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Werner Haftmann in der NS-Zeit : Braun, abstrakt

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Werner Haftmann am Pult während der Eröffnung der Documenta 2 am 12. Juli 1959 in Kassel. In der ersten Reihe mit Brille der hessische Ministerpräsident Georg August Zinn mit Gattin, rechts der Initiator der Documenta Arnold Bode, an der Wand abstrakte Malerei. Bild: Picture-Alliance

Der Documenta-Kurator Werner Haftmann hat nach dem Krieg nichts über seine Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus mitgeteilt. Hatte seine Mitgliedschaft in der Partei Auswirkungen auf seinen vehementen Einsatz für die abstrakte Kunst nach 1945?

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          Der 1999 im Alter von siebenundachtzig Jahren verstorbene Documenta-Berater und langjährige Direktor der Berliner Nationalgalerie, Werner Haftmann, soll in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen sein. Haftmann, der nach dem Krieg einer der entschiedensten Befürworter der abstrakten Kunst war, sei Parteimitglied gewesen und „stellte sich immer als einfacher Wehrmachtssoldat dar, was nicht stimmte“, gab der am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München tätige Christian Fuhrmeister nun in einem Interview zu Protokoll. Wissen wir nun aber etwas Neues, was Haftmann an bedenklichen Taten über die Kategorie „Mitläufer“ in den braunen Sumpf hinabziehen würde?

          Wir wissen noch immer, was er Sommer 1933 bis 1945 getan hat

          Eher nicht. Die Fakten sind schon länger auf dem Tisch. Wie der Frankfurter Kunstgeschichts-Ordinarius Hans Aurenhammer in einem Buchbeitrag bereits 2003 hervorgehoben hatte, wurde Haftmann 1939 dem tatsächlich massiv verstrickten Hans Sedlmayr in Wien vom Direktor des Florentiner Kunsthistorischen Instituts, an dem er arbeitete – nachdem er 1936 über das per se wohl unverdächtige „Italienische Säulenmonument“ promoviert wurde –, als linientreu angepriesen, sehr wahrscheinlich, um die Wiener Assistentenstelle zu erhalten, für die unter Sedlmayrs Ägide die Parteimitgliedschaft verpflichtend war.

          Bedauerlich, aber wie die Viten zahlreicher Schriftsteller zeigen, kein Einzelfall und nicht justitiabel. Zumal Haftmann den Posten nicht antrat und für den Kunstschutz in Italien tätig war, um nicht an die Ostfront zu müssen. Dass unter den einundfünfzig Kuratoren der ersten vier Documenta-Schauen „nur“ neun Parteimitglieder waren, verblüfft fast bei der sonst höheren Kontinuität in Politik, Film (der jüngst entdeckte Fall des ersten Berlinale-Leiters Alfred Bauer etwa), Musik oder Theater.

          Rorschachtest Nolde

          Ansonsten ist vor allem die Schizophrenie der Nachkriegszeit bemerkenswert, denn 1954, nur sechs Jahre nach dem Anti-Moderne-Werk „Verlust der Mitte“ des Altnazis Sedlmayr, schreibt Haftmann sein Standardwerk zur „Malerei im 20. Jahrhundert“.

          Alles, was ihn in den zwölf Jahren des Nationalsozialismus an figürlich-gegenständlicher Kunst beschäftigt hat, wird nun in sein genaues Gegenteil verkehrt. Statt dreidimensionaler Plastiken geht es nur noch um gemalte „Flatness“, Zeichen und Farbstreifen ersetzen die Figur. Der Einsatz für abstrakte Kunst wird zum ästhetischsten Persilschein, der denkbar ist, im Fall der Documenta zusätzlich von den Vereinigten Staaten und ihrem Geheimdienst als „antisoffjetischer“ (Adenauer) Kulturschutzwall massiv gefördert.

          Ein Rorschachtest der inneren Spaltung: Emil Nolde, den Haftmann als Maler des „deutschen Wesens“ 1934 erfolglos für den Kunstkanon zu retten suchte, wird für ihn nach dem Krieg zur persönlichen Projektionsfläche und 1958 in seinem Nolde-Buch als „entarteter Maler“ und Widerstandskämpfer gefeiert. Er ist damit neben dem Documenta-Gründer Arnold Bode nur einer von vielen. Derartige Kontinuitäten aber hat der kürzlich verstorbene Martin Warnke schon 1970 auf dem Kölner Kunsthistorikertag festgehalten.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

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