche Hand allein leistet sich das kaum noch.

          In den 90er Jahren wuchs Grothes Appetit nach Arbeiten jüngerer Künstler, die die wohlbestallten Maler Baselitz, Lüpertz, Polke und Kiefer ablösten. Da war er gut beraten, als die Kölner Galeristin Monika Sprüth ihm ganze Konvolute deutscher Fotostars der "Becher-Schule" vermittelte.

          Künstlerräume sind nur noch Träume

          Hans Grothe kauft, in guter Ludwig-Tradition, gern ganze Werkgruppen, die er in "Künstlerräumen" zusammenfasst. So kommen die Urheber gleich mehrfach zu Ehren: Zum einen, weil sie mit ihren Werken in einer der prominentesten deutschen Privatsammlungen vertreten sind, zweitens, weil sie über Grothe automatisch in öffentlichen Museen landen, was als Drittes ihren Marktwert steigert. Bei so guten Voraussetzungen lassen sich die Galeristen schon mal auf Sonderpreise mit bis zu 35 Prozent Nachlass ein. Zumal, wenn der Sammler hoch und heilig verspricht, die Werke nie wieder zu veräußern.

          Vier prominente Fotografen - Thomas Demand, Andreas Gursky, Thomas Ruff und Thomas Struth - haben nun einen Protestbrief an Hans Grothe verfasst, weil dieser sein Wort in den vergangenen Wochen gebrochen hat und an diesem Donnerstag und Freitag über das Auktionshaus Christie's die Fotografien doch in New York auf den Markt bringt. Die Bilder sind inzwischen auf einen Schätzwert von 3,205 Millionen Dollar angestiegen. Hätte man das gewusst, hätte man ihm die Arbeiten vor ein paar Jahren nicht zu Freundschaftspreisen überlassen.

          Der Dumme ist immer der Künstler - Grothe profitiert

          Um ein Immobilienvorhaben in Düsseldorf zu finanzieren, so heißt es, will Grothe einige "entbehrliche" Arbeiten seiner immer noch wachsenden Sammlung verkaufen. Zu diesen Stücken gehören 27 Fotografien von Demand, Gursky, Ruff und Struth, jenen Künstlern also, deren Bilder in den vergangenen drei Jahren besonders heiß gehandelt und nach Meinung von Insidern am internationalen Markt völlig überbewertet sind.

          Das Geschäft mit der zeitgenössischen Kunst hat viel mit Vertrauen und Zuneigung zu tun. Häufig gehen Künstler und Sammler persönliche, meist sogar freundschaftliche Bindungen ein. Diese sucht auch der Sammler Hans Grothe, auch wenn man sagt, dass der 71-Jährige zu den jüngeren Fotografen keine besonders enge Beziehung aufbauen konnte. Gegenüber den deutschen Starfotografen hat er sich verbindlich für ein Museum mit Künstlerräumen ausgesprochen. Dieses Konzept hat er nun fallen lassen. Das darf er, auch wenn es nicht die feine Art ist. Grothe hat sich als geschickter Geschäftsmann verhalten: günstig gekauft, was er nun mit großem Gewinn weiter veräußert. Das sind die Gesetze der Marktwirtschaft, und die haben auch in der Kunst immer weniger mit Moral zu tun.

          Deutsche Fotografie im internationalen Feld

          Künstler und Galeristin sind nicht nur deshalb erbost, weil Grothe Abmachungen nicht einhält, sondern weil sie um ihre eigene Zukunft bangen. Schließlich werden sie in Europa kaum noch Sammler finden, die die überhitzten Auktionspreise auf dem freien Markt zahlen können. Der Verkauf der Fotografien zu mindestens einem Drittel höheren Marktpreisen - eine Arbeit von Thomas Struth lag auf der Basler Messe im Juni bei einem Spitzenpreis von 110.000 Dollar, in New York werden nun vergleichbare Werke zu Schätzpreisen von 180.000 bis 220.000 Dollar angeboten - beroht den heimischen Markt. Der Grund der ganzen Aufregung ist letztlich der schlechte Stil eines Sammlers, der auf Profit aus ist und dafür einen empfindlichen Ast seiner weiter wachsenden Sammlung plötzlich abbricht. Aber wer weiß, vielleicht gedeihen die deutschen Pflanzen im internationalen Klima ganz prächtig. Immerhin deutet der große Erfolg, den Andreas Gursky mit seiner Einzelausstellung im New Yorker Museum of Modern Art in diesem Sommer hatte in diese Richtung.

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