https://www.faz.net/-gqz-80v7x

Zum Tod von Frei Otto : Zwischen Himmel und Erde

Wie man leicht und immer leichter baut, bis die Dächer schweben: zum Tod des Architekten Frei Otto, dem Erbauer des Münchner Olympiadachs.

          Kann es sein, dass Pharrell Williams, der wunderbare amerikanische Musiker, als er nach einer Beschreibung für die euphorische Variante des Glücklichseins suchte und die Zeile fand „clap along if you feel like a room without a roof“, im Münchner Olympiastadion saß, unter Frei Ottos Zeltdach, und von dort nach oben schaute, in den weißblauen Himmel, dem er sich, weil das transparente Zelt nicht wie ein Dach, sondern wie ein Hauch aussah, wie eine Lupe aus Luft, noch näher fühlte, als wenn er direkt hinaufgeschaut hätte?

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nein, das ist, einerseits, äußerst unwahrscheinlich. Und andererseits sind das Glück, der Himmel und die Musik genau die Begriffe, die es braucht, um die Wirkung dieses Werks, das Architektur und Ingenieurskunst ist, angemessen zu beschreiben. Frei Otto war Architekt – und dass wir, wenn wir von ihm sprechen, meistens über seine Dächer sprechen, liegt daran, dass er, anders als die meisten seiner Zeitgenossen, so ein genaues Bewusstsein davon hatte, dass ein Dach etwas anderes und sehr viel mehr ist als der Deckel, den man einem Haus aufsetzt, damit es nicht hineinregnen kann. Das Dach gehörte für ihn immer zu den wundersamen Phänomenen, die wir zwischen Himmel und Erde beobachten. Und nachdem die gotischen Kathedralen, die barocken und klassizistischen Kuppeln aus der Mode gekommen waren, erinnerte Frei Otto seinen Berufsstand wieder daran, dass ein Gebäude, zumal ein öffentliches und womöglich feierliches, so konstruiert sein sollte, dass der, der drinnen steht und hinaufschaut, im Dach eher den Beginn des Himmels als den oberen Rand der Erde zu sehen meint. Im Zweiten Weltkrieg geriet Otto in französische Kriegsgefangenschaft und war interniert in der Nähe von Chartres, dessen Kathedrale eine seiner wichtigsten Inspirationen wurde.

          Vielfalt des Organischen

          Ach, es war abscheulich und banausenhaft, und zugleich war es verständlich, dass Franz Beckenbauer einst bekannte, dass er sich manchmal wünschte, ein Terrorist würde eine Bombe zünden, und dann wäre es weg, das verdammte Stadion. Wer jemals unter dem Zeltdach saß während eines Spiels des FC Bayern, der hatte eine miserable Sicht aufs Spiel und eine wunderbare Sicht nach oben; kein Wunder, dass die Münchner Fans für schwer entflammbar galten.

          Ach, es ist ungerecht gegen Frei Otto, der ein so neugieriger, experimentierfreudiger und einfallsreicher Architekturforscher und Baumeister war, wenn man so ausführlich übers Münchner Olympiagelände und viel zu wenig über seine vielen anderen Werke spricht. Aber es liegt nicht nur daran, dass 1972 die ganze Welt nach München schaute; es liegt vor allem an der unabweisbaren und überhaupt nicht gealterten Qualität und Schönheit dieser Architektur, dass, wer nach einem gültigen, verständlichen und überzeugenden Bild vom modernen Deutschland sucht, nichts Besseres als jenes Münchner Olympiagelände finden wird (für dessen Gestaltung Frei Otto zusammen mit Günther Behnisch verantwortlich war). Und selbst wer sich heute durchs Sandsteinlego des neuen Berlin bewegt oder den Boutiquenschick Münchner Neubauten betrachtet, wird irgendwann fragen: Kann es sein, dass Architekten und Bauherren, die solche Ödnis für modern und zeitgemäß halten, niemals das Münchner Zeltdach gesehen haben? Oder hat sich Deutschland in den Jahren, die seit 1972 vergangen sind, so zu seinem Nachteil verändert, dass die Leichtigkeit, die Offenheit, die Transparenz, welche bei Frei Otto ja keine Metaphern, sondern direkt spürbare Raumerfahrungen waren, gar kein angemessener architektonischer Ausdruck dessen wären, wie wir heute leben und wie wir leben wollen?

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Topmeldungen

          Länger leben : Kerle, macht’s wie die Frauen

          Von der Gleichstellung der Geschlechter profitieren auch Männer – sie sind gesünder und leben länger. Die regionalen Unterschiede, die in einer Studie sichtbar werden, überraschen.
          Viele Fragen an den Präsidenten in der Whistleblower-Affäre: Donald Trump beantwortet Reporterfragen vor dem Weißen Haus.

          Telefonat mit Selenskyj : Trumps Erpressung

          Für Donald Trump ist das Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten nicht verwerflich. Er sieht nichts Schlimmes darin, seine Macht zu nutzen, um politischen Konkurrenten wie Joe Biden zu schaden. Dabei beginnt der Skandal schon an anderer Stelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.