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Zwanzigerschau in Mannheim : Der Aufbruch der Frauen

Boring Twenties: Auch Mannheims Kunsthalle sucht wie viele Museen derzeit den Geist der Zwanziger. Der neue Direktor Johan Holten stellt dies aber in seiner Premiereausstellung „Umbruch“ subtiler an als andere – und findet viele offene Fragen.

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          Mühelos könnten die Bilder Anita Rées allein das „Berlin Babylon“-Gefühl der zwanziger Jahre repräsentieren. Zum Beispiel ihr „Bildnis Giuseppina“, das die mit nur achtundvierzig Jahren aus dem Leben geschiedene deutsch-jüdische Malerin von 1922 bis 1925 immer wieder überarbeitet hat. Obwohl das bislang nur 2017 in der Rée-Retrospektive in Hamburg ausgestellte Bild aus Privatbesitz nur leidlich gut erhalten ist, lässt das bewegt gespachtelte Rot des Hintergrunds auf ungrundierter Leinwand unmittelbar die kompromisslose Modernität der Rée spüren.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Der geneigte Kopf der Freundin Giuseppina, während eines dreijährigen Italien-Aufenthaltes entstanden, ist als Brustbild im verlorenen Profil gegeben. Angesichts des kleinen kugeligen Busens mit seinen auf einem imaginären Bildrand aufliegenden Brustwarzen lässt sich leicht vorstellen, dass die Malerin das beliebte Renaissance-Sujet „Brustbild“ bewusst wörtlich verstehen wollte. Faszinierend unbestimmt bleibt jedenfalls Giuseppinas Blick, der – würde man nur die hochgezogenen Augenbrauen sehen – herausfordernd wirkte, mit den dunkel unlesbaren Augen und dem spitzen geschminkten Mund aber eher von großer Offenheit und Neugier gegenüber der Malerin spricht. Weshalb das Bild auch gestern erst von Rosa Loy in Leipzig gemalt sein könnte, zeigt sich weniger am Bubikopf als ikonischer Frisur der Zwanziger als vielmehr an der verrätselten Vielfalt dessen, was hier von Rée im Amalgam der Farbe zusammengeführt wurde. Das Unvergängliche ihrer Kunst scheint es, sich im Lebensporträt der anderen selbst zu erkunden.

          Kann Dinsky tanzen? In Clement Cogitores Film „Les Indes Galantes“ von 2017 tanzen die jungen Pariser Vorstadtindianer soziale Ungerechtigkeiten und Konflikte mittels „Krumping“ aus, und zwar in der elitären Pariser Oper. Dabei bewegen sich Ghetto-Kinder von hundertzwanzig Kilogramm so grazil wie die barocken Tänzer der Vorlage von 1782.
          Kann Dinsky tanzen? In Clement Cogitores Film „Les Indes Galantes“ von 2017 tanzen die jungen Pariser Vorstadtindianer soziale Ungerechtigkeiten und Konflikte mittels „Krumping“ aus, und zwar in der elitären Pariser Oper. Dabei bewegen sich Ghetto-Kinder von hundertzwanzig Kilogramm so grazil wie die barocken Tänzer der Vorlage von 1782. : Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2020

          Rées ebenfalls in der nun eröffneten Mannheimer Schau „Umbruch“ ausgestelltes „Bildnis Hildegard Heise“ von 1928 dagegen zeigt sechs Jahre später, was sich im Verlauf der Zwanziger bis fast zu ihrem Ende verändert hat: Die Fotografin Heise blickt den Betrachter jetzt frontal, sehr selbstbewusst und unverhohlen herausfordernd in aller Androgynität an. Zwar steht auch sie wie Guiseppina vor einem monochromen Hintergrund, der diesmal allerdings tiefschwarz ist. Durch den Widerschein des Fotografenscheinwerferlichts auf ihrem ebenfalls schwarzen Haar glänzt es wie ein Helm noch metallischer. Rechts neben ihr ragen zwei Schafgarben auf, die ein pflanzenallegorisches Rätsel aufgeben könnten, dies allerdings nicht schaffen – sie wirken in ihrer Entwurzeltheit jugendstilig dekorativ und aufgesetzt.

          Die doppelte „Klarheit“ in Gesichtsausdruck und Bildaussage läutet die „Neue Sachlichkeit“ ein, die sich gehäutet bis weit in die dreißiger und vierziger Jahre, im Fall des Malers Christian Schad sogar in die Fünfziger ziehen sollte. Als Etikett wurde die Neue Sachlichkeit vor fünfundneunzig Jahren in Mannheim erfunden: in der gleichnamigen Kunsthallen-Schau von 1925. Bilder von Rée, die aufgemuskelten Selbstbildnisse der selten gezeigten Malerin Hanna Nagel wie auch die Gesellschaftsporträts der gut bekannten Jeanne Mammen aber waren damals nicht zu sehen. Das holt die Kunsthalle nun nach und zeigt damit auf den ersten Blick, dass ein wesentlicher Umbruch der Zwanziger die kulturellen Beiträge von Frauen auf breiterer Basis als je zuvor waren.

          Ein neuer Mondrian aus Täbrizintarsien und Auslegware: Der „Resonanz Raum Mannheim“ von Nevin Aladag, 2020. Links in der Ecke eine kubistische Trommel mit Leder bespannt, rechts eine überdimensionierte Harfe aus Fundstücken.
          Ein neuer Mondrian aus Täbrizintarsien und Auslegware: Der „Resonanz Raum Mannheim“ von Nevin Aladag, 2020. Links in der Ecke eine kubistische Trommel mit Leder bespannt, rechts eine überdimensionierte Harfe aus Fundstücken. : Bild: Kunsthalle Mannheim

          Ausdrücklich will der neue Direktor der Kunsthalle, der Däne Johan Holten, dies im Gespräch allerdings nicht als Kritik an der mutigen Ausstellung seines Vorgängers Gustav Hartlaub verstanden wissen. Das faszinierende, ebenfalls gezeigte, frühkubistische Selbstporträt Rées von 1915, das Cézanne auch nicht besser gemalt hätte, wurde der gerade einmal Fünfundzwanzigjährigen von der Hamburger Kunsthalle noch im Jahr der Entstehung abgekauft – sie war mithin keine Unbekannte, verweigerte aber große Gruppenausstellungen. Jeanne Mammen dagegen war 1925 eher für ihre Jetset-Illustrationen in vielgelesenen Modejournalen bekannt, die in Aquarell und Graphit Momentaufnahmen des sich rasant verändernden Berlins festhielten. Die Dritte im Bunde schließlich, Hanna Nagel, begann 1925 überhaupt erst ihr Malereistudium bei Karl Hubbuch in Karlsruhe.

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