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Kunstexpertin Bénédicte Savoy : Haltet die Lügner!

Trat vor dem Kulturausschuss des Bundestags auf: Bénédicte Savoy. Bild: dpa

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy spricht vor dem Kulturausschuss des Bundestags über Museumsgut aus der Kolonialzeit. Dann lässt sie eine Bombe hochgehen, die sich als Blindgänger erweist.

          Bénédicte Savoy versteht sich auf die Kunst, mit einem einzelnen Satz die allergrößte Wirkung zu erzielen. „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl.“ Unter der Bleidecke der Schlossfassade, so illustrierte sie im vielzitierten Zeitungsinterview von 2017 den drastischen Vergleich, solle die Weltkunst samt der heiklen Frage nach der Provenienz begraben werden wie Atommüll.

          Als die Professorin der TU Berlin vorgestern vor dem Kulturausschuss des Bundestags über Museumsgut aus der Kolonialzeit sprach, zündete sie, um in ihrer Bildlichkeit zu bleiben, gleich am Anfang der ihr zugewiesenen fünf Minuten die Atombombe. „Wer heute behauptet, in Deutschland sei nicht kolonial gesammelt worden oder, wie in der Antwort der Bundesregierung vom 13. Dezember 2018 leider zu lesen ist, ich zitiere: Den Museen und damit auch der Bundesregierung liegen hierzu, also zu den Zahlen, keine belastbaren Erkenntnisse vor, wer so etwas schreibt, hat entweder keinen Willen zum Wissen oder macht sich des historischen Revisionismus schuldig.“

          Die einzige belastbare Zahl

          Savoy stellte sich den Abgeordneten als Historikerin und nicht als Kunsthistorikerin vor. Sie weiß, dass mit dem Begriff des Revisionismus in der Geschichtswissenschaft im Unterschied zur alltäglichen Revision überlieferter Ansichten im Lichte neuer Fragen oder Quellen die absichtliche Verfälschung der historischen Wahrheit bezeichnet wird. Das Paradigma, zumal in der französischen Diskussion, ist die Leugnung des Holocausts. Revisionistische Parolen verbreitet die AfD, wenn ihre Politiker eine 180-Grad-Wende der Geschichtspolitik fordern. Die von Savoy zitierte Antwort der Bundesregierung erfolgte auf eine große Anfrage der AfD.

          In Anwesenheit von Kulturstaatsministerin Monika Grütters erhob Savoy also den Vorwurf, die Regierung habe sich mit der AfD in der Leugnung des verbrecherischen Charakters der deutschen Kolonialpolitik gemeingemacht. Denn belastbare Zahlen gebe es seit Jahrzehnten; sie seien von den Museen selbst publik gemacht worden, solange sie noch stolz gewesen seien auf ihre koloniale Beute.

          Aus dem Jubiläumskatalog des Berliner Völkerkundemuseums von 1973 führte Savoy die Zahlen für afrikanische Erwerbungen zwischen 1880 und 1914 an. Auch die Seitenzahl nannte sie – leider in diesem Zusammenhang die einzige belastbare Zahl. Die AfD hatte nämlich nicht etwa nach dem Umfang des kolonialen Objektbestands gefragt, sondern zu wissen begehrt, „wie viele Artefakte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst in Berlin als mögliche Restitutionsgüter einzustufen sind“.

          Darüber hat die Regierung keine Erkenntnisse, denen die Last einer kulturpolitischen Programmatik aufgeladen werden könnte. Denn dass sämtliche während der Kolonialzeit nach Berlin verbrachten Objekte automatisch als Restitutionsfälle einzusortieren wären, ergäbe sich nur unter den normativen Prämissen des Berichts, den Savoy und Felwine Sarr für den französischen Präsidenten verfasst haben. Savoys Bombe war eine Attrappe.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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