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Kunstmarkt : Aktion Saubere Schweiz?

Wer weiß, welche Schätze hinter diesem Zaun noch schlummern: Das Zollfreilager von Genf Bild: Picture-Alliance

Frankreich macht Druck gegen Geldwäsche und Terrorfinanzierung mit antiker Kunst. Jetzt soll auch das Genfer Zollfreilager ausgemistet werden.

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          Dicke Post von der Genfer Polizei: seit kurzem verschickt ihre Medienstelle ganz neuartige Dossiers an die Korrespondenten der Auslandspresse. Sie enthalten als Anhang Aufnahmen von Kunstwerken, die wortreich beschrieben und bezüglich ihrer kulturhistorischen wie finanziellen Bedeutung eingeordnet werden. Es geht nicht um Fahndungsbilder: Die Polizei berichtet, wann welcher Schatz welchem Staat unter feierlichen Umständen zurückgegeben wurde.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Gelegentlich mochte man an der Intensität, mit der die geraubten Güter gesucht worden waren, Zweifel hegen. Denn sie lagerten meistens mitten in der Stadt, im Zollfreilager. Man durfte vermuten, dass die Schweiz in ihrem löblichen Bemühen um höchstmögliche Diskretion auch flagrante Fälle am liebsten unter den Teppich kehrt, sie im Zweifelsfall verschweigt. Ist plötzlich alles ganz anders? Die erstaunlichen Erfolgsmeldungen künden von einer Kulturrevolution: Ist das Land nach dem Verzicht auf das Bankgeheimnis bestrebt, auf dem Kunstmarkt der Hehlerei und Geldwäsche ein Ende zu bereiten? Die Genfer Polizei, die ihre – denn doch eher zufälligen – Fahndungserfolge von den Dächern ruft, funktioniert zumindest als PR-Agentur für die „Saubere Schweiz“ wie geschmiert.

          Die neue Kommunikationsstrategie der Genfer Polizei

          Anfang März begab sich Staatsanwalt Claudio Mascotto nach Bern. Dort übergab er dem ägyptischen Botschafter eine 4000 Jahre alte Tafel aus Alabaster. Sie war 1996 bei Ausgrabungen in Sakkara entdeckt und offenbar umgehend aus dem Depot gestohlen worden. Die Genfer Besitzerin, die anonym bleiben will, hatte sie bei einem „bekannten Kunsthändler“, dessen Name die Polizei allerdings nicht nennt, erworben. Experten machten sie auf die kriminelle Herkunft aufmerksam. Die ehrliche Käuferin klagte und bestand auf der Rückgabe – für die sich der Staatsanwalt gerne einen Tag Zeit nahm. Viel mehr geht aus der Polizeimeldung, mit vier Fotos des Objekts „von großem Wert“, nicht hervor und ist auch nicht in Erfahrung zu bringen: „Die Untersuchung geht weiter.“

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          Bislang hatten es Geschädigte kaum je mit derartig generösen Käufern zu tun, und auch die Behörden fielen doch eher durch die schleppende Behandlung von Gesuchen um Rechtshilfe und Rückgabe auf. Die Polizeimeldung schließt mit dem Hinweis auf die gute „aktive Zusammenarbeit zwischen den ägyptischen und schweizerischen Behörden im Bereich der Kulturgüter“ und enthält einen Link zum entsprechenden Abkommen. Als Urheberin der Fotos zeichnet die Genfer Justiz; der kostenfreie Nachdruck wird ausdrücklich erlaubt, aber jegliche Kommerzialisierung untersagt.

          Zufallsfund nach 15 Jahren

          Anlass zum Staunen über die neue Kommunikationsstrategie der Genfer Polizei gab es schon im Januar. Zwei Sarkophage und 45 Kisten, gefüllt mit etruskischen Antiquitäten, Vasen und Büsten wurden an Italien zurückgegeben. Von „unschätzbarem Wert“ sprachen die Behörden, auf fünfzehn Millionen Euro bezifferte ihn die Zeitung „Le Monde“.

          Seit fünfzehn Jahren befanden sich die Kisten im Zollfreilager. Entdeckt hatte sie Staatsanwalt Mascotto eher zufällig. Er sucht, auf Bitten aus Rom hin, nach einem Sarg, den man im Zollfreilager vermutete; er wurde aber nicht gefunden und bleibt verschollen. Stattdessen stieß Mascotto auf die fünfzehn Kisten mit den Etrusker-Schätzen, deren Herkunft auf illegale Ausgrabungen zurückgeht. Schon im vergangenen Sommer wollte Genf die Güter nach Italien verfrachten. Doch der schnelle Deal scheiterte am Einspruch des Lageristen, dem sie einst anvertraut worden waren: Er machte 150000 Franken an Kosten geltend, die ihm vom „Besitzer“ noch nicht bezahlt worden seien. Das höchste Eidgenössische Strafgericht stellte seine Gutgläubigkeit in Frage und wies die Klage ab. Auch dieses – überraschend schnelle – Urteil entspricht nicht unbedingt der bisherigen Rechtsprechung. Um einen Tag musste der Abtransport nach Italien im Januar gleichwohl noch verschoben werden, es hatte erstmals in diesem Winter geschneit.

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