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Kunstbiennale : „Haus ur“ - Was Gregor Schneider in Venedig plant

  • -Aktualisiert am

Gregor Schneider: totes Haus ur 1985-97, Rheydt Bild: schneider

Gregor Schneider wird Deutschland auf der Biennale Venedig vertreten. In zwei Wochen geht es los. Wir spähen hinter den Vorhang.

          Das Baumaterial - Fenster, Türen und Mauerstücke - kam per Lastkahn in die Lagune von Venedig. Der Künstler Gregor Schneider, 1969 in Mönchengladbach-Rheydt geboren und dort Schöpfer eines mysteriösen „Haus ur“, wird in diesem Jahr den deutschen Pavillon auf der Kunstbiennale von Venedig (9.6.-4.11) gestalten.

          Bislang ist der scheue Rheinländer nur den Eingeweihten der Kunstszene ein Begriff. Seit mehr als einem Jahrzehnt verfremdet er ein gesichtsloses Mietshaus in einer Rheydter Wohnstraße zu einer Art Labyrinth von atmosphärischer Dichte aus verschachtelten Räumen und geheimen Gängen.

          Der „unheimlichsten Künstler der Gegenwart“

          Schneider baut Räume in vorhandene Räume, Fenster öffnen sich zu neuen Fenstern, Türen führen vor kahle Mauern und selbst in Abgründe. Bisweilen drehen sich Räume im „Haus ur“, senken sich Zimmerdecken, lassen Ventilatoren Gardinen wehen und gaukeln Scheinwerfer Sonnenlicht vor - stets so unmerklich, berichten die wenigen Besucher des Gehäuses, dass man es nur bei größter Aufmerksamkeit wahrnimmt. Zu Ausstellungen in angesehenen Museen zwischen London, Frankfurt, Paris oder Wien transferierte Schneider ganze Zimmer, überraschte das Publikum mit abgeschabtem Interieur, bei dem sich die Energie des Künstlers mit der Geschichte des Ortes und den Assoziationen des Betrachters mischt.

          Im Sinne dieses geheimnisvollen Konglomerates von Räumen, mit dem Gregor Schneider „seiner Seele ein Haus baut“, will der Künstler auch mit dem deutschen Pavillon in Venedig verfahren, erklärte der deutsche Biennale-Kommissar Udo Kittelmann, Leiter des Kölnischen Kunstvereins. Ihn habe am Werk Schneiders unter anderem fasziniert, dass es „authentisch und äußerst individualistisch ist“, sagte Kittelmann der dpa. Mit dem „Haus ur“ habe Schneider den „Status quo des Betrachters im Denken über Kunst in Frage gestellt“. Der Künstler selbst befindet, bei seinem Werk spielten die „Begriffe sichtbar und unsichtbar keine so große Rolle“. Vielmehr käme es dabei an auf „bewusste und unbewusste Wahrnehmung, Erkennen und Nicht-Erkennen“.

          Konspirative Gruppen

          Selbstverständlich wird die Eigenart von Schneiders Einbau in den deutschen Pavillon mit den Säulen aus der Mussolini/Hitler-Epoche noch als Geheimnis behandelt. Klar ist jedoch schon, dass sich die Besucher nur in kleinen Gruppen der wohl eher düsteren Suggestion des teils transferierten, teils „gedoppelten“ Mönchengladbacher Hauses aussetzen und durch die zugewucherten Gänge, Treppen und Räume bewegen dürfen. Das Ganze sei „sicher nicht für die oberflächliche Betrachtung“ gemacht, meint Kittelmann. „Es geht um die Affekte, die von den Räumen ausgehen“, sagt er.

          Ob das internationale Kunstpublikum in Venedigs lichten „Giardini“ die sinistren Absichten von Schneiders „Haus ur“ als Mischung aus Skulptur, begehbarer Geschichte und Psychogramm goutiert, das bleibt abzuwarten. Immerhin klingt bereits die Beschreibung des Rheydter Ur-Projektes als „halb Pharaonengrab, halb Hitchcock-Motel“, wie sie ein Magazin vornahm, fast wie eine Warnung an schwache Gemüter.

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