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Zwei Welfen-Ausstellungen in London : Das hat England von Hannover gelernt

Auf dem britischen Königsthron sitzt seit dreihundert Jahren ein deutsches Adelsgeschlecht. Wie es sich dort festgesetzt hat, das zeigen zwei Ausstellungen. London staunt über seine Herrscher.

          Ein um 1727 datierter Panoramablick über den St. James’s Park auf die Biegung der Themse und die wie Speerspitzen in den Himmel stechenden Kirchtürme um die Kuppel der Paulskathedrale bietet eine präzise Ansicht der britischen Hauptstadt zu Beginn der georgianischen Ära. In der linken Bildhälfte fügt sich der St. James’s Palast, die offizielle königliche Residenz, unauffällig ins Stadtbild, als wäre es bloß ein weiterer Gebäudekomplex der Handelsmetropole. Es ist kein prunkendes Herrschaftsschloss – wie es sich selbst die kleinsten kontinentaleuropäischen Fürstenhäuser leisteten, um ihre Macht zur Schau zu stellen –, das sich auf Johannes Kips Radierung von den großbürgerlichen Häuserzeilen absetzt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          So blieb es noch lange Jahre nach der hannoverschen Thronbesteigung. Vanburghs Pläne für den Ausbau des St. James’s Palast wurden zu den Akten gelegt und William Kents Entwurf für ein königliches Landschloss kam über die Modellphase nicht hinaus. Dass dies sich weder dem Zufall noch der mangelnden Kunstsinnigkeit verdankte, sondern dem klugen Kalkül der ersten Hannoveraner auf dem britischen Thron, ist das Grundargument der Ausstellung, mit der nun das britische Königshaus den dreihundertsten Jahrestag der Personalunion zwischen Hannover und Großbritannien begeht.

          Kontinuität und Unauffälligkeit

          Sie widerspricht dem von der Stuart-Propaganda geprägten Bild der Welfenkönige als ungehobelte deutsche Strohmänner, die – wie der katholische Schriftsteller G.K.Chesterton stänkerte, als er Georg I. als „Barbaren von jenseits des Rheins“ verunglimpfte – eingesetzt worden wären, damit der britische Adel seinen Interessen ungehindert frönen könne. Vielmehr zeichnet die lehrreiche Ausstellung in der Queen’s Gallery des Buckingham Palastes als eine von mehreren sich ergänzenden Veranstaltungen, die in den kommenden Monaten zum Thronbesteigungsjubiläum in Großbritannien und Niedersachsen stattfinden, das Bild einer aufgeklärten Herrschaft, die ihre unsichere Legitimierung in bewusstem Gegensatz zur Herrlichkeit des katholischen Absolutismus durch die Besinnung auf britische Traditionen und die Werte der altrömischen Republik zu festigen suchte.

          Die Gegenüberstellung eines Porträts der abgesetzten Stuart-Herrscherfamilie in der barocken Pracht ihres französischen Exils mit einem propagandistischen Stich, der die hannoversche Sukzession mit einer Fülle von allegorischen Figuren, darunter Britannia, der Überfluss und die den Papst niedertretende Freiheit, zelebriert, macht die widerstreitende Herrschaftsmodelle anschaulich.

          In diesem Zusammenhang kann Kips Panoramablick gleichsam als Sinnbild der auf Kontinuität und Unauffälligkeit bedachten Herrschaft der ersten beiden Georgs gedeutet werden. Wie Wolf Burchard, einer der Mitkuratoren im seinem Katalogbeitrag über die Häuser der Dynastie hervorhebt, war die Residenz der Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach, einem der kleinsten deutschen Fürstentümer, immer noch luxuriöser als die königlichen Paläste, mit denen die aus diesem Hause stammende Caroline als Frau Georgs II. in London Vorlieb nehmen musste.

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