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Kunstbiennale : Der Mensch als Haus, ein Thema, dass die Kunst beschäftigt

  • -Aktualisiert am

Ron Mueck beeindruckt mit einer fünf Meter großen Wachsfigur Bild: Ron Mueck

„Bauen und Wohnen“ könnte das Motto der 49. Kunstbiennale von Venedig lauten. FAZ.NET schaut aus diesem Blickwinkel auf die Großausstellung.

          Der Mensch ist ein Haus. Dieser Gedanke scheint sich fast leitmotivisch durch die 49. Biennale von Venedig zu ziehen. FAZ.NET Mitarbeiterin Belinda Grace Gardner findet es dort als Zelle, als beklemmenden Ort und in zahlreichen Varianten im Video, in Installationen und Fotografien wieder.

          Das Haus tritt auch konkret in Venedig auf, nämlich in Tierform. Etwa als Schildkröte. Die italienische Künstlergruppe "Cracking Art Group" hat goldene Exemplare über das gesamte Ausstellungsgelände der Giardini verteilt.

          Man findet Häuser als bedrückende, tote, verlassene und ihrer Funktion beraubte Hüllen. Auf der mit über 300 Künstlern bestückten Groß-Ausstellung, die aus den Länderbeiträgen in den Giardini und der von Harald Szeemann kuratierten Schau „Plateau der Menschheit“ besteht, wird viel gebaut, aber wenig gewohnt.

          Loris Cecchini, Gummihaus atmend

          Verlassen und steril

          Der kanadische Videokünstler Stan Douglas (1960) zeigt in den Hallen der Arsenale eine Frau, die ein verlassenes Haus durchsucht. Priscilla Monge (1968) aus Costa Rica hat einen Raum wie eine Gummizelle mit Damen-Binden auskleiden lassen. Paul Pfeiffer (1966) aus New York stellt ein "Selfportrait as a Fountain" als Duschvorhang in einem klassisch-sterilen Badezimmer-Interieur vor. Und auch die Deutsche, Alexandra Ranner (1967), zeigt ein Badezimmer-Interieur als beklemmende und versiegelte Situation des eigenen Selbst. All dieser Räume haben im übertragenen Sinn mit dem eigenen Körper, oder mit dem eines anderen zu tun.

          Gregor Schneider (1969), der Künstler aus Rheydt bei Mönchengladbach, der in diesem Jahr Deutschland auf der Biennale in Venedig vertritt, hat am stringentesten das Haus als Metapher des eigenen Selbst umgesetzt. "Totes Haus ur" nennt der Kölner Kurator, Udo Kittelmann den beunruhigenden Beitrag des 32-jährigen Bildhauers. Ein Haus im Haus ist entstanden, das Gregor Schneider hier wieder aufgebaut hat. Hinter einer spießigen Eingangstür lauert eine albtraumhafte Kletterpartie, die ins Innere des Deutschen Pavillons führt. Jeweils nur ein Besucher ist zugelassen. Die psychische Befindlichkeit eines Individuums wird überdimensioniert greifbar und bis ins Detail bloßgelegt. Gänge und Nebengänge, offene und geschlossene Räume, Niedriges und Hohes liegen da eng beieinander.

          Staub und Dreck

          Einige Szenen im Haus „ur“ erinnern an Horrorklischees. Etwa, wenn eine Hose aus einer Dachluke hängt und man an ein Mordszenario denken muss. Überall dort, wo Gregor Schneiders Installation auf diese Weise platt erzählt, wird sie unglaubwürdig. Staub und Dreck durchziehen das verschachtelte Haus. Dennoch braucht man keine Schutzkleidung mitzubringen. Nur etwas Geduld, denn die Schlangen winden sich. Der größte Teil des bombastischen Deutschen Pavillons ist von Gregor Schneider ausgenutzt worden. Innen ist es teilweise so dunkel, dass man die Orientierung verliert. Der Besucher muss Leitern rauf- und runterklettern. Es gibt Nischen und Kellerräume. Schließlich hat "jeder Mensch eine Leiche im Keller", meint jedenfalls Udo Kittelmann. Gregor Schneider macht vor, wie man seiner Seele ein Haus bauen kann. Seit 16 Jahren beschäftigt er sich kaum mit etwas anderem. Das „Tote Haus ur“ und der Bildhauer sind identisch.

          Auch der Amerikanische Künstler Robert Gober (1954) knüpft in Venedig an die Hausmetapher an. Er hat eine Art Schutzkellerszenario mit Stufen nach unten zu einer gelben Kellertür gebaut, die von hinten durch einen Lichtschein beleuchtet wird. In diesen Raum kommt man genauso wenig hinein, wie in manche Ecke im „Toten Haus ur“. Beide Künstler beleuchten den unbetretbaren, letzten Raum des Inneren mit rückwärtigem Licht. Der übergeordnete Reiz der Arbeiten liegt da, wo man nicht rankommt.

          Ein Schachtelhaus - ein Schneckenhaus

          Dem Klassiker Richard Serra (1931) ist im Hinblick auf Behausung eine hinreißende, schneckenförmige Spirale gelungen. Sie ist aus Stahl, leicht gebogen, nach oben offen und monumental. Wenn man hinein geht, erwartet man gewundene Enge. Dann stößt der Besucher auf Weite und fühlt Befreiung. Dem Amerikanischen Bildhauer ist ein Gegeneffekt zu Schneiders kompliziertem Gehäuse gelungen. Sein minimalistisches „Haus“ steht dem psychisch befrachteten entgegen.

          Die Beiträge von Schneider und Serra wurden an den Vorbesichtigungstagen am meisten und am positivsten diskutiert.

          Im Ganzen lohnt sich der Rundgang durch die beiden Ausstellungsterrains „Plateau der Menschheit“ und durch die Länderpavillons. Der Besucher muss sich allerdings darauf einstellen, dass er physisch mehr gefordert wird, als bei gewöhnlichen Kunstausstellungen: Lange Warteschlangen vor einzelnen Länderpavillons und ermüdende Zeiten in zahllosen Dunkelräumen, in denen Videos vorgeführt werden. Aber auch Fitness- und Mutproben verlangt diese Biennale dem Besucher ab, der eben nicht nur intellektuell, sondern mit allen seinen Sinnen heraus gefordert wird. Während sich interessante Künstlerbeiträge finden, scheint die Regie der Gesamtveranstaltung aus dem Ruder gekaufen zu sein.

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