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Lucia Moholy und László Moholy : Brutstätte des neuen Sehens

  • -Aktualisiert am

Partner im Leben und der Kunst, getrennt in zwei Präsentationen: In Essen und in Köln sind Werke der Fotopioniere Lucia Moholy und László Moholy-Nagy zu sehen.

          3 Min.

          Den Weg von der „Zauberkunst“ bis zur „Weltmacht“ zeichnet der schmale Band „A Hundred Years of Photography“ nach, der sich nach seinem Erscheinen im Jahr 1939 umgehend mehr als vierzigtausendmal verkaufte. Dass der von großer Sachkenntnis geprägte, populär verfasste Bestseller von Lucia Moholy nicht spontan wiederaufgelegt wurde, dürfte auch durch die zeithistorischen Umstände begründet sein, nachhaltig rezipiert aber wurde das Buch über die technische Entwicklung der Fotografie und ihre Rolle in der Gesellschaft auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht eigentlich.

          Dabei hat sich bis heute nicht nur bestätigt, was die Autorin am Ende ihrer Darstellung als nüchternes Fazit zog, es mutet vielmehr weit vorausschauend an: Ein Leben ohne Fotos sei nicht mehr vorstellbar, „sie ziehen durch die Atmosphäre, ungesehen und ungehört, über Entfernungen von Tausenden Meilen. Sie sind in unserem Leben, so wie unser Leben in ihnen.“

          Lucia Moholy (1894 - 1989).
          Lucia Moholy (1894 - 1989). : Bild: Museum Ludwig, Köln

          Vor einigen Jahren wurde das übergangene Standardwerk in deutscher Übersetzung neu herausgebracht, nun liegt ein originales Exemplar aus der „Pelican Series“ von 1939 in einer Vitrine im Museum Ludwig aus. Mit einer sehr kleinen, aber informativen Kabinettausstellung erinnert das Museum an die Einflüsse und die Rolle Lucia Moholys. Die Bedeutung der 1989 im Alter von fünfundneunzig Jahren gestorbenen Fotografin und Autorin wurde über die Jahrzehnte hinweg – fast systematisch – kleingehalten. So auch tatkräftig durch Walter Gropius. Der Bauhaus-Gründer hielt über einen langen Zeitraum 500 bis 600 Glasnegative von ihr bei sich unter Verschluss und damit nicht zuletzt ikonische Aufnahmen der Weimarer und Dessauer Kunstakademie, die deren Gesicht bis heute prägen. Das gilt sowohl für die sachlich dokumentierten Bauhaus-Produkte, die „Meisterhäuser“ wie auch die schnittigen, Aufbruch bekundenden Perspektiven auf die Fassaden der Dessauer Hochschule.

          Erst nach einem Rechtsstreit erhielt Moholy in den späten fünfziger Jahren ihr Bildeigentum von dem in die Vereinigten Staaten ausgewanderten Bauhaus-Gründer zurück. Noch 1968 beschwert sie sich in einem in der Kölner Ausstellung gezeigten Brief an L. Fritz Gruber, die Kölner Instanz in Sachen Fotografie, dass zahlreiche Aufnahmen in einer Bauhaus-Ausstellung und auch im Katalog ohne ihren Namen aufgeführt seien: „Man hat sich offenbar damit begnügt, mich in der Liste der ,Leihgeber‘ zu nennen.“

          Vom Vorwurf der Missachtung – auch durch die Forschung – auszunehmen ist der Fotohistoriker Rolf Sachsse, der 1985, noch zu ihren Lebzeiten, eine Monographie zur Fotografin vorlegte und darin auch ihren profunden Einfluss auf das Werk ihres Ehemanns László Moholy-Nagy kenntlich machte. Der ungarische Bauhaus-Lehrer war anfangs auf die Kenntnisse seiner Partnerin angewiesen, als er mit dem Medium Fotografie zu experimentieren begann, ganz zu schweigen von der Sprachkompetenz seiner Ehefrau, die ihm bei programmatischen Texten zu Seite stand. So schrieb Sachsse einigermaßen unerschrocken, Lucia Moholy das großartige Doppelporträt „László und Lucia“ zu, das 1923 als Fotogramm entstanden war und in der Ausstellung im Museum Ludwig zu sehen ist: Die Köpfe der beiden verschmelzen in einer helllichten Erscheinung zu einem Doppelgesicht, das schwerelos wie im All schwebt. Poetischer lässt sich weder eine innige Beziehung noch eine künstlerische Allianz ins Bild setzen.

          László Moholy-Nagy Ohne Titel, Dessau, 1925/1926.
          László Moholy-Nagy Ohne Titel, Dessau, 1925/1926. : Bild: Museum Folkwang, Essen

          Wenn die Kuratorin Miriam Szwast nun beide Künstler zusammen als Autoren vorschlägt, ist diese Zuschreibung nicht neu und zudem eher zurückhaltend, womöglich trifft sie die Umstände der Entstehung sogar präziser als eine einzelne Urheberschaft. In jedem Fall ist es nur gerechtfertigt, die Fotografin und Künstlerin Lucia Moholy stärker zu würdigen, wobei sich die kleine Präsentation mit ihren wenigen Fotos aus der Dessauer Zeit selbst wiederum wie eine Fußnote ausnimmt – und genügend Raum lässt für eine umfassende neue Würdigung.

          Dennoch besucht man die ebenfalls kleine Ausstellung im Museum Folkwang mit sammlungseigenen Werken von László Moholy-Nagy danach mit einem geschärften Blick. Man erkennt nun, dass dem Fotokünstler, Maler, Grafiker und Filmer eine kongeniale Partnerin nicht nur beistand, um seine Ideen praktisch wie theoretisch in die Tat umzusetzen, sondern dass sie ihn auch darin unterstützte, im dynamischen Blick auf die Wirklichkeit eine neue, zeitgenössische Ästhetik zu entwickeln. Man schaut hier in die Brutstätte eines Pioniers des Sehens, allein dann etwa, wenn Moholy-Nagy aus der Fotografie abstrakte Kompositionen mit amorphen Formen hervorgehen lässt.

          Den Wiedererkennungswert gerade in diesem Medium gen null zu fahren war seinerzeit „ein kühnes Unternehmen“, schrieb Herbert Molderings zu den jetzt wiederausgestellten Werken, als sie 1996 in den Besitz des Essener Museums übergegangen waren. Inzwischen vermerken aber auch hier die Wandtexte: „László und Lucia Moholy beginnen 1922 mit der Herstellung von Fotogrammen.“ Fraglos eine angemessene Präzisierung.

          Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben. Im Museum Ludwig, Köln; bis 2. Februar.

          László Moholy-Nagy: Bauhaus am Folkwang. Im Museum Folkwang, Essen; bis 12. Januar. Beide Ausstellungen ohne Katalog.

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