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Kunstfälschung : Copyshop

  • -Aktualisiert am

Wolfgang Beltracchis Nachfolge ist geklärt und Lucas Cranach in Mode: Kunstfälschung ist nicht nur ein lukratives Geschäft, sondern entwickelt auch neue Vertriebsmodelle.

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          Was macht eigentlich Wolfgang Beltracchi? Er porträtiert Fürstin Gloria von Thurn und Taxis im Ballsaal des Schlosses – natürlich mit Dauer-Fernsehübertragung auf 3sat. Doch wer schaut da überhaupt noch zu? Der Kunstfälscher hat in den letzten Jahren massive Konkurrenz bekommen: den Italiener Massimo De Caro (mutmaßlicher Fälscher von Galileis „Sidereus Nuncius“), den Chinesen Pei-Shen Qian (New Yorks Fälscher von Pollock und anderer Nachkriegsmoderne), Robert Driessen (Fälscher von mehr als tausend Skulpturen Alberto Giacomettis), und eine Bande, die russische Avantgarde kopierte, wird bald vor Gericht stehen.

          Die größte Konkurrenz aber wohnt im bayerischen Untergriesbach in einer ehemaligen Mühle. Gegen den Restaurator Christian Goller wird jetzt ermittelt. Er soll jahrzehntelang Renaissance-Bilder im Stil von Lucas Cranach dem Älteren gemalt haben. Es sind kenntnisreiche Neuschöpfungen, wie bei Beltracchi. Geschickterweise wurden sie dem Kunstmarkt nicht als Lucas Cranach zugeschrieben angeboten, man rechnete sie seiner Werkstatt oder dem Umfeld des Künstlers zu.

          Fälschungen für gestohlene Originale

          Dadurch waren die Bilder immer noch teuer, aber nicht so verdächtig. Schon 1978 hörte man von Christian Gollers Fähigkeiten. Damals schrieb „Der Spiegel“ über den Fünfunddreißigjährigen: Goller sei „erschrocken“ gewesen, als er gehört habe, dass ein Gemälde von ihm im Cleveland Museum of Art in Ohio als Matthias Grünewald gehandelt werde – und das mehr als drei Millionen dafür gezahlt worden seien.

          Auch aus der Türkei gibt es Neuigkeiten: Das State Art and Sculpture Museum in Ankara musste jetzt offenlegen, dass die Mitarbeiter des Hauses an einem 250-Millionen-Dollar-Kunstklau beteiligt sind. 302 Werke wurden zwischen 2005 und 2009 aus dem Museum gestohlen. Die Mitarbeiter ersetzten die Werke durch Fälschungen – und lange hat es niemand bemerkt. Die richtigen Bilder wurden verkauft.

          Die Entdeckung machte, berichtet die türkische Zeitung „Hurriyet“, ein anonymer Kunsthändler, der sich selbst „Daylight“ nennt. Er rief den türkischen Kulturminister Ertuðrul Günay an und behauptete: Die Museumsdirektorin und ein „Bandenführer“ hätten ihn überzeugen wollen, 46 Werke des Museums durch Fälschungen zu ersetzen, die an der Aivazovsky Painting Academy auf der Halbinsel Krim gemalt worden seien.

          Maximen für das Museum der Zukunft

          Ein bekanntes Gemälde von Hikmet Onat soll für 210000 Dollar vermittelt worden sein. Wenig später habe ein bekannter Unternehmer schon 350000 Dollar bezahlt. Achtzehn Leute wurden festgenommen. Angesichts dieser Fälschungsfülle wünscht man sich neben den Bildern im Museum in Zukunft eine detaillierte Provenienzliste, wie in guten Auktionskatalogen, um das Vertrauen wiederaufzubauen. Beltracchi ficht das nicht an. Er übt derweil mit der Fürstin, um dem neuen Meister aus der Mühle gewachsen zu sein: Für das Porträt imitiert er den Stil von – ja von Lucas Cranach dem Älteren, natürlich.

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